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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-08-05 · Heft 16 (5.8.1921) · p. Seite 180

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 16 (5.8.1921)
Date
1921-08-05
Page
Seite 180 (sequence 2)
Language
German
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180 und verblüffend ist der in dem Kapitel Antiteutonismus und Antisemitismus geführte Nachweis, daß die den Juden von den Antisemiten entgegengeschleuderten Vorwürfe aufs Haar, aufs I-Tüpfelchen dieselben sind, die den Deutschen von der ihnen feindlichen Umwelt vor dem Kriege und ganz besonders während des Krieges gemacht wurden, daß Methode und Kampfesführung der antisemitischen Pseudowissenschaft und politischen Presse dieselben sind wie die der deutschfeindlichen. Mit wenigen, aber klaren und treffenden Worten umschreibt er daS Wesen des Antisemitismus, daß dieser das Judesein als etwas Schändendes ansieht, und daß dieses Schändende auf Eigenschaften beruhe, die in der Rasse begründet sind, also weder durch äußere Umstände noch durch sittliche Kräfte verändert werden können; daß er nicht den einzelnen Juden nach seiner sittlichen Bewährung wertet, sondern ihn verdammt, auch wenn er noch so sittlich ist, und daß er ihm jede Möglichkeit des Gutseins grundsätzlich abspricht. Indem der Antisemitismus sich selbst direkt aus der Rassentheorie begründet und mit ihr identifiziert, spricht er sich für joden ins Ideale strebenden Menschen das Urteil. Denn diese Theorie ist der ödeste Materialismus, sie macht den Geist zum Sklaven des Blutes, sie will den Geist durch das Blut nicht etwa nur beeinflußt, sondern bestimmt sein lassen. Damit leugnet sie und mit ihm der Antisemitismus im Grundsatz die Möglichkeit von Ideen, die über die Verschiedenheit der Menschen hinausgreifen und sie innerlich verbinden. Die Antike hatte ihr Fatum, die moderne Rassentheorie nimmt — ganz im Stile des Heidentums — das Blut als Schicksal hin, das über Gott steht, dem niemand entrinnen kann, in das man hineingeboren ist und vor dem jedes sittliche Streben wirkungslos wird. Ja, noch schlimmer, es macht ein sittliches Streben überhaupt unmöglich. Diese Denkweise ist also noch heidnischer, als das antike Heidentum war. Diese als heidnisch zu wertende Rassentheorie setzt sich politisch dann um in den Nationalismus. Dieser macht aus dem Nationalen etwas Unbedingtes und Letztes, verlangt, daß der Mensch mit seinem Wesen ganz im Nationalen aufgehe; er setzt das Nationale über alle Werte und anerkennt diese nur, sofern sie der Machtgestaltung des Staates dienen. Mit anderen Worten heißt das: an die Stelle der übernationalen Werte Recht, Friede, Gerechtigkeit, Liebe tritt die Macht als einziger Wert. So tötet dieser Glaube das Leben der Religion. Er tötet sie noch in einem tieferen Sinne, denn er leugnet ja das letzte Ziel aller Religion, daß es jenseits aller Verschiedenheiten ein Heil, eine Heilsgemeinschast für alle Menschen gebe. Er leugnet, daß die religiöse Wahrheit durch alle Verschiedenheit, alle schicksalsmäßigen Verschalungen der Seele durchstoßen kann, damit alle Menschen Gottes Kinder werden können, er sieht auch im Religiösen etwas von der Rasse und dem Blute Abhängiges. „Daß man nach 2000 Jahren Christentum das religiöse Problem zu einem Rasseproblem machen konnte, ohne im Innersten vor dieser religiösen Ruchlosigkeit zu erbeben, bezeichnet einen Tiefstand der religiösen Gesinnung, wie ihn keine Epoche der christlichen Zeitrechnung aufzuweisen hatte. Dem neunzehnten Jahrhundert war es Vorbehalten, Geist und Religion hervorgehen zu lassen, aus dem, was den Menschen mit der Tierheit verbindet, aus der Rasse." So ist es des Buches letzte Antwort aus die gestellte Frage, daß, wer im Innersten religiös ist, wer — der Frage des christlichen Fragestellers entsprechend — ein Christ sein will, kein Antisemit in diesem oben skizzierten Sinne sein kann. Mit dieser Antwort und der Methode der Antwort hebt Goldstein seine Ausführungen über das Niveau des landläufigen politischen Kampfes hinaus und erhebt das Thema zu einer Angelegenheit sittlicher Kultur. Und das ist ein Hauptwert des Buches, daß es jedem, der innerlich religiös empfindet und bloß aus Gedankenlosigkeit oder Parteiinteresse die antisemitische Politik mitmacht, die Augen öffnet und ihm fest: Abgewandtsein vom Religiösen zeigt. Das Ziel ist nun gezeigt, dem Juden und Nichtjuden zustreben müssen, die gemeinsame Verpflichtung von Juden und Christen, gegen diesen Auswuchs heidnischsten Denkens zu kämpfen, ist neu begründet, eine Gemeinsamkeit aller zum Kampf für das religiöse Ziel und den religiösen Weg ist dargetan. Das ist die Antwort des Gelehrten, desien, -der die Antwort auf die Fragen menschlichen Zusammenlebens nicht aus dem Dunklen des Irrationalen, sondern aus der Klarheit der sachlichen Forschung finden will. Anders wird der Künstler sein Thema gestalten. Davon im Nächsten. Wochenschau. Berlin, I. August. mtlich wird mitgeteilt: Angesichts der herannahenden Entscheidung über das Schicksal Oberschlesiens hat die Reichsregierung im Verein mit der preußischen Staatsregierung beschlossen, in enger Fühlungnahme mit der Bevölkerung Schlesiens dahin zu wirken, daß die Bewohner des Landes sich auch weiterhin höchste Zurückhaltung auserlegen, um zu ihrem Teil dazu beizutragen, eine sachliche Entscheidung zu ermöglichen. Es gilt, der Welt ein Beispiel dafür zu geben, wie ein Volk durch seine Selbstbeherrschung der sachlichen Lösung einer Frage von so großer Tragweite die Wege ebnet. Die Reichsregierung richtet diese Mahnung nicht nur an die Schlesier, sondern an das ganze deutsche Volk und erwartet, daß jeder, der der deutschen Sache dienen will, rrihiges Blut bewahrt und sich der hohen Verantwortung bewußt bleibt, die uns der Augenblick auferlegt. Jede unbesonnene Haltung würde die von uns beanspruchte sachliche und gerechte Lösung der Frage gefährden. * Wir möchten heute die Aufmerksamkeit unserer Leser auf den Ausgang zweier im vorigen Monat stattgesundenen Gerichtsverhandlungen lenken: 1. der verantwortliche Redakteur der „Mitteilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus", Dr. Johannes Stanjek, wurde wegen öffentlicher Beleidigung des Amtsgerichtsrats Rück er t in Frankfurt a. M., die in einem Artikel „Die Gefahren antisemitischer Richter" in Nr. 20 der „Mitteilungen" vom 21. Oktober 1920 begangen worden sein soll, am 14. Juli seitens der III. Strafkammer des Landgerichts ll in Berlin zu einer Geldstrafe von 300 Mark verurteilt. Gegen das Urteil ist Revision eingelegt. 2. Dr. Artur Dinier, der wegen Gotteslästerung angeklagt war, wurde am 11. Juli von der Strafkammer des Landgerichts Kassel freigesprochen. Ueber die Gerichtsverhandlung in Kassel, die für uns Juden von besonderem Interesse ist, liegt folgender Bericht vor: Bor der Strafkammer des Landgerichtsin Kassel fand am 11. v. M. die Verhandlung gegen den bekannten Führer der Deutschvölkischen, vr. phil. Artur Di nie r, wegen >G o-liesl aste run g statt. Die Anklage stutzte sich aus Aeußerungeu, die Dr. Dinier während eines Vortrags am 21. Mai 1920 in Kassel über „Gott und die israelitische Religion" gemacht hatte, und zwar wurde ihm zur Last gelegt, Gott gelästert und die jüdische Religion beschimpft zu haben (8 166 BStB.). Nach dem Eröfsnungsbeschluß war die Gotteslästerung darin zu finden, baß Dr. Dinter sagte: Der Judengott Jahwe sei ein Gott der Geschäftemacher, ein über -den Wolken thronender Geschäftsmann. Von den alttestamentlicheu Schriften behauptete der Angeklagte, daß sie Tagebücher jüdischer Betrügereien seien, während er in bezug auf das Kolnidre-Gebet die -den Antisemiten geläufige Auslegung gab, als würden durch dieses Gebet die Juden außerhalb von Gesetz und Ordnung gestellt und sogar ermächtigt, dem Andersgläubigen -das gegebene Versprechen nicht zu halten, Meineide, Betrügereien, sogar

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