Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 17 (19.8.1921)
- Date
- 1921-08-19
- Page
- Seite 193 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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193 in der Stargarder Angelegenheit haben zu wesentlichen Erfolgen geführt. In dem genannten Lager ist auf Grund dieser Verhandlungen die Verpflegung erheblich verbessert worden, die Briefzensur, die bestand, wurde vollkommen ausgehoben, außerdem wurde die Instruktion der Wachmannschaften dahin abgeände^t, daß sie bei Beschwerden gegen Insassen dieselben direkt dem Lagerkommandanten vorzufühten hätten, ohne erst irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Ein Teil der Wachmannschaften, der sich durch besonders rigoroses Vorgehen gegen die Insassen straffällig gemacht hatte, ist seines Postens enthoben worden. Die betreffenden Fälle sind der Staatsanwaltschaft zur weiteren Veranlassung übergeben worden. * Antisemitische Ausschreitungen in Memmingen. Dem „Berliner Tageblatt" entnehmen wir folgende Telegramme: M ü n ch e n, 8. August. In .Memmingen kam es zu schweren antisemitischen Ausschreitungen. Der Milchgroßhündler Rosenbaum wurde, nachdem man erst die Zahlung von einer halben Million Mark für die Armen verlangt hatte, von der johlenden Menge mit Kuhglocken um den Hals durch die Stadt geführt, angespuckt und schließlich gelyncht. Der Schutzmannschaft gelangt es, den Schwerverletzten den Händen seiner Peiniger zu entreißen. Ebenso wurde gegen den Pferdehändler Guggenheimer und gegen den Händler Sommer demonstriert. Die Demonstrationen waren anscheinend vorbereitet. M ü n ch e ix, 9. August. Die bisherigen Feststellungen über die Memminger Krawalle lassen an der Planmäßigkeit der Vorbereitung und Durchführung keinen Zweifel. Es steht fest, daß ein bestimmter Kreis unter Führung des praktischen Arztes Dr. Sicius die Erregung der Arbeiterschaft über die schwierigen Ernährnngsverhältnisse in Memmingen auf die jüdischen Kaufleute abzulenken suchte und damit zwar nicht bei den christlichen Gewerkschaften, wohl aber bei den linksradikalen Elementen Erfolg hatten. Die Tafel, die dem Käsefabrikanten Rosenbaum um den Hals gehängt werden sollte, wurde von einem Demonstranten bereits fertig mitgebracht. Der Aufklärung bedarf es noch, weshalb der erste Staatsanwalt der Forderung der Menge nach sofortigem Erlassen eines Haftbefehls gegen Rosenbaum nachgab und die Verhaftung dann nicht so vornehmen ließ, daß Rosenbaum den Lynchgelüsten des Mobs entzogen nnlrde. Die gegen Rosenbaum erhobene Beschuldigung des Milchwuchers wird aus Grund amtlicher Erhebung als unbegründet erklärt, da er in dieser Saison überhaupt noch keine Milch zur Käsebereitung aufgekauft habe. Die anderen Kaufleute, gegen die noch demonstriert wurde, haben mit der Lebensmittelbelieserung überhaupt nichts zu tun. A u g s b lt r g , 13. August. Aus Memmingen wird gemeldet: Der Großhändler Wilhelm Rosenbaum wurde vom Landgericht Memmingen wegen Butter- und Mehlschiebungen sowie Wuchers zu einer Gesarntgefängnisstrafe von fünf Wochen und einer Geldstrafe von 3000 Mark verurteilt. Bekanntlich gaben diese Verfehlungen Rosenbaums den Antisemiten in Memmingen Anlaß zu einer allgemeinen Judenhetze und es kam zu schweren Krawallen und Ausschreitungen gegen jüdische Geschäftsleute. In einer Eingabe der Israelitischen Knltusgemoinde Meim mingen an den Stadtrat wurde das Schieberlind Wuchertuni schürsstens verurteilt, aber anderseits für die rechtlichdenkenden jüdischen- Geschäftsleute Schutz gefordert. Der Stadkrat hat die antisemitische Hetze schärsstens verurteilt und dem Bürgermeister wurde das Recht zugesprochen, bei künftigen Krawallen Reichswehr zu. Hilfe;u rufen, da die Polizei zu schwach sei, um die systematisch betriebene ftldenhetze zu verhindern. * Antisemitische Gelüste. Wie dem Berliner „Vorwärts" mls Altheide mitgeteilt wird, ikeht der angeblich aufgelöste Selbstschutz dort noch immer in voller Blüte. Man sieht diese Landsknechtsgestalten, denen man zum! u'il schon am Gesicht ablesen kann, daß sie zur.ehrlichen Arbeit j unfähig sind, geschmückt mit E. K., Hakenkreuzen usw., hernmlmisen. Einige dieser jungen Leute benehmen sich ziemlich gesittet und anständig, während der weitaus größere Teil seine Zeit dazu benutzt, antisemitische Pöbeleien und Exzesse zu veranstalten und an allen Ecken und Enden antisemitische Flugblätter anzukleben. Unser Gewährsmann hatte Gelegenheit, sich mit einem der jungen Leute zu unterhalten. Unter anderem teilte dieser ihm mit, er habe ein Rundschreiben mit der Aufforderung erhalten, sich in zehn bis vierzehn Tagen bereitzuhalten. Er äußerte die Meinung, es handle sich um ein rechtsputschistisches Unternehmen, verbunden mit Angriffen gegen die Juden, und äußerte seine Freude darüber, „ganze Arbeit leisten "zu können". Vielleicht bekümmert sich das Reichswehrministerium einmal um die Zustände in Altheide, die sich nachgerade zu einem öffentlichen! Skandal au s wachsen. O Die Nordische Woche. Die in Lübeck am 3. September beginnende Nordische Woche hat sich idealere Ziele gesteckt als die in der anderen Hansastadt H a m b u r g vom 12. bis 24. August stattfindende Kultur- und Sportwoche. Die Nordische Woche irr Lübeck hat für den 3. bis 5. September als Auftakt eine Tagung der Vertreter a l l e r deutschen V o l k s h o ch s ch u l e n. Hier wird auch für die weitere Ausgestaltung der jüdischen V o l k s h o ch - s ch u l e n noch manches zu hören und zu lernen sein. Das Hauptwerk der Nordischen Woche in Lübeck aber wird der Geschichte der H a n s e st ü d t e und ihrem von L üb e ck bis nach L i t a u e n>, ja bis zu dem einst so mächtigen N i f ch n i j N o w g o r ö d reichenden Handel ni i t d e m Osten gewidmet sein. Hier vernehmen wir aus der Geschichte des baltischen Handels von Lübeck bis Königsberg un>d Memel auch Notizen über jüdische Kausleute, wie sie Rabbiner Dr. S. Car leb ach in seiner Abhandlung „Zur Geschichte >dev Juden in Lübeck und Moisling" mitteilt. Auf Seite 12 erwähnt Carlebach, daß eine Anzahl der infolge der Chmielnicki-Versolgung aus Polen geflüchteten jüdischen Familien sich aus Lübecker Gebiet niedergelassen hatte, daß aber die alten Zünfte der Hanseaten sie aus der Travestadt nach dem nahen Moisling auswiesen, lieber die Geserah Chmielüicki sagt Carlebach: „Es ist das die G'serath pffi, die wir in Haskarath nffchamoth erwähnen", und enthält von Namen der polnischen Städte und ihrer jüdischen Märtyrer der Lübecker „El mole rachaul im" fast dieselben Namen wie die in Landshuts Am müde h a A bode Anhang S. X mitgeteilten. (Es werden genannt P a u s n e n (Posen), W r e s ch n o h (Wreschen), Lobsens, Rogasen us-w.) Gerade vor jetzt hundert Jahren, 18 2 1, im September, erließ der Senat von Lübeck an sämtliche Juden die Weisung, bis spätestens den 1. November die Städt Lübeck zu verlassen, und sollte denen, welche sich in Moisling niederlassen würden, der Fortgenuß der ihnen von Lübeck früher zugestandenen Begünstigungen gesichert sein." Carlebach sagt, daß mit dieser Vertreibung der Juden ein mehr als siebenjähriger Krieg endete, dessen Ausgang mehr den Siegern als den heroisch kämpfenden Besiegten zur Schande, beiden aber zu einem fast unersetzlichen Nachteil gereichte. „Die wohlhabenderen Familien zogen nach Hamburg, woselbst ihre Firmen in erster Reihe neben den angesehensten Hamburger Häusern noch jetzt rangieren." Die Lübeckische S t a a t s l o t t e r i e wurde einer Gesellschaft H a m b u r g e r I -u den i n Generalp a ch t übergebe n. An der Spitze standen L. I. R i e s s e r , Z. H. Z a d i ck und H. W o l l h e i m . . . Am 10. August 1827 konnte in dem nahen Moisling, wohin auch einige der aus Lübeck Vertriebenen übergesiodelt waren, die feierliche Einweihung der mit U n t e r st ü tz u n g d e s F r e i st a a t e s L ü b e ck erbauten Synagoge stattfinden. Das Gebäude kostete die Lübecker Staatskasse etwa 9000Mark. Für die innere Einrichtung hatten Altona C.-M. 1500, H a m - b u r g 9245, Stockholm, Gothenburg, Norrköping und Carlskrona 300, die Gemeindekasse Moisling 1657,12 C.-M. beigesteuert. Diese im Jahre 1873 wieder abgebrochene Synagoge dünkte , den Moislingern, obschon das Gotteshaus sehr einfach war, ein Prachtbau, zu sein. . . . Der hier oben kurz erwähnte Generalpächteer der Lübecker Stadt- (oder Staats-) Lotterie Lazarus Jakob Riesfer war 1813 von Hamburg nach Lübeck gezogen. Er w ar der Vater Gabriel Ri esse r s-, der, am 2. April 1806 geboren, seit Ostern 1817 das Katharinen-Gymnasium in Lübeck besuchte. Er hat das Lübecker „Risches" an der Quelle kennengelernt und veröffentlichte 1831 seine erste Schrift „U e b e r d i e S t e l l u n g d e r B e k e n n e r d e s