Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-08-05 · Heft 16 (5.8.1921) · p. Seite 190

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 16 (5.8.1921)
Date
1921-08-05
Page
Seite 190 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229482-3229498--76348-3288931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

190 heit un'b Gefahr zu begreifen. Sonst Hütte sie doch nicht ..unser" Rudolf sagen können. Hier setzt die heilige Einfalt der Güte ein. Die liebe Törin-erfaßte ^einfach Me Tragweite' von Rudolf Maiers Handlungsweise nicht. Oder — war sie auch hier klüger gewesen als wir alle? Hatte sie das Zahlengewirr, aus dem Herrn Rudolfs unglückselig zwiespältige Natur bestand, am weisesten entziffert, das Endergebnis am klügsten, am Weitestschauenden vorausberechnet, als sie von seiner Sohnesliebe, seiner Umkehr zum Guten sprach? Gott sei Dank! Mit dem Gericht würden die Maiers nichts zu tun bekommen. Wenn man das nun Herrn Louis Maier schreiben könnte. Aber man konnte es ihm nicht mehr schreiben. Der Brief, den ihn Frau Hanna — Frau Amalie war noch immer nicht in der Verfassung, Briese schreiben zu können, — sandte, erreichte ihn nicht mehr. Es ist nicht wahr, ich habe gelogen, als ich sagte, das Leben verschmähe die allzu krassen Bilder. Schlimmer als alle Phantasie zeichnet die Wirklichkeit. Herr Louis Maier hatte sich in dem kleinen Ort, in ben er ohne Sinn und Zweck gereist war, erhängt. Louis Maier? Um Gottes willen, das war ja nicht möglich. Wie ein Lauffeuex verbreitete sich die Schreckensnachricht durch die Stadt. Kein Mensch -bezweifelte freilich auch nur einen Augenblick, daß dieser Frömmste der Frommen, dieser alte, bedachte, stille Mann die Tat in einem Anfall geistiger Umnachtung verübt hatte. Die Anzeichen, die sich blitzschnell herumsprachen, sagten es ja auch ganz deutlich. Die Wirtin des kleinen Gasthoses. in dem er abgestiegen war, hatte ausgesagt, daß der Herr seit drei Tagen zu jedem und jedem Zuge bestimmt.habe abreisen wollen und alles zu seiner Abreise bereitgelegt habe, und daß er dann doch jedesmal dem Zug versäumt habe oder auf dem Bahnweg Widder umgekehrt sei. Schließlich hätten sie schon alle gelacht im Hause. Das letzte Mal h-a-ö!e er sich extra um fünf Uhr früh Wecken lassen und sei mit ihrem Buben, der Hm die Reisetasche getragen habe, nach der Station gegangen. Sie seien auch rechtzeitig dort an» gekommen, aber, als der Pfiff des heranbrausenden Zuges ertönt sei, sei der Herr zusammengezuckt, habe den verdutzten Jungen, der «cht gewußt habe, wohin mit Schirm und Tasche, stehen lassen, und sei davongerannt, querfeldein. Weiter wußte die Gastwirtin nichts. Das andere erfuhr man von dem Gemeindevorsteher eines dort benachbarten Dörfchens, der so schlecht seine Pflicht getan hatte. Man hatte den alten Herrn gegen Abend in völlig erschöpftem Zustand in dem winterlichen Wald, in dem er den ganzen Tag ohne Nahrung herumgeirrt war, aufgesnnden. Er hatte verworrene Reden geführt, und man hafle nichts Besseres zu tun gewußt, als ihn zu seinem Schutz zu internieren. Ob er das mißverstanden hat? Keiner hat für nötig gehalten, bei dem Kranken zu wachen, — in der Nacht hat er sich mit seinem Hemd am Fensterpfosten erhängt. Armer Herr Louis! Nach einem so langen Leben der Ehrenhaftigkeit und Arbeit, nach so vielen Ghejahren der rührendsten Liebe und Güte stirbst du an der Schande deines Namens., am Granen vor deinem eigenen Zuhause. Die besseren Nachvichten, den Ausstieg, der iw kommen wird, erlebst du nicht mehr. Und Jakob Maier? Die Brüder find ein Lebe-nlang unzertrennlich gewesen. Wie soll er den neuen Schlag verwinden? Aber er ist ja bei Frau Hanna! Frau Hanna, der Siegerin und Ueberwinderin, geht es mir tröstlich durch den Sinn, sie wird ihn auch an dieser Klippe vorbeiführen. Sie wird sich auch der Schwägerin in schwesterlicher Güte annehmen. Aber freilich, ihr, der unschuldig mit Schuld Beladenen', wird selbst sie nicht mehr helfen können. Frag Amalie, du arme Krämerseele, die du gefeilscht und gerechnet hast dein Lebelang, und. hast dich doch so grausam vevrechniet. - Hmstf Halt7 doch nur die kleinen Zahlen gebucht und die großen Werte aus deinem Leben! gestrichen. Deine Deine Seele hat das Marktnetz getragen, auch da du im Nerzpelz gingst. Wer in deiner Seele, Frau Hanna, ist ein ewiges Fest, das Fest der Herzensgüte. Und die Lichter, die ihr zu Ehren angezündet sind, heilen und wärmen und kosem und beleuchten herrlicher und klarer die Dinge dieser Welt als die dünnen Verstandeslichtchen, die uns so schnell ausgchen. Heute weiß ich,, Frau Hanna, daß die größte, die einzige Klugheit die Güte ist, und ich weiß nun auch, warum ich mich damals mit der Markttasche vor dir schämte, als du so festlich daherschrittest. Literarische Mitteilungen. — L -a n 'b a u, Prof. Dr. I. L., Oberrabbiner in Johannesburg (Afrika), „Ton Jsak Abrabanel", Dr-ama in fünf Aufzügen (hebräisch). Verlag von I. D. Eisenstein, New-Jork. Der Verfasser dieses Dramas erfreut sich in der neuhebräischen .Literatur mit Recht eines guten Namens. Seitdem er vor etwa 40 Jahren .als Jüngling mit Gedichten und Aufsätzen unter dem Pseudonym Hebel ben Schachar in die literarische Arena getreten ist, hat er mehrere Dramen, meist geschichtlichen Inhalts, veröffentlicht, die ihm allgemeine Anerkennung verschafft haben. Im vorliegenden Drama behandelt er eiine Episode aus dem Leben Don Jsak Abrabanels, nämlich seine Landung in Neapel am 24. August 1492 in Begleitung von einigen Tausenden seiner spanischen Leidensgenossen. Obgleich der Dichter im Gegensatz zu vielen Vorgängern, die das Leben Abrabanels dramatisch behandelt haben, sich streng an die geschichtlichen Quellen hält, vielfach sogar Zitate derselben und Aeußerungen seiner Helden wörtlich gebraucht, fühlt doch der Leser in jeder Szene, die hier vor ihm entrollt wird, das Wälten eines dichterischen Geistes, erkennt er das Werk eines echten Dichters, der die Wahrheit und Wirklichkeit aufs neue in seinem Innern erlebt und als MN Neues vor dem Auge des Lesers und Hörers -erstehen läßt. Auf Einzelheiten dieses lebenswarmen, wirkungsvollen, dramabi'- schen Werkes kann hier nicht eingegangen werden. Nur sei noch der prächtigen Form, der reinen, schönen Sprache rühmend gedacht, die freilich vom Meister des hebräischen Stils, der Landau m der Tat ist, erwartet werden durste. Der Verfasser hat durch diese neue Gabe seiner Muse, die er seinem verehrten Lehrer, Herrn Pros. Schwarz in Wien, als nachträgliche Jubiläumsgabe gewidmet hat, sich den Dank und die Anerkennung der Freunde des neuhebräischen. Schrifttums erneut verdient und gesichert. Dr. Holzer (Worms). * S. M. Dubnow hat, wie wir erfahren, in letzter Zeit seine großen jüdischen Geschichtswerke einer eingehenden Umarbeitung unterzogen. Von seiner „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" sind der erste und zweite Band, d-eren vorn Jüdischen Verlag her ausgegebene deutsche Uebersietzungl) ja auch bei uns den Ruhm des Historikers Duhnow verbreitet hat, nicht umgearbeitet worden. Da^- gegen ist die Umarbeitung des dritten Bandes vor kurzem fertig gestellt. Der Jüdische Verlag wird Demnächst das Manuskript dieses dritten Bandes, der das monumentale Werk zum Abschluß bringt, erhalten und alsbald an dessen Herausgabe Herangehen. Ueber die ersten beiden Bände brachte kürzlich die „Köntigsberger Hartungsche Zeitung" eine längere Besprechung, -die -die moderne Positiv-jüdische Geschichtsauffassung des Werkes sehr gut charakterisiert und mit deu Worten schließt: „Alles in allem ist das fesselnd geschriebene Werk, in dessen fließender Sprache man gar nicht ein-e klebe rfetzung vermuten würde, jedem zu empfehlen, der einen tieferen Eivblick in die äußere Lage des jüdischen Volkes wi-e in die geistigen Bewegungen und Strömungen in seiner Mitte während des äbaelaufenen Jahrhunderts gewinnen wiill. Die daraus fließende Belehrung und Anregung wäre besonders geeignet, auch etwas mehr Objektivität in die öffentliche Diskussion über das heutige Judentum zu bringen." *** *) S. M. Dubnow, „Die neueste Geschichte des jüdischen Volkes. 1789 bis 1914".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.