Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 17 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- Seite 194 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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194 mosaischen G l a.u bensin D e u t s ch l a n d." Die wertvollsten Grundlagen für seine gesamte öffentliche Tätigkeit für Wahrheit, Freiheit und Recht (nicht nur den Juden, sondern überhaupt) hat der junge Gabriel Riesser schon während seines Aufenthalts in L ü b e ck und M o i s l i n g erhalten. Am 2. Januar 1842 schrieb Gabriel Riesser seine Entgegnung aus den judettfeindlichen Aufsatz „I u d e n u n d Z ü n f t e" des D r. A v 6 - L a l Fe in a n t füc die Zeitschrift „Neue Lübeckische Blatter". Es heißt da schon im ersten der sechs Aufsätze Gabriel Messers: „Der harte Druck, unter welchem meine armen Glaubensbrüder in Moisling seufzen, die Ausschließung von jeder edleren Berufstätigkeit, die Isolierung von den Bildungsmitteln, welche die Stadt darbietet, machen es erklärlich, wenn bisher keiner unter ihnen es versuchen mag, lieblose Angriffe zurückzu weisen" . . . Dr. A. L. hat selbst geschrieben', daß der Zustand der Juden in Moisling so elend ist, „daß wir die schrecklichsten Folgen aus dieser Lage erwarten können". Riesser antwortet den Zünften: „Was für ein seltsamer Wahn kann es sein, der eine Lage der Dinge Menschenalter hindurch sesthalten heißt, die gleich. heillos ist für die Eine, wie für die Andere?" Run kommen aber gleich, nachdem Riesser Adel und Bauern, Zünfte und freie Arbeiter kurz gestreift hat, ein Paar Keulenschläge gegen Dr. A. L?s eigene Worte: „W i r n n t e r d r ü ck e n d i e I u d e n, weil — wir sie f ü r cf) t e n." Riesser antwortet: „I h r f ü r ch' t e t die Jude n , w e i l Ihr sie unterdrückt; u n t >e r d r ü ck t s i e nicht m ehr und I h r m e r d et sie nicht mehr f ü r ch t e n" . . . „Es gibt keine Unterdrückung auf dem weiten Erdeurunde, die nicht von dieser Strafeder Furcht, wie von der Gewissessnsangst des Unrechts, begleitet wurde" . . . Riesser sagt hier dem Lübecker Reschoim dasselbe, was Unser Schiller der ganzen Menschheit zuries: „D o r d e m Sklaven, wenn er d i e Kette bricht, Bor dem freien Manne erzittere nicht!" R i e s s e r führt treffliche Beispiele aus der Weltgeschichte au: „hat England, an dessen die Erde umfassendem Handel seine jüdischen Bewohner ohne alle Einschränkung den tätigsten Anteil nehmen, hat Holland, das Jahrhunderte hindurch die durch den Fanatismus Vertriebe neu gastlich ausnahm — haben diese Länder durch solches freisinniges Verfahren gelitten?" Also Lübeck hat diesem seinem großen Sohne (G. Riesser) noch nirgends so gedankt, wie es seine eigentliche Vaterstadt Hamburg getan hat, aber am 9. Oktober 1848 dursten die Juden endlich auch wieder nach L ü b e ck zurückkehren! . M. F. * Ungarische Heerführer über die ungarischen jüdischen Soldaten im Weltkrieg. Aus dem Anlasse, daß die Pester Israelitische Religionsgemeinde im Herbst den im Weltkrieg gefallenen Helden jüdischer Konfession und den jüdischen Opfern der Gegenrevolution eine solenne Tranerseier zu veranstalten gedenkt, hat sich die Zeitschrift „Eghenlöseg" an drei hervorra.gende ungarische Heerführer im Weltkriege mit einer Anfrage um deren Meinung über die jüdischen Frontsoldaten gewendet. Das zitierte Blattveröffentlicht nun in seiner jüngsten Nummer die ihm zugegangenen Anitworten dreier Generale der gewesenen österreichisch-nngarischeu Armee: Der frühere llngarische Landesverteidig'ungsnrinister Baron Alexander Szurmah schreibt unter anderem: „Wir begehen die Gedächtnisfeier toter jüdischer Helden, die dem V.aerlande den größten Irnht't, b:n ihres Lebens, entrichtet haben: denn hätten sie ihre schwere Pflicht nicht getreulich erfüllt, so würde vielleicht jetzt keiner von ihnen lim Grabe schlummern. Es wäre somit von den Lebenden, also von jenen, die die große Sturmflut nicht hinweggefegt hat, unbillig, undankbar und ungerecht, würden sie anders handeln. Es ist ein wichtiges Lalldesi'uteresse, daß der wahllose Heldenkult sobald als möglich allgemein werde: zum Schaden der Landos^- verteidigung haben mir in dieser Hinsicht ohnehin schon viel verabsäumt. Durch den Heldenkult ziehen wir neue Helden auf, und ans diese staatserhaltenden und sichernden Stützen — und zwar auch auf die jüdischen Helden — ist unser unglückliches kleines Land jetzt mehr als je angewiesen." F.M.L. Baron Geza Lukaczich äußert sich über die jüdischen Soldaten: „An d,er Front, also auf dem Schlachffelde, ist bei nur gegen Offiziere und Mannschaften jüdischer Konfession keine Klage geführt worden. In den meisten Fällen waren die Vorgesetzten über b-iic konfessionelle Zugehörigkeit ihrer Subalternen gar nicht unterrichtet, denn währendides Krieges hatten wir keine Zeit, uns mit dergleichen zu befassen. Di'e Leitung folj nur daraus, ob der' Soldat seine Wicht erfülle -oder nicht. Ich lernte die jüdischen Soldaten als ebenso gute Krieger einschätzen, wie die Angehörigen anderer Glaubensbekenntnisse. Es ist nicht vor-gekommen, daß 'etw>a -gegen jüdische Soldaten vom Gesichtspunkte des persönlichen Mutes Klage erhoben worden wäre. Ich entsinn? mich nicht, daß gegen jüdische Soldaten wegen Feigheit oder Fahnenflucht verhältnismäßig öfter das Verfahren ein,geleitet worden wäre als gegen Soldaten, die einer anderen Religion angehörten. Während des Krieges wurde nur eine einzige Beschwerde laut, die im ersten Augenblick den Anschein ernsten Charakters hatte: daß nämlich von den jüdischen S>o!lda-ten v-erhlältnisrnäßig mehr den Bureaus und Konnnandos Zug?teilt waren. als von anderen Soldaten. Rach Ueberprüfnng dieser Beschwerde kamen wir dahinter, -daß sie i!hg:e Ursache in der außerordentlichen Eignung und Brauchbarkeit der jüdischen Soldaten im Bnreaudi-enst h,abe und daß die Betreffenden auch dort nützliche uwb Pünktliche Arbeit verrichtet haben. Die jüdischen Soldaten aber, die während -des Krieges an der Front waren, Haben sich als gewissenhafte, tapfere amb wackere Kämpfer bewährt: das kann und darf auch nicht geleugnet werden." F. M. L.Desider v. Mol nur berichtet über eine Heldentat des ReserveleutnantZ Karl Grün bei Gorlice, der hierbei den Heldentod erlitten hatte, und schließt diesen Bericht mit den Worten: „Keines einzigen unter meinen jüdischen Soldaten oder Offizieren aber, der sich feige geführt hätte, vermag ich -mich zu erinnern. Soviel jüdische Soldaten ich kannte, so viele brave, tapfere uu>a,arische Jungen waren es." * Ein Expose fcc* Liga jüdischer Krauen in Genf. Dem 3. Kongreß der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, der neulich in Wien tagte, hat die Liga jüdischjer Frauen in Genf ein Expose eingereicht, 'in dem sie -gegen -alle Gr-eneltaten und Missetaten, die während des Krieges und auch noch in der Neuzeit gegen die Juden in den östlichen Teilen. Europas Vorkommen, aufs stärkste protestieren. Sie führen im einzelnen an der Hand von Belegen alles das an, was in der Ukraine, in Polen, in Galizien und Ungarn verübt worden ist. Selbst katholische Geistliche hätten im ungarischen Parlament den unheilvollen Einfluß dargelegt, den die antisenr:tische Kampagne unter der ganzen Bevölkerung ausgeübt hat. Sie erzählen von Brandstiftungen, von Mord, von Massakrierungen von Frauen und Kindern, von Schändungen, daß das Herz beim Lesen vor Schreck und Abscheu zu schlagen aufhört. Sie wenden sich an den Kongreß, an das Gefühl der weiblichen und menschlichen Solidarität mit der Bitte, den Antisemitismus git bekämpfen. Die Eingabe ist unterzeichnet von der -Präsidentin, Madame Coralie Lebach, und ,'der Generälsekretärin, Madame Rosa Aberfon. * Neue Pogrome. Wie dem I. C. B. aus Danzig berichtet wird, fand in den letzten Tagen in Kowno -eine Reihe von Ueiberfällen auf Juden statt, wobei einige Juden getötet wurden. Die stark beunruhigte 'jüdische Bevölkerung wandte sich an die Behörden mit einer Beschwerde, weil diese in Kiowno den bekannten ukrainischen Pogromveranstalter, Ataman Oskildo dulde, der zur Aufhetzung der Bevölkerung beitrage. Laut Meldung der „Jewish Times" aus Riga dauern die Judenpogrome in Weißrußland noch immer an. Die Sowjetregierung hat in Minsk -eine Spezialkonferenz veranstaltet, um Mittel zur Abstellung der Pogrombewegung zu suchen. Es wurde beschlossen, keinen besonderen jüdischen Selbstschutz zu organisieren, sondern sich an die Regierung in. Moskau zu wenden wegen Entsendung einer besonderen verläßlichen Truppemnacht zwecks Bekämpfung der grassierenden Banden. Inzwischen ist in Radul ein I neuer Pogrom vorgekommen, bei dem 80 Juden getötet wurden. Cs