Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 16 (5.8.1921)
- Date
- 1921-08-05
- Page
- Seite 184 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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184 Ein anderer Würdenträger der katholischen Kirche: der Szombathelyer Diözesanbischof Gras Johann Mikes, erklärte in Zalalövö der zu seiner Begrüßung erschienenen jüdischen Deputation unter anderem: „Der Antisemitismus ist weder christlich noch national. Es hat unter Juden und Christen auch solche gegeben, die sich gegen die Ordnung des Vaterlandes und der Gesellschaft versündigt haben; ich aber verurteile nicht wegen der Sünden einzelner die ganze Konfession, denn auch das Judentum steht aus der Grundlage der zehn Gebote, und ich weiß sehr gut, daß die Zerstörer schon längst die Religion unter ihren Füßen weggestoßen haben und daß sie nur die abgefallenen, faulen Früchte des lebenskräftigen Baumes des Judentums gewesen." In ähnlicher Weise äußerten sich während ihrer Firmungsreisen auch der Veszpremer Bischof Dr. Ferdinand Rott und der Waitzner Bischof Dr. Stephan Hanauer, die ihrem Vertrauen zum ungarischen glaubenstreuen Judentum Ausdruck gaben und ihre Geistlichkeit ermahnten, Liebe und nicht Haß zu verkünden. Der bekannte reformierte Debrecener Bischof Dr. Desider Baltazar erwiderte in Törökszentmiklos auf die Begrüßung der jüdischen Gemeindedeputation: „Ich vermag mir die Reorganisierung des Landes ohne Mitwirkung der Juden nicht vorzustellen. Sie sind unentbehrliche Faktoren der Renaissance, ergänzende Organe des nationalen Körpers." Und am 18. Juni richtete dieser liberale Kirchenfürst bei der Jahresschlußfeier des Debrecener res. Kollegiums an dessen Jünger eine Festansprache, in der es unter anderem heißt: „Wer von der Seele der Jugend den Blütenstaub der Frische entfernt, wer die zum Emporstreben berufenen Hoffnungen der Zukunft in den Schlamm des Alltagslebens zerrt, wer das Feuer des Zorns und des Hasses dort schürt, wo es des wachstumfördernden stillen Taues, des blütenöffnenden sanften Sonnenstrahles bedürfte, wer rauh unter den zarten Gräsern umhertrappt und der nationerlösenden Seele der Liebe die Seele der Gewalttätigkeit einimpft: der verrät ein Heiligtum und begeht ein Sakrileg . . . Lassen Sie mich an der Dämmerung eines treuloseren Jahres die Gesetze der über die Erde geschaffenen ewigen göttlichen Wahrheiten, der über der Erde lebenden und herrschenden Ideale und der auf Erden, im Leben schöpfenden, wirkenden und konservierenden Liebe als Mahnung und Aneiferung verkünden." Im Budapest-Elisabethstädter Demokratenklub sagte der einstige Budapester Oberstadthauptmann Dr. Ladislaus Sandor anläßlich einer Begrüßung des Demokratenführers Wilhelm Vazsonyi: „Ich war vor Jahren, vor nicht langer Zeit, Polizeimann und habe als solcher während des Krieges im Austrage Stephan Tiszas die östlichen Grenzen des Landes bereist. Und ich habe in den entlegensten Winkeln, wohin seit Menschengedenken kein Vertreter des ungarischen Staates seine Füße gesetzt hat und wo es weder ungarische Notare noch ungarische Geistliche oder Lehrer gab, die Erfahrung gemacht, daß dort ausschließlich der jüdische Schankwirt die Zugehörigkeit zum ungarischen Staate vertrat. Ich konnte niemals am ungarischen Patriotismus der ungarischen Juden zweifeln . . . Und ich habe auch die Erfahrung gemacht, daß jüdische Fabrikanten zur Zeit der fremden Besetzung 20 bis 30 vertriebene ungarische Beamte zu einer Zeit bei sich untergebracht haben, in der meine christlichen Mitbürger es nicht gewagt hatten, sich, zu den besetzenden Mächten in Gegensatz zu stellen. Der sündigt gegen das Vaterland, der das ungarische Judentum aus Antisemitismus verfolgt." Beweisen diese Aussprüche, daß der schwere Alpdruck, der Ungarn seit seinem Niederbruche belastet, immer mehr schwindet und daß immer mehr Stimmen schon öffentlich dem doppelt schwer heimgesuchten ungarischen Judentum Anerkennung und Gerechtigkeit zu zollen wagen, so beweisen die folgenden Aussprüche ungarischer Juden, daß dieses Judentum trotz der Ereignisse der letzten Jahre seine Hoffnung und Zuversicht, seinen felsenfesten Patriotismus nicht eingebüßt hat. In Debrecen, diesem Grenzbollwerk Rumpfungarns, sagte der neugewählte Präsident der jüdischen Gemeinde Dr. Franz Fejär in seiner Programmrede unter anderem: „Es ist währ: die ungarischen Juden sind derzeit grausamen Erprobungen ausgesetzt. Jene wollen sie ihres Ungartums für verlustig erklären, die für ihr eigenes Ungartum weder Rassenoch andere Beweise anführen können, sondern nur ausschließlich die Tatsache, daß sie keine Juden sind. Einzelne wollen das hehre Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit in uns erlöschen. Doch in uns ungarischen Juden lebt das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit so fest, daß keine Kraft auf Erden die Bande zu lockern, geschweige denn zu zerreißen vermag, die uns an unser ungarisches Vaterland knüpfen. Wir leiden für unseren jüdischen Glauben, arbeiten aber für unser ungarisches Vaterland. Wir leiden und kämpfen, denken aber ganz und gar nicht an ein anderes Vaterland, an eine andere nationale Einreihung ..." Bei der diesjährigen Aufnahme von Schriftstellern und. Journalisten in den Verband der Pester Chewra Kadischa erklärte der über die Grenzen seines Vaterlandes bekannte ungarische Dramen- und Lustspieldichter Emmerich Földes unter anderem: „Wir brauchen uns nicht um den Hohn, um die Flüche, um die ungerechten Beschuldigungen zu kümmern. Wir müssen mit Stolz fühlen, daß unser Leid ein doppeltes ist: wir erleiden die heutigen großen Qualen des gesamten Ungartums und überdies auch noch die Leiden aller ungarischen Juden. Erwidern wir den Haß nicht mit Haß. Ein erhobenes Haupt, ein verzeihendes Herz geziemt den zu Leiden Auserkorenen, die stets für Gott, Vaterland und Fortschritt zu leiden wußten und auch stets in Einigkeit zu leiden wissen werden." Und der Rektor des Budapester Rabbinerseminars, der in der ganzen jüdischen Welt hochgeschätzte und anerkannte Gelehrte Dr. Ludwig Blau, sagte den ihn anläßlich seines sechzigsten Geburtstages begrüßenden verschiedenen Deputationen: „Ich wußte wohl, was es bedeutet, der Wissenschaft in einer Weltsprache zu dienen, rang jedoch meine individuelle Ambition nieder, um mit meinem Wissen dem ungarischen Judentum dienen zu können. Ich wußte auch, daß die Wissenschaft keinen Rivalen duldet'— wo ich aber dem ungarischen Judentum soziale Dienste leisten konnte, tat ich es selbst auf Kosten der Pflege der Wissenschaft. Ich bin als ungarischer Jude geboren, fühle mich als ungarischer Jude und diene dem ungarischen Judentum. Und ich bin überzeugt, auch der Sache Ungarns gedient zu haben, so oft ich zum Schutze des Judentums aufgetreten bin." , J. K. IüMche Elemente im italienischen Parlamente. Von Professor Dr. Ermnnno Loevinson (Rom). (Schluß). emselben Ministerium N i t t i gehörte eine andere Persönlichkeit an, die allerdings, ebenso wie der ehemalige Ministerpräsident S i d n e y S o n n i n o, bereits seit der Geburt für das Judentum verloren, aber dennoch darum für uns interessant ist, weil in ihr manche Rasseneigentümlichkeiten, wie Sprech- und Sprachbegabung, Charakterfestigkeit bei Anpassung an die verschiedensten Situationen und erfolgreiche Betätigung auf weit auseinanderliegenden Gebieten sehr stark ausgeprägt sind, wir meinen den Schatzminister Carlo Schanzer, im Auslände viel genannt, seitdem ihm die 20-Milliarden-Anleihe gelang. . , Als Sohn eines aus Stanislau in Galizien stammenden, geschätzten jüdischen Rechtsanwalts in Wien geboren, als Knabe