Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 15 (22.7.1921)
- Date
- 1921-07-22
- Page
- Seite 178 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229497--76331-3288913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
178 treibende Kraft ihrer Seele wirken. Ein interessantes und belchrendes Buch also, das jeden anregt, auch den Kundigen und mit dem Stoff Vertrauten. Ein Grundsätzliches könnte dabeinoch gestreift werden. Daß. derartige Verträge auf einer jüdischen Volksschiule gehalten werden, ist an sich ganz schön; -daß eine jüdische VoMhochschnle gut ist als Zusammenfassung der zersplitterten Bildungsbestrebungen innerhalb der Gemeinden und -als Voraussetzung einer gewissen Systematisierung des Lernbetriebes, soll nicht bestritten werden, aber man soll sich hüten, diese jüdischen Volkshochschulen als letztes Ziel unserer Wünsche zu denken. Unser Ziel muß sein, auch die iw Zusammenhang mit dem Judentum stehenden Themen im Rahmen der allgemeinen Volkshochschulen in breitester Oeffentlichkeit zu erörtern. Der Ausschluß des Judentums voll den Universitäten darf sich nicht bei den Volkshochschulen wiederhiolen, bei denen all die historischen Scheingründe ja gar nicht in Betracht kommen, die bei der Universität ins Feld geführt werden, um das Judentum als Forschungsgegenstand auiszuschließen. Eine solche Vortragsreihe wie die Heinemannsche, an der allgemeinen Volkshochschule gehalten, mühte noch ganz anders ausklärend, Bildung festigend und Wahrheit begründend wirken. Diene mann (Ofsenbach a. M.). * — S. M ii ller. Jüdische Geschichte von der Zerstörung des I. Tempels bis zur Gegenwart, in Charakterbildern .dargestellt. 3. Ausl. Stuttgart 1921. Das bekannte Werk des Heidelberger Pädagogen erscheint nunmehr in dritter Auslage. Es ist gegenüber den früheren Auslagen unter Mitwirkung von Bezirksrabbiner Dr. Beermann (Heilbronn) erheblich umgestaltet und erweitert worden. Zur religiös-wissenschaftlichen Vertiefung und zur Erhöhung der praktischen Brauchbarkeit sind einzelne Geistesschöpsungen und Zeiterscheinungen eingehender gewürdigt worden; so die Zeit des Exils, Esra, das Pharisäische (?) Christentum, der Hellenismus, die Entstehung des Christentums, der Untergang Jerusalems, die Tannaiten und Amoräer, der Kusari, More Nebuchim, Mischne Thora, die Responsenliteratur, die Kabbala, der Antisemitismus, der Zionismus, die Einwirkung des Weltkriegs auf die Rechtslage der Judenheit u. a. Das Buch ist in erster Linie als Lehrbuch für den Unterricht in jüdischer Geschichte gedacht. Es reiht sich würdig den anderen Werken des Verfassers an, der „Kleinen Bibel" und dem „Buch für unsere Kinder". Was uns besonders wertvoll erscheint, ist die bewußte sittlich-erzieherische Tendenz, die dieser Darstellung zugrunde liegt, und zwar das Sittlich-Erzieherische nicht in -dem Sinne des aufdringlichen Schulmeisierns, sondern in der seinen stillen Art des Praktischen Charakterbildes, das für sich selber spricht. Aber das Müllersche Merk ist weit mehr als nur ein Lehrbuch. Jeder Gebildete, der sich für jüdische Geschichte interessiert, wird darin eine reiche Fülle von Belehrung und Anregung schöpfen. Der Verfasser bemüht sich überall, durch gute Uebersetzungen den Leser selbst Einblicke gewinnen zu lassen in die erhabene Welt jüdischen Schrifttums. Von den Propheten über Talmud und Midrasch bis zu Lazarus und Cohen sind Proben in kluger Auswahl beigegeben, für die gerade der Laie dankbar sein muß, dem jene Werke nur schwer zugänglich sind. Auch wer sich über die modern-jüdischen Organisationen, den Verband der deutschen Juden, den Hilfsverein, den Gemeindebund, den Zentralverein, die Logen usw. orientieren will, wird in diesem Buche klaren und saschlichen Aufschluß erhalten. Dreizehn Bildnisse zeigen -die Züge der verdienstvollsten Männer der jüngsten jüdischen Vergangenheit. Das Buch, das sich jüdisch-politisch neutral verhält, kann auf das wärmste empfohlen werden. Dr. M. * — Richard Laqueur: Der jüdische Historiker Flavius Iosephus. Ein biographischer Versuch auf neuer quellenkritischer Grundlage. Gießen 1920, v. Münchowsche Verlagsbuchhandlung. Es kann an dieser Stelle nicht unsere Aufgabe sein, sich mit dem vorliegenden Werk in seinem vollen wissenschaftlichen Umfang auseinanderzusetzen, zumal diese Arbeit geeignet zu sein scheint, unser ganzes Wissen über die Zeit des Unterganges des jüdischen Reiches auf eine neue Basis zu stellen. Tief dringt der Verfasser in den Charakter des Flavius Iosephus ein, der in seinem Leben mehrfach seinen Standpunkt gewechselt und nach seinen jeweiligen Ansichten seine Werbe umgearbeitet hat. Von dieser von der Persönlichkeit des Verfassers ausgehenden Betrachtungsweise fällt neues Licht auf feine Schriften. Es stellt sich heraus, daß die älteste Arbeit des jüdischen Historikers eine Rechtfertigungsschrift ist, die vor der Belagerung von Jotapata entworfen wurde. Das Neue in der Methode Laqueurs, das auch weit über den Kreis der unmittelbaren Fachgenossen von Interesse sein dürste, liegt darin, daß er den Geschichtsschreiber als werdende Persönlichkeilt.auffaßt, daß dr nicht so sehr danach fahndet, welche Quellen er benutzt haben kann, sondern danach, wie sich ihm selbst im Laufe eines langen Lebens die Dinge im verschiedensten Lichte zeigten. Als revolu'ti'onäre Tat könnte man somit dies Werk nicht nur auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte, sondern der Quellenkunde überhaupt ansprechen, ^und wenn die Grundsätze des Verfassers sich durchsetzen, dann wird auf manche Periode der Weltgeschichte ein anderes Licht fallen. Hier soll uns vor allein interessieren, was für ein Bild von dem so viel genannten Historiker des jüdischen Krieges sich darbietet. Da bleibt nur das Gefühl des Ekels vor einem Menschen, der in seiner unbegrenzten Ichsucht vor dem skrupellosesten Parteiwechsel nicht zurückschreckte; dies kann auch dadurch nicht aus der Welt geschafft werden, daß Iosephus an seinem Lebensende sich zum Nationaljudentum bekannte, da auch dafür nur niedrige Motive ersichtlich sind. So bleibt Iosephus eine trübe Erinnerung an eine Assimilationsepoche, die, ähnlich wie solche der Neuzeit, vor allem geeignet ist, charakterlose, haltlose Menschen zu erziehen! Trotz alledem wird Iosephus — mag man ihn auch als Menschen noch so sehr ablehnen — wegen seiner großen Sachkenntnis stets die wichtigste Quelle des untecgehenden jüdischen Staates bleiben. Zu wünschen wäre es, wenn Richard Laqueur die wichtigsten Ergebnisse seiner Untersuchungen und die von ihm neu aufgebaute Biographie des Flavius Iosephus weiteren Kreisen in leicht faßlicherer Form zugänglich machen könnte. Dr. Will h C o h n. Lüchrrrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher fh&e* ra keinem Falle statt. Die Juden in Europa. Rede, gehalten in der Festsitzung der Münchener Akademie am 25. Juli 1881 von Ignaz v. Döll i n g e r. Philo-Berlag G. m. b. H., Berlin SW 68. 1921. Zwei Iahre Mord. Bon E. I. G u m b e l. Mit einem Vorwort von Prof. G. F. Nicolai und einem. Anhang. 1. bis 5. Tausend. 1921, Verlag Neues Vaterland E. Berger & Co., Berlin W 62. Herzl-Worte. Zusammengesteltt von Felix A. Theilhabe r. 1921, Welt-Verlag, Berlin. Die Killeberger. Nach der Natur ausgenommen von Onkel Siegfried (Siegfried Mühsam). Vierte Auflage (Siebentes und achtes Tausend). Preis M. 12,50. M. W. Kaufmanns Verlag, Leipzig, 1921. Ein Lebensbild Ferdinand Lassa I l e s. Der Jugend erzählt von Dr. Willy Cohn. Verlag von I. H. W. Dich Nachs., G. m. b. H., Stuttgart. Dr. Jsaac Breuer: Die Idee des Agudaismus. Herausgegeben im Aufträge des Verlages der Agudahblätter. L. Sänger Verlag, Frankfurt a. M. 5681. D a s e i n e, d a s n o t tut. Beiträge zur Aufklärung über die Grundschule. 1921, Buchdruckerei L. Blaufuß Sohn, Rockenhausen. Die Bedeutung des Staatserbrecht-Systems für das gegenwärtige Deutschland. Unter besonderer Berücksichtigung der Wiedergutmachiungsfrage. Von Hauptschriftleiter Dr. Emil Kraus, Mitglied des Badischen Landtages. Heidelberg, Unterbadische Verlagsanstalt, 1921 N u nt a. Roman von Karl Gold nt a n n. Egon Fleischet u. Co., Berlin, 1921. Berichtigung. In. meinem Aufsatz „Aus der Mappe eines Literaturvereins" in Nr. 13 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", S. 152, Spalte I, in den Briefauszügen aus Klausner ist der Ausdruck „ein Ragout..." mit Anführungszeichen, nicht in Parenthese. Daselbst Spalte II unter Georg Huth (Wusterhausen) ist „(1904) Die Juden in Turkestan" richtigzustellen. Gleich daraus Dr. Adolf K o h u t ist Schriftsteller statt Rabbiner zu lesen. Memel. Leon Scheinhaus.