Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 16 (5.8.1921)
- Date
- 1921-08-05
- Page
- Seite 186 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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„Kadifcha" wuvde nur dem Verein beigelegt, der „Gemilut Hesed schel §met"J auf seine Fahne schrieb". Diese Behauptung ist wenigstens für die ältere Zeit unrichtig. Ich gebe einige chronologiisch geordnete Beweise. Eine „Haburah Kadifcha" der Begrüßer des Sabbath bestand in Lublin in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Sie wird in dem Buche ,^abbalat Schabbat" des Meuachem Mannes aus Türkin. Prag. 1621. erwähnt (Mssenbaum. Geschichte der Juden in Lublin (hebr.). S. 34). Ein Verein zur Befreiung der (von Seeräubern) gefangen gehaltenen Juden in Venedig wird in dem Epistolar Leon Modenas (1571—1648) als ..Haburta Kadischta de-Pidjon Schebujim" adressiert (Blau: Leo Modenas Briefe. S. 111. Budapest, 1905). Die Vertreter der hessischen Landesjudenschaft werden im Jahre 1690 als „sämtliche Vorsteher, so Hebarutha Kadifcha genannt" bezeichnet (Hildesheimer: Jubelschrist. S. 76). Im Jahre 1767 hatte eine unter höchst ausfälligen Umständen von dem Rabbiner Israel Lippschütz in Neve vollzogene Scheidung ein ungewöhnliches Aufsehen h.ervorgevu>fen. Die Gesetzmäßigkeit der Scheidung wurde von dem Frankfurter Rabbinat auf Grund der Behauptung bestritten, daß der Gatte wahnsinnig war. In der Proklamation, welche das Frankfurter Rabbinat erließ, um die Scheidung als ungesetzlich zu erklären, heißt es, sie sei mit der Zustimmung der „Hebvot (sie) Kadifcha der Parnaffim und Manhigim" unserer Gemeinde, also des Gemeind evorstandes erlassen worden (Zeitschrift für Hebr. Bibliogr. VI, 61 (1902). Die Geschichte ist einer der vielen, von dem Panzer der Antisemitenbrust wirkungslos abgeprallten Beweise gegen die angebliche Präzision, mit der die Beschlüsse der „Weifen von Zion" in ganz Israel automatisch blinden Gehorsam finden. Rabbiner Marcus Horovitz (1844—1910) aus Frankfurt a. M. hat die Entscheidung seiner Vorgänger verteidigt. Dafür ruft ihm der verstorbene Rabbiner der Ostjudengemeinde in Paris, Judah Lubetzki (1850—1910) entrüstet zu. an der Autorität der Rabbiner, welche die Scheidung approbierten, zu zweifeln, komme einem Zweifel an der göttlichen Autorität gleich (Bidke Battim, S. 44 b. Paris. 1896). „Denn der Tausves Jontef, Gott, das bist du." Die Statuten der „Hebra Kadifcha" zur Waisenpflege in Amsterdam, gedruckt daselbst bei Proops, 1739, verzeichnet ein Katalog der Buchhandlung Lewisohn, dessen Nummer ich leider zu notieren vergessen habe. Auch der Waisenerziehungsverein in Fürth, dessen Statuten zweimal. Fürth, 1768 und 1818, gedruckt wurden, führt aus dem Titelblatte die Bezeichnung „Hebra Kadifcha" (Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft, X. 105. 139, 1913). Eine Sammlung von Hymnen aus Anlaß der Errettung Von drohender Gefahr, als die Juden von Rom, wie das so allgemein auch heute üblich ist, der Sympathie mit der Revolution beschuldigt wurden (Vogelstein und Rieger: Geschichte der Juden in Rom, II. 347) ließ die „Hebra Kadifcha", „Hilfe in der Not" (über die Aufgabe des Vereins konnte ich nichts in Erfahrung bringen) im Jahre 1793 in Rom drucken (Zeitschrift für Hebr. Bibliogr. II, 131—132). In derselben Gemeinde gab es auch eine Hebra Kadifcha Maggifche Minchah, die sich nach dem Abendgebete zum Studium religiöser Werke versammelte. (Carlebach, Festschrift, Hebr. Teil, S. 114). In Remagen gab es noch 1895 eine „Chewro Kadischoh zur Hebung und Verbesserung der sozialen Lage der Juden". (Allg. Zeitg. des Jüdent. 1895, Nr. 31). Mir will es scheinen, daß das Epithet „Kadosch, Kadifch" in Verbindung mit Gemeinde und Verein überhaupt nicht die ’) In Rücksicht aus üble Erfahrungen mit Druckfehlern bei hebräischen Zitaten will ich, soweit möglich, hebräische Worte in Transskription geben, wobei ich mit kleinen Ausnahmen den Regeln der Tvansskription in .Lewish Encyclvpebm" folge. 186 ' --- Bedeutung hat, die dem Worte „heilig" in der deutschen Sprache zukommt, sondern nur eine Höflichkeitsform ist, wie man jetzt von „der ehrwürdigen Gemeinde" oder dem „löblichen Verein" spricht. Sicher ist das in dem vermutlich aus der Frühzeit der Geonim (etwa dem 8. Jahrhundert) stammenden Gebete für die Wohlfahrt der Gemeinde und ihrer Führer, „Haburata Kadischata, Kehala Kadifcha" der Fall. Ob diese Erklärung auch auf die Phrasen „Edah Kedoschah, Kehala Kadischa" im Talmud und Midrasch paßt, oder ob Jakob Reifmann Recht hat, der darin bestimmte Organisafionen religiöser Natur sehen will (Jahrbuch Jerusalem ed, Luncz, IV., 96—97, 1892) wage ich nicht zu entscheiden, obwohl ich mich der ersteren Anschauung Hinneigen möchte. In der talmudischen Litevwtur bedeutet „Kadosch" jedenfalls nicht das, was wir heilig etwa im technischen Sinne der Kanonisation in der römisch- und griechisch-katholischen Kirche nennen, sondern eine gewisse Geistigkeit, die sich in der Gleichgültigkeit gegen materielle Vorteile und besonders in der Beherrschung des sexuellen Triebes ausdrückt. In diesem Sinne wird die Kasteiung durch Fasten ein Akt der Heiligung genannt (Ta'anit, 11a), und Menahem Bar Simai, der niemals das Bild (wohl den Kaiserkopf) auf einem Denar betrachtet hat, wird der „Sohn der Heiligen" genannt (Abodah Zarah, 50a), wohl kaum, wie spätere Erklärer annehmen, weil er „ein gegossenes Bild" nicht ansehen wollte, sondern weil sein Auge niemals mit Interesse („istakkal") auf einer Münze weilte. Die höchste Ueberwindung des Fleisches ist der freiwillige Tod, darum wird der Märtyrer Kadosch genannt, da er sein Leben für die Heiligung des Gottesnamens hergibt (Berakot, 20a, Pesahim, 53b). In der letzteren Stelle ist die für die degenerierte Dialektik des 17. Jahrhunderts besonders charakteristische Diskussion Maharam Schiffs (1605—1641) interessant, welche den Unterschied zieht zwischen dem Erleiden und dem freiwilligen Suchen des Märtyrertodes. Die drei Jünglinge im feurigen Ofen wären verpflichtet gewesen den Tod zu erleiden, aber da niemand dem Ofen sich nähern konnte, ohne von der Glut verzehrt zu werden, konnten ihnen die Henker nichts anhaben. Sie mußten deshalb, um den Namen Gottes zu heiligen, freiwillig sich in die Glut stürzen, was sie taten, nachdem sie aus dem Betragen der Frösche in Aegypten, die sich freiwillig in den Backofen stürzten (Ex. I, 28. Pes. 53b), auf ihr eigenes Verhalten gegenüber dem göttlichen Befehle Schlüsse zogen. Sonst ist die Metapher der Heiligkeit, wie bereits gesagt, meistens mit Rücksicht auf sexuelle Enthaltsamkeit angewendet, wie etwa in der Vorschrift: „Heilige dich durch Zurückhaltung in dem, was dir gestattet ist" (Jebamot 20a, vgl. die Regeln über das Eheleben, Sabbat 86 a und Schebuot 18 b). Josef wird gepriesen, weil er durch Abweisung der Werbung der Frau Potiphars den Gottesnamen geheiligt hatte (Sotah, 10 b). Judah, der Patriarch, wird wegen seiner sexuellen Rigorosität „unser heiliger Rabbi" genannt (Sabbat 118a). Ein höchst ingeniöser Midrasch bemerkt, daß On ben Pelets Name wohl unter den Mitverschworenen Korahs (Num. 16, 1), aber nicht unter den von der Erde verschlungenen Sündern (d 21) genannt wird, und löst diesen Widerspruch durch die Annahme, daß On durch die List seiner Frau gerettet worden sei. Diese kluge Dame riet ihm, sich für keine der beiden Parteien zu kompromittieren, schenkte ihm bei der Mahlzeit so reichlich ein, daß er in einen festen Schlaf versank. Dann setzte sie sich mit aufgelöstem Haar vor die Tür, da sie sich sagte, „die ganze Gemeinde besteht aus Heiligen", die sich einem Haufe, dessen Verwalterin sich in einem so unzüchtigen Aufzuge präsentiert, nicht nähern werden. (Sanh. 109 b, Num. Rabba 18, 20.) Die Anwendung des Adjektivs „heilig" in einem dem katholischen Begriffe sich nähernden Sinne scheint erst in der spät kabbalistischen Literatur aufgekommen zu sein. Die Bezeichnung der „heilige Zohar" gehört wohl nicht hierher, da sie