Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 15 (22.7.1921)
- Date
- 1921-07-22
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Lichterselde-West eine Fahrkarte lösen. - Er wurde von einem „Herrn", der sich später als der Kaufmann Oskar Berger, Werderstraße 18, herausstellte, ohne jeden Grund mit den Worten ankrakeelt: „Was wollen Sie eigentlich hier. Sie schäbiger Jude, gehen Sie nach Galizien zurück!" Auf die höfliche Erwiderung des Ausländers, er sei kein Jude, erfolgte, die Antwort: „Mir werden Sie das nicht weismachen. Sie stinken ja drei Meilen weit nach Knoblauch!" Aus die Aufforderung des Ausländers, mit zur Polizeiwache zu kommen, erwiderte Berger mit Drohungen und einem Stoß vor die Brust,, worauf er sich schleunigst auf sein Rad schwang. Erst am 16. Juni, gelang es dein Ausländer durch einen glücklichen Zufall, die Person des antisemitischen Rowdys festzustellen. Er hat alsbald Klage gegen ihn angestrengt. r. Breslau, 15. Juli. Die Industrieschule fürisraelitische M ä d ch e n, die im Jahre 1801 errichtet wurde und stets in segensreicher Weise gewirkt und Hunderte von Mädchen wohlvorbereitet in das Berufsleben entlassen hat, ist durch die Ungunst der Zeitverhültnisse in ihrem Fortbestand argbedroht. Die Al i tgl iederver sammlun g, die vor kurzem unter Leitung des Rabbiners Dr. Vogel stein im Sitzungssaal der Repräsentanten stattfand, beriet, ob man entweder Mittel und Wege ausfindig machen könne, die Anstalt finanziell zu stützen,. oder ob man ihre Auslösung beschließen solle, wobei der Stadtgemeinde beträchtliche Kosten für die Unterbringung der Schülerinnen entstehen dürften. Die Repräsentanten bewilligten bekanntlich seinerzeit aus einen Antrag des Gemeindevorstnndes zur Behebung der Not der Schule außer der -etatmäßigen Subvention von 2000 Mark eine einmalige Beihilfe von 8000 Mark. Dieser Beschluß wurde herbeigeführt, um der Anstalt über die dringendste Not hinwegzuhelfen. Seither aber haben sich die Zustände nicht geändert. Das Ergebnis der regen Aussprache war, daß der Ver-einsfvorstand mit der Bildung einer Propagandakommission beauftragt wurde, um zu versuchen, die Schule durch freiwillige Geldsammlungen über die schwersten Jahre hinaus zu erhalten. Das Ergebnis soll abgewartet werden. Wird es ein ungünstiges sein, so ist eine zweite Versammlung im September einzuberufen, welche dann über die Auslösung der Anstalt zu beschließen hat. — Zwecks Zusammenfassung der jüdischen Wohlfahrtspflege in Breslau fand kürzlich im Sitzungssaale der Repräsentanten eine Versammlung von Vertretern aller Humanitären, wohltätigen und gemeinnützigen Institutionen der Breslauer Synagogengemeinde statt, zu der die Gemeindekörperschasten ebenfalls ihre Abordnungen entsendet hatten.' Zur Tagesordnung sprachen der ehemalige Breslauer Magistratsassessor Dr. Ollendorff, jetzt Direktor am Städtischen Waisenhaus und Leiter des Jugendamtes der Stadt Berlin, und der Generalsekretär Dr. Segall von der Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden in Berlin. Beide Redner betonten in ihren beifällig ausgenommenen Ausführungen die unbedingte Notwendigkeit eines entsprechenden Zusammenschlusses auf dem weitverzweigten Gebiete der Wohlfahrtspflege. Der erste Sprecher behandelt sein Thema lediglich unter Berücksichtigung der Zwecke und Ziele unter Einordnung der jüdischen Wohlfahrtspflege und sozialen Arbeit unter die Wohlsahrtsarbeit im allgemeinen. Der zweite Referent schilderte dagegen die bisher praktisch geleistete Wirksamkeit der Organisation und die zahlreichen Erfahrungen und schlug auch für Breslau die Errichtung einer einheitlichen Geschästs^- stelle vor, ferner Einsetzung von verschiedenen gemischten Ausschüssen und Abhaltung von allgemeinen Vertreterversammlungen. M. Hamburg, im Juli. Dem Andenken des viel zu früh verstorbenen Arztes Dr. Jakob G o t t h o l d wurde von seinen Kindern ein Denkmal errichtet, das den Namen Dieses nicht nur um die leidende Nie u sch heit, sondern um unsere Gemeinde so hochverdienten Mannes dauernd erhalten soll. War doch der Verstorbene viele Jahre in unserer Gemeinde ehrenamtlich tätig. Anläßlich des siebzigsten Geburtstages der Frau Dr. Jakob Gvttholo Haben ihre Söhne zusammen mit dem Teilhaber ihrer Firma, Herrn Hermann Bauern der Gemeinde einen Betrag von einer halbere Million Mark überwiesen zur Begründung einer Anstalt für Nervenkranke, welche den Namen „Dr. - Jakob - Gotthold - und - Frau - Wiilhelmine, - geborene Mayer-Stiftung" führen soll. Die Anstalt wird eine Wohltätigkeitsnnstalt der Gemeinde sein. Solange die Anstalt nicht eröffnet ist, ist der Vorstand berechtigt, die Zinsen für Nervenkranke zu verwenden. Der Vorstand der Gemeinde hat sich zur Ueberuahme des Stiftuugskapitals und dessen Verwaltung nach den Bestimmungen der Stifter entschlossen. Die Repräsentanten erklärten sich hiermit einverstanden und der Vorsitzende sprach unter Zustimmung der Versammlung den Stiftern den Dank des Kollegiums für ihre hochherzige Zuwendung aus. — Recklinghausen, 15. Juli. Hier fand die Einführung des Rabbiners Dr. Silberberg statt. Während die Gemeindemitglieder sich in der festlich'geschmückten Synagoge versammelten, wurde der neue Rabbiner im Sitzungszimmer der Synagoge durch den Vorstand und die Repräsentanten offiziell in seinen hiesigen Wirkungskreis eingesührt. Dvr Vorsitzende des Vorstandes, Herr K a tz, begrüßte den Rabbiner und wies darauf hin, daß mit der Wiederbesetzung des Rabbinats ein alter Wunsch der Gemeinde- Mitglieder erfüllt sei; er bat den Rabbiner, nun seines Amtes zu walten. Dann fand die eigentliche Einführung statt. Herr Lehrer Tannenbaum begrüßte hieraus den neuen Rabbiner namens der Gemeinde und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Tätigkeit des Herrn Dr. Silberberg sowohl für die Gemeinde als auch sjür die Gesamtheit eine segensreiche sein möge. Sodann betrat Herr Dr. Silberberg die Kanzel und dankte bewegten Herzens für das Vertrauen, das man ihm entgegengebracht habe. Er führte aus, es sei ihm nicht leicht geworden, von seiner Vaterstadt und langjährigen Wirkungsstätte Abschied zu nehmen, er habe aber dem an ihn ergangenen Ruf gern Folge geleistet, nachdem er gehört, daß auch hier das jüdische Leben wieder neu erwacht sei. In formvollendeter Rede zeichnete der Redner den Weg, den der Führer des Volkes einzuschlagen habe, wolle er, daß wie das Licht der Menorah auch die Begeisterung für das Judentum nicht erlösche. Ein Festgottesdienst unter Leitung des Kantors Söffe beschloß die schlichte, aber erhebende Feier. H. Kassel, im Juli. „Rasch tritt der Tod, den Menschen an, es ist ihm keine Frist gegeben; es stürzt ihn mitten in der Bahn, es reißt ihn fort vom vollen Leben." Schillers Mahnwvrt mußten wir hier kürzlich in seinem ganzen Tragik durchleben. Im Begriff, den Weg zur gewohnten Pflicht anzutreten, endete am.29. v. M. ein Gehirnschlag das Leben des Seminarlehrers Katz, eines Mannes, von dem man sagen konnte, sein Erdenwallen war köstlich, denn es war Mühe und Arbeit bis zum letzten Atemzuge, immer an andere denkend, nie an sich. In tiefer Trauer steht eine deutsche Großgemeinde an seiner Bahre. Seine Schüler blickten zu ihm voller Liebe und Verehrung auf. Mit seiner großen Erfahrung, seinem reichen Wissen, seinem gütigen und, versöhnlichen Wesen war er ein Freund und Berater der Jungen und Alten seiner Gemeinde länger als drei Jahrzehnte. Wer will die stille, hingehende Arbeit schildern, die der Verstorbene als Lehrerbildner in dieser so langen Zeit leistete? Mehrere Hunderte jüdischer Lehrer, die im In- und Auslande für und mit Israels Zukunft arbeiten, sind seine Schüler gewesen, und alle gedenken in aufrichtigster Dankbarkeit . ihres Freundes und Helfers. Ms Pädagoge stand er nicht in erster Reihe; er gehörte nicht zu den Pfadfindern, «deren Ideen er Gestalt.geben wollte. Seine Kraft legte er in der stillen, planmäßigen, erprobten und bewährten Arbeit -an. Seine Seminaristen wurden immer und immer daraus hingewiesen, die Schule nicht als Tummelplatz der Meinungen, d-ie Schüler nicht als Versuchsobjekte von neuen Methoden und Wegen zu benutzen. Die Stetigkeit war seine eigenste Art. Darum war auch sein Ersoilg der gleich gute. Mit belehrender Wärme -nahm er sich der wenig Begabten an, denn er wußte von diesen, daß sie im Leben bei gutem Willen und treuer Pflichterfüllung ihren Mann stellen werden. Diese seine festeste U-eberzengung fand er fast immer bestätigt. Darum genoß er die uneingeschränkte Verehrung aller, die er für den Lehrberuf vorbereitete, urtibi deren Dankbarkeit wird ihm über das Grab hinaus bleiben. Katzens Lebensweg führte nicht -über Felsen und Klippen. Aus einer ostpreußischen Kantorensamilie stammend, wirkten der talmud-isch gebildete fromme Vater und seine ideal veranlagte Mutter frühzeirtig auf den empfänglichen Knaben, der nach mehrjährigem Gymnasiumbesuch auf der Präp-arande und im Seminar zu Hannover seine Ausbildung erhielt. Nach bestandener erster Lehrerprüfung «blielb er daselbst so lange als Lehrer und Jnternatsausseher, bis ihn. Dr. Prager 1888 als Seminarlehrer nach Kassel berief, welches Amt er bis zur Auflösungder Anstalt im Jüli 1920 bekleidete. Die Gemeinde Kassel übertrug ihm die Leitung der Reliaionsfchule. Mit vollem Recht konnte das Lehrerkollegium