Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 17 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- Seite 197 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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nm Sein Arbeitsgebiet war, wie Ludwig Geiger s. A., mit dem ihn innige Freundschaft verband, in einer kurzen, das Bild des Entschlafener umrahmenden Lebensbeschreibung von ihm sagte, praktische Theologie, der er auch bis zu seinem letzten Atemzuge treu blieb. Das bekunden seine zahlreichen Aufsätze in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" und in verschiedenen anderen Zeitungen und Zeitschriften, von denen wir nur seinen Beitrag „Bemerkungen zum Begriff und zur Methode der praktischen Theologie" in der Festschrift zum 70. Geburtstage von Hermann Cohen erwähnen, sowie seine (im Verlag von M. Poppelauer) erschienenen Predigtsammlungen: Kinderpredigten (1901), Kriegspredigten (1918), Festschrift zum 70. Geburtstag von Prosessor Dr. Maybaum (1914). Erwähnt sei auch die von ihm unternommene Abfassung einer Religionspädagogik, die einen Teil des von der Gesellschaft zier Förderung der Wissenschaft des Judentums herausgegebenen Grundrisses bilden soll, an deren Vollendung — wir wissen nicht, wie weit sie gediehen ist — er auch in den letzten Jahren, wo sein Gesundheitszustand merklich erschüttert war, unablässig arbeitete. Samson Hochfeld war ein liberaler Rabbiner; nicht weil er die Gesetzesstrenge als eine drückende Last empfand, von der man sich, um die Bequemlichkeit des Lebens unbehindert genießen zu können, unter allen Umständen lossagen müsse, sondern weil er in gleicher Weise wie seineinstiger Lehrer S. Maybaum in der liberalen Auffassung des Judentums, die wissenschaftlich begründet ist, die einzige Bürgschaft für den Fortbestand des jüdischen Stammes und seinerreligiösen Errungenschaften auch in der Diaspora erblickte. „Das Judentum" — führte er in einer vor etwa zwei Monaten stattgefundenen Versammlung des Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde aus — „ist keine Sammlung von starren Lehren und Grundsätzen, sondern etwas historisch Gewordenes, das immer in Fluß ist- Herzenssrömmigkeit ist wertvoller als religiöse Formen, doch sind diese nicht etwa überflüssig oder wertlos, sie spielen auch für den Liberalismus eine Rolle, sie sind Ausdrucksmittel für das religiöse Leben, sind Stütze, aber nicht Fessel. Eine verständige Pflege der Formen sollte auch von den liberalen Juden gepflegt werden." — Und wie Maybaum war auch er ein ausgesprochener Gegner des jüdischen Nationalismus, aber er dachte ernstlich über diese aktneue Bewegung nach, verkannte auch nicht das Gute, daß der moderne Zionismus geschaffen, und mahnte in engeren Kreisen zu gegen fettiger Achtung, zu Frieden und Eintracht, eingedenk des Prophetenwortes: Liebet Wahrheit und Frieden. Nun ist er in das Reich der Wahrheit und des Friedens cingezogen! Ehre seinem Andenken. A. K. Bit deutschen Juden als Soldaten im Kriege X918. as furchtbare vae victis des Weltkrieges hat bei dem an seiner Kult Immission verzweifelnden deutschen Volke alle bösen Geister innerer Zwietracht, Feindseligkeit und Gewalt geweckt und verschärft, so daß das Reich, das den Krieg verloren hat, in Gefahr schwebt, sich selbst zu verlieren. Der konservativen Katastrvphenpoliitik mit ihren welterschütternden Folgeerscheinungen folgte angesichts der wafsenstarrenden äußeren Gewalten gegen fremdstänimische Volksteile eine rücksichtslose deutschvölkische Agitation, die die Parteiileidenschaften durch vulgärste Schlagwörter und phantastische Argumente vergiftete und urteilslose Elemente zum Klassen- und Rassenhaß auspeitschte. Bei dieser antisemitischen Hetztätigkeit wird allerdings mit der in jüdischen Angelegenheiten eigenartigen völkischen Urteilskraft gerechnet, die jeden mit sensationeller Reklame ausgeführten Angriff kritiklos mit den nötigen Entrüstn'ngs- und Verdammungskundgebungen quittiert. Ein beliebtes Mittel deutschvölkischer Agitation besteht in der Veröffentlichung von Judonstatistiken, die bei mehr oder minder bewußtem Mangel an Objektivität alles und nichts beweisen, meist aber ihren Hauptzweck erfüllen und die in der Volksseele schlummernden latenten Kräfte des Bösen zur hello-dern-den Flamme des Hasses und Kampfes entfachen. Dieses Agitationsmaterial kehrt in den mannigfachsten Variationen mit den üblichen hochtönenden Phrasen wieder, aber die mit Begeisterung verössentlichien Schöpfungen über „Die Inden im Heere", „Die Juden in den Kriegs-' gesellschaften", „Jüdische Kriegsverbrecher" nsw. enthalten eine Fülle mit Geschick verschleierter Posten und ergeben deshalb eine Bilanz von recht zweifelhaftem Werte, doch „die Berranntheit, mit der sich unsere deutschvölkischen Freunde in die Dinge verstrickten, macht sie aus die Zeit unfähig, die Wirklichkeit der Dinge zu sehen", wie ein deutschvölkischer Führer die Psyche seiner Gesinnungsgenossen charakterisiert. Angesichts der erwähnten Strömungen und Unterströmungen bei deutschen Volksteilen ist es mit Genugtuung zu grüßen, daß eine im Philo-Verlag soeben erschienene Broschüre „Die deutsche« Jude« als Soldaten im Kriege 1914—1918", eine -statistische Studie von Dr. Jacob Segall, sich bemüht, in völlig objektiver Weise die mit Sorgfalt gesammelten statistischen Ergebnisse zu werten und aus der Struktur der jüdischen Bevölkerung die Schicksale der Kriegsteilnehmer abzuleiten. Mit Recht betont Prosessor Dr. H. Silbergleit in einem Vorworte, die streng korrekte, jede Plusmacherei ausschließende Untersuchung habe keine Nachprüfung zu scheuen. Dr. Segall kommt auf Gvund vorsichtigster Berechnung zu dem Ergebnis, daß aus 'sämtlichen Landesteilen des Deutschen Reiches insgesamt 96327 jüdische Feldzug s t ei l n eh me r, d. s. 15,66 Prozent der jüdischen Bevölkerung, an Frage kommen; davon entfallen auf Preußen .- ohne Provinz Posen — 60 428 und auf die übrigen Gliedstaaten — ohne Elsaß-Lothringen und Hamburg — 23 924 Mann. Den höchsten Prozentsatz weist Hessen-Nassau mit 9864 — 19,05 Prozent, den niedrigsten der Freistaat Sachsen mit 1230 — 6,99 Prozent auf, während Groß-Berlin mit 19 835 Feldzugsteilnehmern — 13,78 Prozent sich auf der mittleren Bahn bewegt. Bei NichtberücksiHtigung der reichsfromdon Juden erhöht sich der Prozentsatz auf 17,30 Prozent, so daß jeder sechste deutsche Jude am K r i e g e t e i l g >e n o m m e n h >a t; es ergibt sich mithin die interessante Tatsache, daß die jüdische Bevölkerung in Deutschland verhältnismäßig etwa ebenso viel Feldzugsteilnehmer gestellt hat als die Gesamtbevölkerung, obgleich es statistisch feststeht, -baß infolge des jahrzehntelangen immer stärker werdenden Geburtenrückganges bei den deutschen Juden die jüngeren Altersklassen dieser Bevölkerungsg-r-uppe ein-e ' schwächere Besetzung als die höheren aufweisen. Danach standen in Berlin bei der Gesamtbevölkerung von 100 Personen 48, von 100 deutschen Inden nur 45 im Alter von 20 bis 45 Jahren, während die über 45jähr-igen bei der Ges-amtbevölkeru-ng nur 18,70 Prozent, bei den Inden 26,51 Prozent ausmachten. Bon den bisher gezählten 84 352 jüdischen Kriegsteilnehmern in -der deutschen Armee — ohne Provinz Posen, Elsaß-Lothringen und Hamburg — haben über 10 000, d. h. 12 Prozent, sich freiwillig gestellt; davon in Preußen 7832, in den übrigen Gliedstaaten 2241. Unter den preußischen Provinzen weisen insbesondere Ostpreußen (17 Prozent), Brandenburg (17,15 Prozent), Groß-Berlin