Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 16 (5.8.1921)
- Date
- 1921-08-05
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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SS. Jahrgang. Nr. 16 > Berlin, 5. ffuguft 1921 Vetlsse zur „All ge meinen Leitung deß Judentums". Korrespondenzen und Aachnchten. SrutschlsnL. E. M. Berlin, 2. August. D i e R e p r ä s e n t a n t e n v e r - s a m m l> ung der I ü b i s ch e n Ge m e ind e beschäfti gte sich i n ihrer letzten Sitzung eingehend mit der Frage der Ablösung der Kasuialgebühren und der dadurch bedingten Neusestsetzung ter Räbbinergehälter. Gegen die aus der Versammlung gegebene Anregung, diese Lrage in geheimer Sitzung zu behandeln, wurde von Professor Dr? T ü r k (itb.) Einspruch erhoben. Diese Frage betreffe die Gesamtgemeinde und beschäftige die Gemeindeverwaltung schon seit Jahrzehnten. Professor Türk, der als. Referent zu der Frage Stellung nimmt, stellt fest, daß, die Beseitigung der Kasualgebühren auf dem Programm aller Parteien der Repräsentantenversammlung steht. Die Frage wurde zuerst vor etwa 12 Jahren in einer zionistischen Wählerversammlung angeschnitten und ist seitdem nicht zur Rühe gekommen. Es wurde behauptet, daß die Rabbiner in erster Linie für die Reichen da sind, eine Auffassung, die der Redner bestreitet. Auch andere Gründe sprechen für die Reform des Kasualwesens. Es ist eine ungeheuere Ungerechtigkeit, daß ein Dei-l der Rabbiner durch die Kasualgebühren zu Wohlstand kommt, während bei den anderen kein Ausgleich durch die Besoldung erfolgt. Die überlasteten Rabbiner müssen Von den Kasualien befreit und ihre Kräfte für wichtigere Aufgaben frei gemacht werden, für w i r k l i ch e S e e l s o r ge, die nicht lediglich in Trauungs- und Beerdigungsreden besteht. Das Arbeite selb der Rabbiner sind das soziale Gebiet und der Religionsunterricht an höheren Schulen. Den letzten Anstoß zur Verhandlung dieser Frage gab ein Brief des Rabbiners Dr. B a e cf. Tie Arbeiten wurden durch den Krieg unterbrochen. Aus einer gemischten Kommission ist als Ergebnis langer Beratungen der Vorschlag hervorgegangen, alle geldlichen Bezich.un.gen zwischen den Rabbinern und den Gemeindemitgliedern sortsallen zu lassen; die Gemeindernitglieder sollen für die Tätigkeit des Rabbiners einen bestimmten Betrag in die Gemeindekasse zahlen, von dem zwei Drittel dem Rabbiner, ein Drittel der Gemeinde zusallen. Für diejenigen Rabbiner, die wenig Kasüa^ gebühren haben, wird ein Garantiefonds gebildet.' Eine wirtliche Seelsorge kann in der Tat nur ausgeübt werden!, wenn alle geldlichen Beziehungen aushören. Die Rabbiner haben zu 'der Neuregelung ihre Zustimmung gegeben. Es ist deshalb zu hoffen, daß der ideale Zweck, die Rabbiner für höhere Aufgaben frei zu machen, erreicht werden wird. — Rechtsanwalt Stern (lib.) gibt seiner Befriedigung über die Vorlage Ausdruck, die das Empfinden des Rabbiners, das durch ein freies Honorar verletzt werden kann, schont und dadurch den idealen Zusammenhang zwischen Rabbiner und Gemeinde hebt. — Herr K i r st e i n vom Gemeindevorstand gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Vorlage in der Versammlung ebenso einstimmig angenommen, wird wie in der gemischten Kommission.. Er dankt den Gemeinderabbinern, daß sie dieser Regelung durch Verzicht auf ein verbrieftes Recht zugestimmt haben. Es bleibt nach der Neuregelung jedem Gemeindemitglied unbenommen, sich auch weiterhin an einen Rabbiner seines besonderen Vertrauens zu wenden. Nach einigen weiteren Ausführungen aus der Versammlung wird die Vorlage einstimmig angenommen E. M. Berlin, 2. August. In der Februar-Sitzung der R e Prüfe n tÜ n t e n v e r s a m m lung war von zionistischer Seite anläßlich der Beschlußfassung über die Subventionierung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums beantragt worden, auch dem orthodoxen Rabbinerseminar Berlin einen Beitrag in gleicher Höhe wie die der Hochschule gewährte Suvention ' zu bewilligen. Dieser Antrag wurde aus geschäftsmäßigen Gründen vertagt, weil ein Antrag des Rabbinerfeminars nicht, vorlag und die Grundlagen für eine Subventionsbemessung fehlten. Inzwischen ist der Snbventionsantrag des Rabbinerseminars mit einer ausführlichen,Begründung eingegangen, aus der hervorzuheben ist,' daß von den. im Seminar ausgebildeten Rabbinern in Berlin 26, davon vier bei der Jüdischen Gemeinde, angestellt sind. Der Etat des Seminars, der vor dem Kriege noch 45 000 Mark betrug, ist auf etwa 280 000 Mark angewachsen; im verflossenen Jahre betrügen die Einnahmen 125 000 Mark, denen 223 000 Mark Ausgaben gegenüberstanden. Der Gemeindevorstand beantragte einen Jahresbeitrag von 20 000 Mark für die Anstalt. — Die Repräsentantenversammlung beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung mit dieser Vorlage. Der Referent, Sanitätsrat Dr. S t e i n t h a l (Lib.), empfahl die Annahme der Vorlage aus Gerechtigkeitsgründen. Als erster Diskussionsredner wendet sich Professor Dr. Türk (Lib.) gegen eine bei der früheren Beratung geäußerte Ausführung des Repräsentanten Dr. Abraham Lob (I. Vpt.), der erklärt habe, daß er außerstande sei, 'für die Subvention der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums zu stimmen. Rach diesen Ausführungen ist Professor Dr. Türk als religiöser Antipode des Herrn Dr. Löb nicht in der Lage, für die Subvention des orthodoxen Rabbinerseminars zu stimmen. Er bestreitet dem Rabbinerseminar nicht die Existenzberechtigung; als Liberaler ist er der Meinung, daß beide Richtungen ihre volle Berechtigung haben. Er klagt aber (mit vollem Recht. Die Redaktion.) das Rabbinerseminar wegen des Geistes der Unduldsamkeit an, die es in seinen Schülern großzieht. Das Rabbinerseminar und die Adaß-Jisroel- Gemeinde haben wiederholt verhängnisvoll in die Entwickelung der Berliner Großgemeinde eingegrisfen: so in der Frage der Anstellung eines Schulinspettors für die Gemeinde, dann im Jahre 1912 bei dem geplanten Ausbau der Gemeindeverwaltung durch die in Aussicht genommene Erhöhung der Zahl der Mitglieder des Vorstandes und der Nepräsentantenversammlung und neuerdings bei der Schaffung der Gesamtorganisation der Juden Deutschlands, deren Entwicklung durch die Stellungnahme der Orthodoxie aus das höchste gefährdet ist. Aus allen diesen Erwägungen kommt der Redner zu der Notwendigkeit, sich persönlich gegen die Annahme der Vorlage auszusprechen. Rechtsanwalt Stern (Lib.) kommt zu denselben Ergebnissen wie der Vorredner und erklärt, daß er sich der Stimme enthalten wird. Das Rabbinerseminar Pflegt den Geist der Unduldsamkeit und Verneinung jeder anderen Ansicht, es negiert die Berechtigung liberaler Entwicklung im Judentum und hat niemplff Parität gegenüber den liberalen Ansprüchen walten lassen. Dr. N e u - mann (Kons.): Die Wahrung der Parität ist nicht Sache der^n- / stellten, sondern Aufgabe der Gemeindebehörden. Im Sinne dieser^ Parität sollte der seinerzeit gestellte Subventionsantrag auch wirken. Nachdem die Konservativen ohne Bedenken für die Subventionierung ' der liberalen Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ge-"" stimmt haben, erwarten sie, daß die Liberalen auch für die konservative Anstalt eintreten. Professor Dr. L o e w e (I. Vpt.) erklärt, daß die Gemeinde die Verpflichtung hat, für beide A^talten zu sorgen, denn jedes dieser Institute stellt eine Notwendigkeit für das Judentum dar. Dr. Abraham Löb (I. Vpt.) bittet, prinzipielle. Fragen, wie die Stellung zum liberalen und orthodoxen Judentum, nicht durch Abstimmung zu -entscheiden. Wert oder Unwert beider Richtungen entscheidet die Geschichte. Sanitätsrat ^Dr. Steinthal (Lib.) wendet sich ebenfalls gegen Stimmenthaltungen. Es handelt sich um die Pflege der Wissenschaft, gleichviel, von wem sie betrieben wird. Die Berliner Gemeinde, die fast die Hälfte aller deutschen Juden umfaßt, ist verpflichtet, beide Richtungen zu unterstützen. Nach' einer Berichtigung des Repräsentanten Professor Dr. Türk wird die Beratung geschlossen. Bei der Abstimmung wird der Vorstandsantrag auf Bewilligung von 20 000 Mark für das Rabbinerseminar mit 10 gegen 2 Stimmen mit 2 Stimmenthaltungen angenommen. Berlin, 2. August. Wir haben bereits vor einiger Zeit mitgeteilt, daß die großen jüdischen Organisationen, die im A r - b e i t e r f ü r s o r ge a m t der j ü d i s ch en O r g a n i s a t i o n e n Deutschlands zusammengeschlossen sind, sich entschlossen haben, tatkräftig an die Sammlung der notwendigen Geldmittel heranzngehen, um eine Weiterführung des produktiven Hilfswerks des Arbeiterfürsorgeamtes zu ermöglichen. Die Arbeit ist inzwischen eingeleitet worden und hat bis jetzt schon sehr schöne Erfolge erzielt. So ist z. B. bei einer Tagung der im Bochumer Zentralarmenverband zusammengeschlossenen Gemeinden nach dem Vortrag des Sekretärs des Ärbeiterfürsorgeamtes, Herrn Alfred Berger (Berlin), beschlossen worden, in diesen Gemeinden eine Privatsammlung zu veranstalten, um die Bochumer Stelle zu finanzieren. Besonders tätig