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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-22 · Heft 15 (22.7.1921) · p. Seite 173

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 15 (22.7.1921)
Date
1921-07-22
Page
Seite 173 (sequence 7)
Language
German
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173 Kbrsham Lpttem l. A. und dir Wtertümkr der Wormler Jüdischen Gemeinde. Vvn S. Rothschild (Worms). m Jahre 1895 kam Abraham EPstein (Wien) zum ersten . Male nach Worms, um hier an Ort und Stelle Studien über die Altertümer der Jüdischen Gemeinde zu machen. Die Resultate seiner Forschung legte er als Separatabdruck aus der „Monatsschrift für die Wissenschaft des Judentums" in folgenden Schriften nieder: 1. „Jüdische Altertümer in Worms und Speyer", 2. „Die nach Raschi benannten Gebäude in Worms" (Aus dein Gedenkbuch zur Erinnerung an David Kaufmann), 3. „Die Wormser Minhagbücher". Ich habe Epstein in seinen Forschungen gern unterstützt und feit jener Aeit hat sich ein freundschastlicher Briefwechsel zwischen uns entwickelt, der fast bis an fern Lebensende dauerte. Der mir in dieser Zeitschrift gewährte Raum verlangt Beschränkung des Stoffes, deshalb soll nur einiges Wichtige hier mitgeteilt werden. Gleich nach Erscheinen der ersten Schrift setzte eine scharfe Polemik zwischen Epstein und dein früheren Wovnrser Prediger und späteren Rabbiner in Stockholm Dr. L e w y s o h n ein. Epstein behauptete, daß die Raschi-Kapelle gar nichts mit Raschi zu tun habe, da sie erst, wie eine Inschrift an der Wand kündet, 1624 erbaut wurde; auch sei die ganze Anlage stillos. Dagegen schrieb Kewysohn in der „Laubhütte": Bei beiden Herren dreht sich der Streit um das Wort niBdas Lewysohn mit „wiedererbauen" übersetzt, Epstein hingegen mit „bauen", indem er mir bei der ersten Besichtigung erklärte: Sollte das Wort „wiedererbauen" bedeuten, dann hätte etwa dabei stehen müssen: "ptPJOü NIL' bv Diese Meinungsverschiedenheit hat Epstein veranlaßt, eine zweite Schrift erscheinen zu lassen, in welcher er mit viel Fleiß und Gründlichkeit nachzuweisen versucht, daß das np") btO ttHlön fTO im heutigen Jüdischen Hospital sich befunden haben müsse. Was du StMosigkeit der Kapelle betrifft, muß ich der Wahrheu entsprechend bemerken, daß mich bald nach der stattgefundenen Polemik eines Tages Baurat S t i a ß n y von Wien, ein Verwandter Epsteins, besucht hatte und beim Eintritt in die Kapelle auSgerufen: „Nun begreife ich wirklich Epstein nicht, daß er diese Kveuzbogen für „stillos" erklärt. Bei einer später stattgefundenen Renovation der Kapelle, die unter Denkmalschutz gestellt ist, erklärte mir der staatliche Kreisbaumeister, daß die steinernen Sitze (Stuhl und Bänke) allerdings dem 11. Jahrhundert angehören. Ob sie schon früher da waren oder ob sie 1624 dahin verbracht wurden, wer vermag das zu sagen, da Schriftstücke hierüber nicht Auskunft zu geben vermögen. Auf dem Fried Hofe war das ganze Interesse Epsteins auf den Grabstein DECT nilT bs nrun bsiftTT re mUD gerichtet, der nach Lewhsohn in seinem flWBJ die Jahreszahl Din 900 trägt, während Lewhsohn irrtümlicherweise 905 angibt. Wir haben zusammen lange nach dem Stein gesucht und ihn nicht gefunden, so daß Epstein meinte, der Stein sei versunken oder gestohlen worden. Er bezweifelte aber sofort die Richtigkeit der Jahreszahl 900, da keine Grabsteine gesunden wurden, die älter waren als 1034, und deshalb die Annahme berechtigt erscheint, daß der Friedhof gleichzeitig mit dem Bau der Synagoge angelegt j wurde.. Epstein und vor ihm Rapoport vermuteten schon ' damals, daß ber zweite Buchstabe der Jahreszahl nicht ein n [ sondern ein n sein müsse und sich die Jahreszahl 1100 ergeben würde. Nach vielen Jahren fand ich beim Entziffern der alten Grabsteine den so sehnsüchtig gesuchten Stein, von einem Strauch verdeckt. Da er seinerzeit von Lewhsohn erneuert worden war, konnte man auch die Jahreszahl Din (900) deutlich lesen. Einige Wochen später wurde von mir die Inschrift eines anderen Steines,, nicht allzu weit von dem ersten entfernt, enLztsfert, die' deutlich die Jahreszahl npnn (1145) trug und einer Frau Peru za, Tochter des Rabbi S a m u e l, d e r wegen seines Glaubender m o r d e t w u r d e, gewidmet war. Da auf beiden Grabsteinen der gleiche Vater genannt wurde, zwischen dem Tode der einen Tochter und. dem der anderen aber ein Zeitraum von 245 Jahren lag, so war es geboten, nochmals die Inschrift des ersten genau zu untersuchen. In der Tat stellte sich heraus, daß Le'whsohn an dem Buchstaben 1 das Häkchen übersehen hat, das sich mit dem Finger genau fühlen ließ, und wodurch - aus dem Buchstaben ein n wurde, so daß das Alter des Steines um 200 Jahre herabgerückt werden mußte. Rabbi Samuel ist also wahrscheinlich zur Zeit der Kreuzzüge 1096 ermordet worden und seine beiden Töchter sind 1100 bzw. 1145 gestorben. Die' Freude Epsteins war groß, als ich ihm die Entdeckung meldete, wodurch seine gleich anfangs allsgesprochene Vermutung sich bewahrheitete. Ein leibhafter Briefwechsel entspann sich zwischen uns über dse Einwanderung der Kalonymiden nach Mainz und über Bilderschmuck in den Synagogen, über welche beide Punkte P r ä l a t u n d Domkapitu l a r Dr. Schneider (Mainz) mit mir längere Zeit korrespondiert hatte. Ich komme 'nun zu den M i n h a g b ü ch e r n. Die Gemeinde besitzt das Minhagbnch von L i v a K i r ch h e i m, das aus losen Blättern bestand, schwer leserlich und stark beschädigt war, weshalb Sinai b. Jsaac Loanz 1746 eine Abschrift angesertigt hatte, die auch von Epstein benutzt wurde. Dieses Buch hatte Lewhsohn 1855 beschrieben, später war es nicht mehr vorhanden. Es wllrde ungefähr 25 Jahre später der Gemeinde zum Ankäufe angeboten und sie hat es natürlich auch gekauft, was Epstein außerordentlich viel Freude gemacht, nachdem ich es ihm mitgeteilt hatte. Das war aber nicht das einzige Minhagbuch, das abhanden gekommen war; es fehlte auch das von Juspa Schamesch, das nach Mitteilung von Dr. Salfeld (Mainz) an den hiesigen Vorstand im Jahre 1899 in Amsterdam versteigert werden sollte. Im Aufträge des Vorstandes gab ich einem dortigan Bekannten ein Limite; nach einigen Monaten bekam ich die Mitteilung, daß das Werk nach auswärts gekommen sei. Wer der jetzige Besitzer des Manuskripts geworden, konnte trotz mehrfachen Fragens nicht ermittelt werden. Da schreibt mir eines Tages Epstein, daß er mich demnächst von Wiesbaden aus besuchen und den „Juspa" mitbringen werde. Auch meiner Bitte, das Werk wieder dem ursprünglichen Besitzer zllrückzugeben, entsprach Epstein nicht nur, sondern er überwies das für trid Geld erworbene Buch der Gemeinde als Geschenk. Heber „Juspa" schreibt Professor Dr. David Kaufmann an Epstein: „Sie sind also zu meiner großen Freude derjenige, der mir den Wormser tpatp ansgesteigert hat, den ich der Glossen meines R. Ja'i'r wegen so gern hatte an mich bringen wollen. Elia b. Mose ist bei mir eirunal sonst gebucht. Sie haben gewiß schärfer gesehen. Ihre Vermutung ist durchaus wahrscheinlich, obzwar ich den Ortsnamen, der hinter dem Worte steckt, nicht kenne." Daraus. schrieb ich an Epstein, daß ich als „Kriegsheim", einem Orte im Wormser Kreise, vermute, wo noch 1872, als ich hierher kam, Juden wohnten, und das von denselben genannt wurde. Darauf schrieb mir Epstein unter anderem: „. . . besonders aber interessierte mich, daß es Ihnen gelungen ist, den Ort, den ich und Kaufmann nicht identifizieren konnten, ausfindig zu machen." Es waren immer schöne Tage für mich, wenn Epstein, der gern und oft in Wiesbaden weilte, von dort aus hierher kam. Manchmal brachte er noch Bekannte mit, so Markus und

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