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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-08-19 · Heft 17 (19.8.1921) · p. Seite 192

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 17 (19.8.1921)
Date
1921-08-19
Page
Seite 192 (sequence 2)
Language
German
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192 sie hat mir das Gesehene in Phantasie und Urteil Gesammelte durch Geschichte, Fluß Los täglichen Seins, Spiel der Lebensläufe, Erlebnis der großen Werke zur Anschauung Gewordene in einmalige, unwiderrrufliche Gestalt verdichtet." Ein prachtvolles Zeugnis innersten Erlebens, Unzähligen deutscher Juden als ihr persönliches Empfinden und Bekenntnis aus der Seele geschrieben. Je mehr er nun, durch seine Erlebnisse und durch den Zwang seiner Dichtung genötigt, das Problem durchdenkt, um so häufiger tritt an ihn die Forderung heran, sich zu entscheiden, eine Entscheidung wird verlangt, ob er Deutscher oder Jude ist. Sie wird ihm von verschiedener Seite her ausgedrängt. Er trifft mit Zionisten zusammen, die ihn für die zionistische Auffassung einsordern. Er prüft sich und erkennt, daß er nicht da steht, wo sie stehen. „Es widerstrebt mir das, was sie die jüdische Nation nannten, rundweg gesagt, denn mir war, als könne eine Nation nicht von Menschen gewollt und gemacht werden; was in der jüdischen Diaspora als Idee davon lebte, schien mir besser, höher, fruchtbarer als jede Realität; was war gewonnen, so schien es mir, wenn im Jahrhundert des Nationalitätenwahnsinns die zwei Dutzend kleinen, in Hader verstrickten, aufeinander eifersüchtigen, einander zerfleischenden Nationen durch die jüdische zwei Dutzend und eine geworden wären?" Er begegnet christlichen Freunden, und sie fordern gleichfalls von ihm, sich zu entscheiden. Aus diesem, Kreuzfeuer von Forderungen erschließt sich ihm die Erkenntnis, daß solche Entscheidung für ihn überhaupt keine Notwendigkeit sei. „Nur für diejenigen sei sie eine Notwendigkeit, die sich entschlossen hätten, das Feld ihrer Wirkung freiwillig zu beschränken und sich damit zufrieden gäben, entweder aus dem Stolz des ungerecht Verkannten heraus, oder aus Müdigkeit und Schwäche; für diejenigen dann, nach der anderen Seite, die die Schiffe hinter sich verbrannt hätten und sich dem Prozeß der Anpassung, Angleichung mit mehr oder minder gutem Gewissen, mehr und minder guten Haltung überließen. Zu beiden fehlte mir die Lust, zu beiden auch der Grund. . . . Ich wurde inne, was mit den Entscheidungen gemeint war, die nicht in der eigenen Brust gefordert werden, sondern von anderswollenden, herrschsüchtigen, zwiespältigen anderen. Es sind Abdrängungen, Gebietsschmälerungen, Berzichtserklärungen, die er haben will. Schranken will er setzen; sich will er entgegensetzen, sein Urteil, seinen Begriff, seine Form." So ist seine Linie ihm vorgezeichnet und mit ihm vielen anderen, die die gleiche Erkenntnis seit langem im Herzen tragen, die Linie des unauflöslichen Verbundenseins von Deutscher und Jude. Soviel innere Ruhe und Festigkeit ihm das gibt, es schließt nicht aus, daß ihm das Toben der Judenfeinde in immer neuem Krampf die Brust zerreißt. Was ihn zermürbt, ist die scheinbare Aussichtslosigkeit der Bemühung. „Es ist vergeblich, das Volk der Dichter und Denker im Namen seiner Dichter und Denker zu beschwören. Jedes Vorurteil, das man abgetan glaubt, bringt, wie Aas die Würmer, tausend neue zutage. Es ist vergeblich, die rechte Wange hinzuhalten, wenn die linke geschlagen worden ist; es macht sie nicht im mindesten bedenklich, es rührt sie nicht, es entwaffnet sie nicht: sie schlagen auch die rechte. Es ist vergeblich, in das tobsüchtige Geschrei Worte der Vernunft zu werfen. Sie sagen: Was, er wagt es, aufzumucken? Stopft ihm das Maul. Es ist vergeblich, beispielschaffend zu wirken. Sie sagen, wir wissen nichts, wir haben nichts gesehen, nichts gehört. Es ist vergeblich, die Verborgenheit zu suchen. Sie sagen: der Feigling, er verkriecht sich, sein schlechtes Gewissen treibt ihn dazu. Es ist vergeblich, unter sie zu gehen und ihnen die Hand zu bieten. Sie sagen: Was nimmt er sich heraus mit seiner jüdischen Aufdringlichkeit? Es ist vergeblich, ihnen Treue zu halten, sei es als Mitkämpfer, sei es als Mtbürger. Sie sagen: Er ist der Proteus, er kann alles. Es ist vergeblich, ihnen zu Helsen, Sklavenketten von den Gliedern zu streifen. Sie sagen: Er wird seinen Profit schon dabei gemacht haben. Sie sagen: Er ist ein Jude." Aber nicht mit dieser entsetzlichen Resignation klingt das Buch aus, es schließt mit dem Glauben, daß ein Retter kommen muß, der aus denr Haß herausführt und die seelische Vereinigung erzeugt; als einen seiner Wegbereiter fühlt er selbst sich, das enrpfindet er als seine Sendung. Fragt man nun, ob man von diesem Werke sich befreit und erlöst fühlt, so kann die Antwort nicht bloß aus der Zustimmung zu der These gefunden werden, daß man nicht Entscheidung fordern dürfe, sondern Vereinigung, Seelenvermählung. Etwas fehlt, nämlich eine Positive Stellung zum Judentum. Wassermann -bekennt sich als Juden, schön, aber warum? Nur wegen der Tatsache seiner Geburt? Welche innere Fühlung hat er, abgesehen von dem Ergriffenfein von der prophetischen Idee der Gerechtigkeit und Liebe, mit dem Juden tum, dem jüdischen G e i st? Er schildert, wie wenig seine Erziehung ihn jüdische Religion innerlich erleben ließ. Wie aber hat er, der sich als Wegbereiter einer Vereinigung von Deutschtum und Judentum fühlt, sich als Erwachsener das Judentum erfühlt, das er doch dann in einem Brennpunkt seiner Seele darstellen muß? Wenn er meint, in seinen „Juden von Zirndorf" jüdischen Geist geschildert zu haben, kann man nur trauern über den Irrtum solchen Denkens. Und diese Trauer wird vermehrt, sieht man, welch schiefe Urteile über Dinge abgegeben werden, die mit der jüdischen Religion innerlich Zusammenhängen. Wie darf, wer in seiner Seele jüdisches Wesen darstellen will, das häßliche und törichte Feindeswort aufnehmen von dem jüdischen Gott in seiner „alttestamentarischen Gestalt als unversöhnlichen Zürners und Züchtigers?" Beweist das nicht einen Mangel an Kenntnis der Bibel? Daß er das Wort Pharisäertum in dem Sinne von selbstgerechter Ueberheblichkeit gebraucht, ist für den jüdisch Empfindenden ein Schlag, ins Gesicht. Man sage nicht, diese Deutüng des Wortes ist schon Sprachgebrauch geworden; ist sie es, so ist sie es auf Grund einer falschen und tendenziösen Schilderung gewovden, und ein Jude, der Judesein darstellen will, darf solch Wort nicht gebrauchen. Und so geht man im letzten Ende von Wassermanns Buch mit einem Fragezeichen hinweg, nicht von dem Kunstwerk, aber von dem Sachinhält; man hat noch die Frage: Wie wäre Wassermanns, des Künstlers Antwort auf den Anfisemitismus, wenn er der jüdischen Religiosität innerlichst verwachsener wäre? Wochenschau. Berlin, 15. August Vertreter des Arbeiterfttrsorgeamtes beim Reichsminister des Innern. Die Sekretäre des Arbeiterfürsorgeamtes der jüdischen Organisationen Deutschlands, die Herren Berger und Dr. Senator, wurden am 27. Juli vom Reichsminister des Innern, Herrn Dr. Gradnauer, empfangen. Im Lause der Unterredung, die ungefähr eine Stunde lang währte, wurde fest-gestellt, daßder Minister mit der Politik des Arbeiterfürsorgeamtes durchaus einverstanden sei. Er gab der Ansicht Ausdruck, daß zwar ein neuer Zuzug von Ostjuden in das unter der Uebersüllung aller Berufe leidende deutsche Reichsgebiet nach Möglichkeit verhindert merken müsse, daß aber anderseits die bereits in Deutschland ansässigen, zum großen Teil Arbeitsfähigen und arbeitswilligen ostjüdischen 'Elemente auf dem Wege über eine verständige Sozialpolitik der deutschen Volkswirtschaft reibungslos würden eingegliedert werden können. Er begrüße daher die Tätigkeit des Arbeitersürsvrgeamtes, die in der oben angedeuteten Richtung beste Erfolge erzielt habe. * Vom Stargarder Internierungslager. Die Verhandlungen des ArbeiterfürsorgoaMtes der jüdischen Organisationen Deutschlands mit dem Minister '^des Innern

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