Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 17 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- Seite 195 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- Minsk 1× ep/1000754
- Ukraine 1× ep/1001131
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195 müssen ehestens Maßregeln ergriffen werden, um der Gefahr zu entgehen. daß Weißrußland zu einer zweiten Ukraine werde. Die jüdischen Gemeinden haben eine Hilfsaktion für die Pogromopfer organisiert; in Minsk, Bobruifk, Mozyr und Sluzk wurdenjüdische Waisenhäuser eröffnet. Der Minsker kommunistische „Wecker" berichtet über die verzweifelte Lage der Juden rn Weißrußland. Wegen der schlechten ökonomischen Verhältnisse ernähre sich ein Teil der Bevölkerung Weißrußlands von Raub und Plünderung. Der ausgehungerte Pöbel überfalle jedoch fast ausschließlich nur Juden und veranstalte massenweise Pogrome. Ganze jüdische Siedlungen wurden ruiniert und zerstört. Ungeachtet dessen, daß zahlreiche Pogromisten dafür mit dem Leben bezahlen mußten, hält diefe feindliche Stimmung gegen die jüdische Bevölkerung an. * Der 12. Zionistenkongretz in Karlsbad. Der große Kongreß der Zionistischen Weltorganisation, der am 1. September in Karlsbad eröffnet wird, wirft bereits seine Schatten voraus. Es ist das zwölfte Mal seit dem ersten Zionistenkongreß 1897 in Basel, daß sich die Delegierten der Zionistischen Organisationen aus allen Teilen der Welt zur Beratung ihrer Angelegenheiten versammeln. Aber welcher Unterschied besteht zwischenjener Baseler Versammlung und dem Kongreß in Karlsbad. Damals ein kleines Häuflein glühender Idealisten, die auf den Ruf Theodor Herzls nach Basel geerlt waren, und dort die Zionistische Organisation gründeten. Inzwischen ist die Zionistische Organisation zu einer der größten , uno verzweigtesten Organisationen der Erde geworden und hat sich die Anerkennung des Völkerbundes errungen. Der 12. Zionistenkongreß in Karlsbad ist der erste Kongreß nach dem Vertrag von San Remo, durch den England das Mandat über Palästina zuertei'lt wurde mit der ausdrücklichen Verpflichtung, das Land so zu verwalten, daß dort die nationale Heimstätte sur das jüdische iüolt entsteht. Der bevorstehende Zionistenkongreß ruft in den weitesten Kreisen des jüdischen Voltes ein lautes Echo hervor, Illach den letzten Berichten, wird uns geschrieben, kann man damit rechnen, daß meyr als eine Million Juden durch Bezahlung des „Schekels" das Wahlrecht zum Kongreß sich erworben hat. Aus allen Teilen der Erde werden Delegrerre nach Karlsbad kommen. Man erwartet eine sehr große Detegarion aus Amerika, und um besonderem Interesse spricht man von der Delegation, die aus Sowjetrußland unterwegs ist und die nach letzten Naa-richren fast Vü Mann starr sein soll. Die Zahl der Delegierten, die zum Karlsbader Kongreß rommen, dürste 5ix> bis ouo oerragen. Vrele taufende Anmeldungen für Gastrar len liegen bereits vor, und der große Lheaterj-aal des „Schützenhaus.es' in KarlS«- vad reicht vei weitem nicht aus, um alle die Besucher aufzuneyineu, die sich zum Kongreß nach Karlsbad begeben wollen. Eme Fülle von Veranstaltungen wird den Kongreß umrahmen. Ern großes Turnfest der juorjchen Lurnerjchasl ist vorgesehen sowie em March zwischen -den besten jüdrschen I >u ß ba l t m a n n - schäften. Die Freie jüdische B ü tz n e aus Wien wird vornusstchtltch im Staottheater Karlsvads während der Kongreßzeit einige BorsteUungen geben. Das Hatoah-Orchesrer aus Wien wird emen großen ^tmphon-teabeno veranstalten, &ia ütojen, die bekannte Bibelrezltatorm, wird im Kürhause lesen usw. Die Behörden der tschechoflowartlchen Republik bringen dem Kongreß das größte Interesse entgegen. Alle Gefandtfchasren und Konsulare sind angewiesen, den Kongreßbesuchern bei der PaßerieMmg ux weitestem Maße entgegen zu kommen. Di-e Teilnehmer am Kongreß erhalten eme bedeutende Ermäßigung aus den tschechoftowatischen Eisenbahnen. Auch die österreichische und die deutsche Regierung haben Anordnungen getroffen, um den Reisenden zum Kongreß die Bifabe'sorgung möglichst zu erleichtern. Die Presse der ganzen Welt hat für den Kongreß naturgemäß ein sehr lebhaftes Interesse. Fast alle großen Telegraphen und Rachrichtenbureaus sowie die führenden großen Weltblätter haben ihre Berichterstatter zum Kongreß bereits .angemeldet. Die Kongreßleitung wird während des Kongresses ein eigenes Tageblatt die „Kongreßgeitung", Herausgaben, die jeden Tag einen ausführlichen Bericht über die Verhandlungen des vorhergehenden Tages bringen wird und für die bereits jetzt eine außerordentliche Nachfrage sich bemerkbar macht. Das Palästinanrarrdkt. Wie Sokolowin Prag mitgeteilt hat, hat ihn Balfour, den er nur 1. Juli sprach, versichert, daß er mit seiner ganzen Energie die Frage des Palästinamandates auf der Völkerbundsitzung, die im September stattfinden wird, unterstützen werde. Höchstwahrscheinlich werde auf dieser Sitzung im September die Mandatsfrage endgültig erledigt werden, um so mehr, als diesbezüglich kerne Meinungsverschiedenheiten zwischen England und Frankreich bestehen. Laut dem „Rajen Hajnt" fordern auch Churchill und Samuel die eheste Erledigung des Palästinamandates, da dies günstig auf die Pazifizierung Palästinas einwirken werde. 3. P. Z. * Weidmanns Verhandlungen mit der englischen Regierung. Der politische Korrespondent des „Jewish Chronicle" berichtet: Die erneuerten Bemühungen der zionistischen Führer, von der Regierung eine klare und bestimmte Erklärung ihrer Politik in bezug aus den Zionismus zu erlangen, haben zu einer wichtigen Unterredung zwischen Dr. Weizmann und dem Premierminister geführt. Der Präsident der Zionistischen Weltorganisation hatte vor kurzem eine Unterredung mit Lloyd George in der Wohnung Minister Balfours. Außer den erwähnten Persönlichkeiten war auch Churchill anwesend. General S m u t s hatte gleichfalls seine Anwesenheit in Aussicht gestellt, war aber am Kommen verhindert.' Die Unterredung dauerte eine beträchtliche Zeit, und in ihrem Verlaufe erstattete Weizmann - ein ausführliches Expofo, in welchem er die zionistischen Forderungen in Palästina vorlegte. Er schilderte die gegenwärtige unbefriedigende Lage im Lande und betonte die Notwendigkeit, daß die Regierung sowohl in ihren Erklärungen als auch in ihren Taten eine Politik verfolge, die mit dem wahren Sinn der Balsour- Detlnration in größerer Übereinstimmung steht. Wie ich höre, hat er auch betont, welche große Gefahr in einem weiteren Aufschub der Bestätigung des Mandates liegt, und verlangt, daß die Verwaltung Palästinas in ihrer Politik mehr Klarheit und Entschlossenheit in bezug auf die zukünftige Rolle der Juden in Palästina zeige. Die anwesenden Minister beteiligten sich lebhaft an der Distüffion, insbesondere der Kolonialminister, und Lloyd George gab Weizmann die Versicherung, daß das Kabinett allem, was er gesagt hat, die größte Aufmerksamkeit widmen wird. Die Selbstverwaltung Palästinas. Anfrage im Unterhaus. ' Londo n, 28. Juli. Auf eine Anfrage des Sir W. Johnson Hicks im Unterhause, ob die „Zionisierung" Palästinas sich im Eintlange mit der Proklamation Allenbys vom Jahre 1918 befinde, erwiderte Captain Guest in Vertretung des Kolonialministers. Da die Balfour-Deklaratiou schon im Jahre 1917 erlassen wurde, so konnte Allenby nur im Sinne dieser Deklaration die erwähnte Proklamation erlassen haben. * Daher kann Allenby keinerlei Schmälerung der Balfour-Deklaration beabsichtigt haben. Es werde somit in Palästina die einheimische Bevölkerung zur Selbstverwaltung bloß in einem solchen Grade herangezogen werden, als dies mit der in der Balfour-Deklaration festgelegten Politik eines National Home für die Juden nicht unvereinbar ist. J. C. B. * Snzzatti über den Zionismus. Rom, 4. August. Der frühere Premierminister L u i g i L u z z a t t r, der selbst Jude ist, richtet an die Zionisten eine ernste M a>h n u n g. Nur wenn sie gegen die anderen Völker in Palästina äußerste Toleranz und Freundschaft bewahren und Ackerbau treiben, könne das Zionistenreich Bestand haben. Luzzatti gibt den Palästinajuden den Rat, sich vor allem mit Weinbau zu beschäftigen und wieder jene Wundertrauben hervorzubringen, welche durch die Bibel berühmt sind. („Berliner Tageblatt.") W Aus London wird 'gemeldet: Die Wochenschrift „Churchman", die als halboffizielles Organ, der englischen Protestanten betrachtet wird, veröffentlicht einen Artikel, worin die Gegnerschaft des Papstes zum Zionismus stark angegriffen und gefragt wird, wie der Papst gegen den Zionismus