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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-22 · Heft 15 (22.7.1921) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 15 (22.7.1921)
Date
1921-07-22
Page
Seite 176 (sequence 10)
Language
German
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176 Der Schnee liegt fußhoch, es stürmt und windet, aber Sonne ist im Herzen der kleinen Wesen, ihre Augen leuchten ob der mannigfaltigen Schönheit, die ihnen geboten wird, Lieder kommen von ihren Lippen in fröhlichstem Klang. Nur immer singen und fröhlich sein; der Himmel scheint ihnen aus Erden, wie im Märchenreich ist ihnen die Welt voller Wunder. Man spielt, lacht und scherzt: Freude, Freude überall. Man glaubt nicht, daß die Kinder, die vor zirka zwei Wochen, müde und matt, zum Teil mit offenen tuberkulösen Wunden, aus Deutschland gekommen sind, nur auf dieser Höhe, unter sorgfältiger Pflege der Aerzte und Schwestern geheilt werden können. Fern von dem Weltgetümmel, von des Alltags Hast, ist dort oben aus steiler Felsenhöhe, in freier Bergesluft, eine Heimstätte im wahrsten, erhebendsten Sinne des Wortes den armen kranken Menschen geschaffen worden mit unermüdlichem Eifer, mit den größten Opfern, mit eisernem Willen. Aufs neue wurde alle Kraft angespannt, als die Tücke des Schicksals den herrlichen Bau unter seinen Schneemassen begrub. Und gerade, weil wir vor den Trümmern standen, ist uns jeder Stein, jedes Stück doppelt teuer geworden. Zu neuem Leoben mußte man wecken; durch Liebe im Dienste der Menschlichkeit steigt aus den Ruinen das Leben neuer Tatkraft, neues Wollen entgegen. Man verläßt das sonnige „Winterheim" der Kinder, geht ein paar Schritte weiter in das Hauptgebäude der Etania. In der schönen breiten Vorhalle überkommt einem schon das Gefühl des Geborgenseins, der wirklichen Ruhe, der schönsten Harmonie. — Aufs allerherzlichste wird man vom Direktor, Herrn Oscar Jurovics begrüßt, der von den Kindern „Papa" genannt wird. Wo man hinschaut, blitzt alles von Sauberkeit, die Tische mit Blumen verziert, Bilder, die Gemütlichkeit mit sich bringen, Stühle, die zum Ruhen einladen. Rechts in dem Salon sitzen einige Patienten, sich unterhaltend, Schach und Klavier spielend, schreibend, lesend, oder wozu sie sonst Lust haben. Neben dem Salon ist ein kleines Gebetzimmer, in dem allwöchentlich Gottesdienst abgehalten wird. Der Speisesaal ist ein herrlicher Raum. An zwei großen Tafeln speisen die Insassen des Heims mit den Schwestern gemeinsam. Und wie groß ist die Freude, wenn der Chefarzt erscheint, wie es zum Beispiel an Purim der Fall war; voller Lust wurden da Deklamationen, Lieder, Possen aller Art aufgeführt, bis zum späten Abend. Die freundliche Art, das Interesse, die Herzlichkeit, die von allen Vorgesetzten ausgeht, wird von den Patienten auf Schritt und Tritt verspürt. In vier Stockwerken, zu denen breite Treppen führen, sind die Patienten in schönen, sauberen, geschmackvoll eingerichteten Zimmern mit anschließendem Balkon untergebracht. Und wo man auch eintritt, zu welchem Patienten man kommt, aus Ost oder West stammend, überall hört man das gleiche große Lob: „Ich fühle mich hier daheim", das Gefühl des Fremdseins kommt nicht aus. Man sucht jeden Menschen zu verstehen, ihm zu Helsen mit zartem Fühlen. Wohltun und Freundlichsein heißt die Parole, glücklich machen, Leid in Freud verwandeln- Neuer Mut, neues Lebensglück erhebt das Menschenherz durch alles Schöne und Gute, das gereicht wird. Ganz besonderer Erwähnung bedarf es, wie geschmackvoll und ansprechend serviert wird — die Speisen selbst sind so vorzüglich und bekömmlich zubereitet, daß es kein Wunder ist, wenn die Insassen an Gewicht bald und viel zunehmen. Der ganze Küchenbetrieb untersteht der Leitung des verehrten Herrn Lichtenstein. Das ganze Haus gehört zu den modernst eingerichteten in Davos, nichts fehlt an Komfort; Fahrstuhl, Laboratorium, eine schöne Röntgeneinrichtung sind vorhanden. Die Liegehallen, der Hauptaufenthaltsort der Patienten, verbreiten so viel Behaglichkeit, so viel Schönheit, daß sich jeder, auch wenn sich die Sonne am Firmament versteckt hält, reich und glücklich fühlt. Alle diese Eindrücke sind nicht das Ergebnis einer flüchtigen Vor- und Nachmittagsvisite, sondern Wahrnehmungen mehrtägigen Wohnens in der Etania. Was heute gefordert werden kann, ist die Anerkennung, die im vollsten Maße den Herren Moritz Horn und A. I. Rom gebührt. Wohl hat die ganze Schweiz dieses philanthropische Werk materiell unterstützt, was weitaus aber nicht dem gleichkommt, das die beiden Herren von erster Stunde an bis zum heutigen Tage ihm gegeben: ihre Kraft, ihr Streben, ihr starkes Wollen, in allem ihr Bestes zu tun. Und es ist ihnen gelungen, durch ihre echte Freude am Wirken, durch ihre rührige, nie ermüdende Tätigkeit, durch ihr hohes Pflichtbewußtsein gegenüber der Menschheit, wohl auf steilem, aber sicherem Pfad ein edles Werk für Leidende aus Nah und Fern zu schaffen, das mit des Allmächtigen Hilfe reichen Segen verbreiten wird. „Nicht was ich habe, sondern was ich schaffe, ist mein Reich." Selma Guggenheim (Allschwil b. Basel). ES* JFran Hanns Maier. (6. Forts.) Von Anna G o l d s ch m i d t. n dem Punkt kenne ich Rudolf. Wenn er noch umkehren kann auf der Bah in auf die er leider geraten ist, so ist es, wenn sein Vater ihm verzeiht und noch etivas Gutes von ihm erwartet. Wenn der ihn ausgibt, rafft er sich nie wieder auf. Sein Vater ist ihm der liebe Gott. Nur der kann ihn wieder heraushoben." Ja, ja, ich weiß es. Man kennt das Maiersche Familienleben in der Stadt: Mir kommen die Tränen. Etwa — um — den -Tunichtgut? Hat der auch noch Seiten, die einen rühren können? „Ich will nun gehen, Frau Maier," sage ich wie in einem plötzlichen Entschluß. „Nein, nein, begleiten Sie mich nicht hinaus. Wir haben uns heiß geredet, und Sie sind leicht angezogen." Aber sie nimmt von dem Abendbrottisch — mein Rückweg führt uns durch das Eßzimmer — ein Schälchen mit Pudding und schließt sich mir an. „Ich gehe gleich einmal wieder zu meiner Schwägerin," sagt sie. „Wenn man nämlich nicht ein bißchen aus die aufpaßt, ißt sie gar nichts." „Ich dachte Frau Louis Maier speise bei Ihnen." Ich hatte doch eben unwillkürlich drei Gedecke gezählt. Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe Fräulein Steinberg sagen lassen, daß mir Nachricht über Rudolf versprochen worden ist. Da kommt sie bestimmt her und ißt bei uns. Meine Schwägerin kann ich nicht herüberbitten. Erstens käme sie wohl nicht und dann wäre es auch für meinen Mann nicht gut. Die beiden dürfen jetzt nicht zusammen sein. Ich finde schon! bei jeder Mahlzeit einmal Zeit, ihr ein wenig einzusüttern." „Und Sie werden immer dort angenommen?" sage ich warm. „Im Gegenteil," sagt sie mit einem duldsamen, fast schelmischen Lächeln. „Dreimal bin ich schon hevausgeiflogen, aber das macht nichts. Ich komme immer wieder. Mit ihr darf man jetzt nicht rechnen." Und nach einem bangen Seufzer: „Wenn doch nur mein Schwager erst wieder da wäre!"

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