Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 16 (5.8.1921)
- Date
- 1921-08-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229498--76350-3288933- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sind hier Kommerzienrat Schul er, Herr Rabbiner David und Herr Liebenfeld aus Bochum, die mit, aller Energie für das. Zustandekommen der Sammlung gesorgt haben. Zu einer Sitzung der Neprüfentantenversamjmlung in Köln waren ebenfalls Herr Sekretär Berger aus Berlin und Herr Samson aus Köln geladen. Nach Anhörung des Berichtes der beiden Herren wurde vom Vorstände und der Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde i n Köln einstimmig beschlossen, die Arbeiterfürsorgestelle in Köln mit einem Betrage von monatlich 4900 Mark zu unterstützen. Zu einer am 10. Juli in Eisenach stattgefundenen Sitzung der Konserenzgemeinschaft der Großgemeinden Deutschlands war aus Veranlassung des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin die Frage des Arbeiterfürsorgeamtes und seiner Unterstützung durch die Gemeinden auf die Tagesordnung gesetzt worden. Die Sekretäre des Arbeiterfürsorgeamtes, Dr'. Senator und Alfred Berger, waren zu dieser Sitzung geladen, um sachliche Auskunft zu geben. Die Konferenzgemeinschaft stimmte dem Antrag der Jüdischen Gemeinde Berlin zu, der dahin geht, die Gemeinden Deutschlands zur tatkräftigen Unterstützung des Arbeiterfürsorgeamtes auszufvrdern. Die Vertreter sämtlicher anwesenden Großgemeinden bekundeten ihre Bereitwilligkeit, das Werk des Arbeiterfürsorgeamtes zu fördern, und beschlossen, den von der Jüdischen Gemeinde zu erlassenden dementsprechenden Aufruf mit aller Energie zu unterstützen. Berlin, 2. August. Der seit Ende März d. I. gegründere Zionistische Arbeiter- und Handwerkerbund wurde zu dem Zweck ins Leben gerufen, um denjenigen Teil der Arbeit des bisherigen Maad Haalijah, dev über die Berufsvorbildung der technischen Chaluzim verfügte, zu bearbeiten. Zu diesem Zwecke war es zunächst notwendig, eine genaue Uebersicht über die in Deutschland sich aufhaltenden und sich in verschiedenen technischen Berufen vorbereitenden Chaluzim zu gewinnen. Es wurde festgestellt, daß in Deutschland augenblicklich etwa 250 Chaluzim sich befinden, die in verschiedenen technischen Fächern tätig sind. Auf Grund des vorhandenen Materials konnte verschiedenen Versuchen, die Berufsbildung der technischen Chaluzim zu fördern, näher getreten werden. Zunächst galt es, einige Stellen zu schassen, in denen denjenigen Chaluzim, die bisher keine Gelegenheit hatten, sich eine Ausbildung zu verschaffen, eine solche ermöglicht wurde. Hier li?gt eines der wesentlichsten Probleme der Ostjudenausbildung, denen die Verhältnisse der letzten Jahre eine fachgerechte Ausbildung unmöglich gemacht haben. Es wurde vom Zionistischen Arbeiter- und Handwerkerbund nicht der kostspielige Versuch der Lehrwerkstätten unternommen, sondern versucht, sogenannte gemischte Lehrwerkstätten zu schaffen, bei denen das gemeinsame Interesse des Bundes und des Lehrmeisters eine Rentabilität sichert. Zunächst wurde der Versuch an einer Schlossern, in der bisher drei Lehrlinge ausgebildet werden, gemacht. Durch Aufträge und Kredite könnte die Schlosserei erweitert werden, so daß in ihr nach und nach immer mehr eingestellt werden können. Sie steht unter Leitung eines fachlich ausgebildeten zionistischen Schlossermeisters. Der Ausbau der elektrotechnischen Werkstatt ist wegen der ungünstigen Zeitverhältnisse bisher nicht weiter unternommm worden. Weitere Lehrwerkstätten wurden bisher nicht unternommen, da für Schmiede, Tischler, Stellmacher ustv. eine Unterbringung in eine private Werkstatt möglich erscheint. Die Zahl der Chaluzim, die bisher durch den Zionistischen Arbeiter- und - Handwerkerbund Ausbildungsmöglichkeiten gesunden haben, beträgt über 30. Versuchte Möglichkeiten der Ausbildung im Bauwesen sind; in einzelnen Fällen geglückt. So hat sich auf Ersuchen des Zionisti- . schen Arbeiter-' und Handwerkerbundes eine größere Firma im Industriegebiet bereit erklärt, an jeder ihrer Baustellen Chaluzim zu beschäftigen. Alles in allem scheint es notwendig, den Berufsumschichtungsgedanken neben der Umschichtung zur Landwirtschaft, auch in die mehr handwerklichen Berufe, die Werkmeister- und Jngenieurlaufbahn, stärker zu betonen. ‘ Gut ansgebildete Leute in all diesen Berufen werden in Palästina zweifellos gebraucht werden. H. W„ Berlin, 2. Llugust. Nach kurzem, schweren Leiden entschlief Herr Leo Calvarh, Mitinhaber der Firma Calvarh u. Maschler, früher in Posen, jetzt Berlin, in der Blüte seiner Jahre. Der Verstorbene war fast fünfundzwanzig, Jahre in unermüdlichem Fleiß und hingebungsvollster Arbeit in seinem Geschäft tätig. Der Familienstamm Calvarh hat sich in der Reihe der Jahre von Geschlecht zu Geschlecht weiter sortgepflanzt, stets bemüht, durch Reellität, Menschlichikeit und wahre Frömmigkeit den guten Namen zu festigen und zu erhalten. Seineü Mitarbeitern war er ein leuchtendes Vorbild treuester Pflichterfüllung, ein kluger Berater und aufrichtiger Freund.' Neben seiner geschäftlichen Tätigkeit fand er Zeit und Gelegenheit, allen Wohlfahrtseinrichtungen innerhalb der Gemeinde mit seinem weisen Rate und reichlichen Erfahrungen sich zu widmen. In seinem selbstlosen Wirken fühlte er sich wohl und sah seine größte Befriedigung. Ganz besonders verlieh er seine Kraft der Mtsche Flatauschen Waisenerziehungsanstalt in Posen, deren Vorstand er gewesen. Lange Jahre war er ein väterlicher Freund, ein eifriger, hilfreicher Förderer der Anstalt. Der Verewigte hat auch in seinem neuen Wirkungskreise Freunde der Anstalt geworben und sie so in ihrem bedrohten Bestände zu sichern gesucht. Bei -seinem Scheiden aus Posen und seiner Uebersiedelung nach Berlin wurde er für sein eifriges Bemühen und erfolgreiches Wirken für das Mädchenwaisenhaüs zum Ehrenmitgliede ernannt. - — Berlin, 2. August. Wie uns mitgeteilt wird, befleißigen sich die „Grünen" neuerdings in jener: Gegend Berlins, die einen ausgesprochenen Ghetto-Charakter ausweist, eines auffallend „schneidigen" Vorgehens. Wer die' Grenadier streß e kennt, weiß, daß dort so gut wie gar kein Wagender kehr besteht, daß dagegen fast dauernd« Gruppen der hier fast ausschließlich jüdischen Bewohnerschaft beieinauderstehen, lebhaft, aber ohne Lärm, ihre Sorgen und Eindrücke austau schen, wie sie das an Sommerabenden auch in ihrer — zerstörten —* östlichen Heimat zu tun pflegten. Sie „belästigen" keinen Menschen damit. Um so unverständlicher ist es, wenn nun grüne Polizeiradfahre r rücksichtslos in solche Gruppen hineinfahren oder wenn gar, wie es am letzten. Montag geschah, ein 75jähriger Greis, weil er mit einigen anderen eine Familienangelegenhe.it besprach und aus den barschen Beseht eines Grünen nicht rasch genug „auseinanderging", grob am Kragen gepackt und geschüttelt wnr<e. Ein Vorfall, der zu allgemeiner .Entrüstung und schließlich dazu führte, daß der Grüne den Revolver Ziehen Zu müssen glaubte. Es scheint, als - ob ant i sem i ti sch e Neigungen einzelner solches Vorgehen veranlassen. Demgegenüber ist darauf hinzuweisen, daß eine Schutztruppe sich nicht der Beunruhigung einzelner Volkskreise schuldig machen darf. — Königsberg i. Pr., 29. Juli. Die Synagogengemeinde Königsberg übt seit jeher eine großzügige Woylfahrtsarbeit, wie sich schon daraus ergibt daß sie kürzlich in der Lage war^ im Kreise geladener.Gäste die Einweihungsseier ihrer zwölften Wohlfahrtsanstalt, nämlich des Jüdischen Ferienheims in Neuhäuser, zu begegben. Eine große Anzahl von Würdenträgern, Vereinsdelegierten und Privatpersonen war der liebenswürdigen Einladung gefolgt und fand in dem Heime selbst, das an der Ecke Stelterskraße/Lindenstraße -inmitten eines dichtbelaubten Gartens liegt, alle ihre Erwartungen aufs angenehmste bestätigt. Das Heim ist bereits seit dem 5. Juni d. I. in Betrieb genommen, und die frische Farbe und die rundliche Fülle der jetzt dort weitenden Ferienkinder zeigten am besten, daß es seine Aufgabe, der Jugend — unb außerhalb der Ferienzeit auch erwachsenen Männern und Frauen — die notwendige Erholung zu bieten, vollauf erfüllt. Die Feier wurde nachmittags mit einem Harmoniumspiel (Herr Alterthum) eröffnet, worauf der gemischte Eher der Neuen Synägogengemeinde unter Leitung seines Dirigenten, des Herrn Badrian, ein Lied zum Vortrag brachte. Sodann gab der Vorsitzende des Kuratoriums, Kaufmann Arthur C o h ir Vizepräsident der Kantloge, nach einigen Begrüßungsworten einen Neberblick der Geschichte des Ferienheims, das der Initiative des S ch w e st e r n b u n d e s der K a n t l o g e und einer Stiftung der Eheleute Keller seine Entstehung verdankt. Bereits im Jahre 1912 wurde der Gedanke, kranken und schwächlichen Kindern ein Ferienheim zu errichten, in Ludwigsort zur Tat gemacht, die aber durch die Rückschläge der bösen Kriegsj-ahre wieder illusorisch wurde. Nach weiteren Versuchen im Jahre 1919 und 1920 nahm sich Direktor Peritz tatkräftig der guten Sache von.neuem -an, und durch die schon erwähnte Stiftung gelang es schließlich, das für die verfolgten Zwecke äußerst geeignete Zweistöckige Haus -in Neuhäuser zu erwerben und sachgemäß einzurichten, unter der bewährten Leitung von Fräulein Masie. Es trägt den Charakter eines Familienheims und bietet in seinen 14 Schlafzimmern den Pensionären Li-cht, Lllft sowie im Speisesaal denkbar beste Verpflegung. Professor Rudolf C o h n hat die Untersuchung der angemeldeten Kinder übernommen, die von Fräulein Dr. Ja c o bso h n (Pillau) ärztlich betreut werden. Die jährlichen Kosten werden auf 30000 Mark geschätzt, und man strebt dahin, diese Kosten allein durch MiLgliederbeiträge zu decken.