Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-22 · Heft 15 (22.7.1921) · p. Seite 177

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 15 (22.7.1921)
Date
1921-07-22
Page
Seite 177 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229482-3229497--76330-3288912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

177 „Daß Ihr Herr Schwager aber auch jetzt seine Frau allein ließ!" sagte ich. „Er konnte wohl" — sie stockt. Sie sicht nachdenklich, ein wenig verschämt auf ihre Fußspitzen. Ich inerte, sie will die Schwägerin nicht anklagen. „Er chatte es wohl seh-r nötig," sagt sie kleinlaut. „Und -dann," nach einer kleinen Pause, „wenn sie doch nur nicht so viel rechnen wollte. Immer, immer rechnet sie." — „Ihre Schwägerin rechnet so viel," sage ich, „und Sie rechnen gar nicht." „Ich? nein!" Und sie lacht in hellem Selbstspott. „Ich bin zu dumm dazu. Ich verstehe gar nichts vom Geschäft. Wer, wie tüchtig meine Schwägerin sein soll, davon haben Sie gewiß schon gehört." Ich nickte stumm. Frau Hanna horchte jetzt an einer der Außentüren im Korridor. „Er scheint zu schlafen," sagt sie, das Ohr am Schlüsselloch, so recht tief befriedigt, und in ihren warmen, freundlichen Blick tritt etwas Mütterlichies. „Das wird ihm gut tun." Als wir uns Lebewohl sagen, hält sie meine Hand noch ein wenig fest. „Daß wir uns nun erst heute kennenlernen!" sagt sie. „Aber ich hätte so gar keine Zeit, Verkehr zu pflegen. Mein Mann und die Geschwister, die Verwandten in der Umgegend. Wenn man gleich in eine so große Familie hineinkommt." Immer klingt etwas Mütterliches durch, wenn sie von den Ihren spricht, auch von den weitläufig Verwandten, etwas mütterlich Befriedigtes. „Schäde, daß wir uns nicht eher kennenlernten!" Schade? ich weiß nicht. Sv, wie heute, hätten wir uns sonst nie kennengelernt. Vor dem Tor begegnet mir Olga Steinberg. Wir grüßen uns ernst, wie in stillem Einverständnis. Wir denken beide an das Haus, aus dem ich komme, in das sie geht. Wie elend sie aussieht. Noch tiefere Leidenslimen haben sich in ihr bleiches Gesicht gegraben, und doch, in ihrem Gang, ihrer Haltung liegt etwas Aufrechtes, Zuversichtliches, als erwarte sie in Geduld ein großes Glück. Ich kam zu Hause an und konnte kaum sprechen vor Erregung. „Wie war es denn, Kind?" fragt mein Mann. „Die Frau!" sage ich nur und -schüttele immer wieder wie in staunender Bewegtheit den Kopf. „Diese Frau!" „Ja, ja," sagt er ernst und wie in tiefem Respekt. „Wenn einer da Ordnung in den Wirrwarr bringen kann, ist es die Frau. An sich war ja wohl eigentlich früher Jakob Maier die Seele vom Geschäft, aber was ist -da zu wollen, der Mann ist über 70. Und dann nach dem Schlag. Sein Rudolf, sein Einziger! Und die Selbständigste ist ja doch die Frau. Die hat dem sauberen Patron von Neffen noch nicht getraut, als ex die Männer schon längst eingewickelt hatte. So eine Frau soll man erst noch mal suchen, wie Frau Amalie Maier," „Frau Ama—?" — ach so, er denkt ja, ich sei bei Louis Maiers gewesen. Ich sehe Frau Amalie vor mir, mit ihrem vor Wut und Bitterkeit verwüsteten Gesicht, wie sie rechnet und rechnet und die Ihren verrückt macht mit diesem Grübeln über einein Exempel, das nicht stimmen kann. Und daneben Frau Hanna, die „zu dumm ist zum Rechnen" und die dem zertrümmerten Hause das einzige Kapital rettet, das unter Berzweiflung und Schande und Gebrocheusein noch vergraben liegt, — des Mannes Kraft. Ich weiß genau, ohne, daß ich ihn sah, Herr Jakob Maier wird gesund trotz seiner siebzig, ohne Arzt, ohne daß neue, rettende Reichtümer ihm vom Himmel fielen, ohne daß ein Wunder geschähe. Der Arzt und der Reichtum und das Wunder sind Frau Hannä, die „zu -dumm zum Rechnen" ist. Sie sagte ihm: „Eigentlich bist du jünger als ich." Sie strich die Zahl weg, die sich trennend zwischen ihre Jugend und sein Alter geschoben, die ihn peinlich bedrückt und sie enttäuscht hätte. So macht sie ihn jung. Sie sagt: „Ich habe dich, und alles andere ist nichts", da stand er nicht als Verarmter, als Bettler vor ihr. Er ist der reiche Ma-nm wie vorher. 'Sie half der -Gemeinde, den Langbewährten auf seinem Posten zu halten, da rettete sie ihn zur Arbeit zurück. Sie führt Vater und Sohn zusammen-, und alles, alles -wird noch gut werden. Jakob Maier Wäre schnell, wäre elend verkommen, wenn sie nicht sein Herz versöhnt hätte mit diesem irregegangen-ön-, und doch 'heißgeliebten Sohn. Die Vaterliebe kann bei einem Jakob Maier nicht verkommen, ohne daß der ganze Mensch mit zugrunde geht. Und Rudolf wird ein -ehrlicher Mensch. Er wird es, so wahr ich hier stehe. Ans Respekt vor dem Vater. Er wird, müde vom Leben und Lieben und Leiden, Olga Steinberg heiraten, und — so viel hat er auch von der Art seines Stanrmes geerbt, wenn ein Maier Gatte und Vater ist, ist er gefeit gegen die Einflüsse der Außenwelt. Und Olga Steinberg liebt ihn noch im-nrer, ich sah es ihr an. Frau Hanna hat ihm diese Liebe gerettet, Frau Hanna, die in all den Sorgen um ihr eigenes Haus noch Zeit fand, das arme Mädchen mit in ihren Schutz und Trost aufzunehmen-, und der Verzweifelten zeigte, daß man auch an den Abtrünnigen n-öch glauben, noch auf ihn rechnen durfte. Frau Hanna, die Träumerin, hat angefangen, mit leisem, unkundigem Kinderfingeü die Rechnung zu entwirren, das Haus wieder auszuba-nen. Mir war so tröstlich, so hoffnüngslsroh zumute. (Schluß -folgt.) Lttrrarilchr Mittrilungm. — I. Heinemann, Zeitfragen im Lichte jüdischer Lebensanschauung. 1921. I. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M. 148 S. 9,50 Mark und 50 Prozent Teuerungszuschlag. Fünf Vorträge, die an der Jüdischen Volkshochschule in Breslau gehalten worden sind. In ihnen ist, wie bei der Person des Verfassers gar nicht anders denkbar, eine Fülle von Anregung und positiver Belehrung über das Judentum, seine Stellung zu den uns heut bewegenden politischen und kulturellen Fragen undseine lebendige Bedeutung für Gegenwart und Zukunft enthalten. Es kommt Heinemann dabei nicht darauf an, Wege zu zeigen, wie man gewisse Grundsätze praktisch in der Welt der Tatsachen verwirklicht, das ist Angelegenheit der Politi k, so ndern -gewisse G rundanscha nun ge w klarznftellen, von denen die Politik nach der idealen Forderung des Judentums bewegt fein sollte. Er gruppiert feinen Stoff in fünf Themen: Militarismus und Pazifismus, Gotte>sgnadentum> oder.Volkssonveränität, die soziale Frage, die Franenfr-age, Erziehur-gsfragen: und in jedem der Themen, ist ausführlich dargestellt, welche Stellung das Indent Ulfs zu ihm einnimmt, inwieweit sie sich, berührt mit dem, was in der Neugestaltung Deutschlands als neuer Geist und neue Forderung erstand, inwieweit sie von ihm abweicht. Ein leitender Gedanke zieht sich durch alle fünf Vorträge, der Nachweis, daßes in allen Fragen die Idee des Rechts und der Gerechtigkeit als des höchsten Wertes ist, die als die Leitidee des Judentums anzusprechen ist. So offenbart es sich, in dem Verh-Mnis des Erziehers zmn Kinde, der Geschlechter zueinander, der Stände und Klassen-, des Volkes und feiner Beherrscher -i>n ihrem .gegenseitigen Verhältnis, — hier hätte eigentlich mit größter Deutlichkeit darauf hingewiesen werden müssen, daß der Ausdruck „von Gottes Gnaden" ursprünglich nicht in bent üblich gewordenen Sinne gebraucht ward, sondern tiefste Demut gegen Gott hatte sein sollen und erst später ins Gegenteil sich wandte als Bekundung der hochmütigen Herrlichkeit der Unabhängigkeit vom Volkswillen, — und vor allem im Verkehr der Völker untereinander, wo weder das Machtideal des Germanentums noch die leidende Passivität des Christentums ausreicht, sondern nur die Gerechtigkeit. Wer die die Welt bewegenden Fragen mit Heinemann in dieser Linie sucht, wird erkennen — und das ist auch wesentlich ein Zweck der Vorträge gewesen —, in. wie vielen bei ihrer Betätigung ihnen selbst schon unbewußt die Grundideen des Judentums als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.