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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-22 · Heft 15 (22.7.1921) · p. Seite 172

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 15 (22.7.1921)
Date
1921-07-22
Page
Seite 172 (sequence 6)
Language
German
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172 inmitten einer katholischen Bevölkerung entstammend, sich eine geachtete Stellung im öffentlichen Leben oder in der militärischen Laufbahn zu erwerben verstanden hat. Mitglieder des Senats sind ferner der Rechtsanwalt Adriauv Dieua, Präsident des venezianischen Pvovmzialrats; Giacomo Levi-Civita, ebenfalls Jurist, hoch^- gefchätzt als Inhaber öffentlicher Ehrenämter, in welcher Eigenschaft er über ein Jahrzehnt als Oberhaupt der Demokraten die Bürgermeisterstelle in Padua bekleidete; Leone Wollemborg, um die Jahrhundertwende Minister und als solcher um die Gesundung der Staatssinanzen wohl verdient; der begüterte venezianische Bankier und Großindustrielle Voran Alberto Treves de Bonsili, welcher mehrfach Deputierter gewesen; der Patrizier der Stadt Reggio dell'Emilia und viermal von ihr als Vertreter ins Parlament entsandte Ulderico Levi, einst forscher Reiteroffizier und zur Zeit der Befreiungskämpfe Italiens Adjutant der Generäle B >ixio und Eialdi ni , und schließlich Eru esto Arto m aus Asti, der 15 Jahre hindurch einen toskanischen Wahlkreis in der Kammer vertrat und als genauer Kenner des Auswanderungswesens an der Spitze der italienischen Kolonialgesellschaft steht. Als solcher trat er seinerzeit für einen , engen wirtschaftlichen Anschluß au das stammverwandte . Spanien ein. Er ist der Sproß einer ungewöhnlich beanlagten I Familie: Sein Onkel I s a c c o war der bekannte Sekretär und j politische Mitarbeiter des Grasen Cavour, und ein Bruder von ihm, Alessandro, Dozent am Polytechnikum in Turin, erfand vor etwa 20 Jahren die lenkbare oder goniometrische Funkentelegraphie, welche während des Krieges durch Auffindung der feindlichen Funkenstationen auf Schissen und Unterseebooten der Entente ausgezeichnete Dienste leistete. Das Verfahren war vom Erfinder der italienischen Regierung unentgeltlich überlassen worden. In der Mitte Zwischen den Universitätsprofessoren und den > Vertretern des hohen Beamtentums, weil gleich hervorragend aus beiden Gebieten, steht unter den Senatoren der ehemalige Justiz- und Kultusminister Ludovico Mortara; denn zu der hohen Amts'stelllung, die er schon seit Jahren bekleidete — erster Präsident am Kassationshof in Rom, ehe ihn 1919 Ministerpräsident Nitti zum Kollegen als ganz besonders energische Kraft und Stütze seines Kabinetts gewann —, war er nicht nach und nach auf mühseliger bureankratischer Laufbahn, sondern aus Grund seiner erstklassigen Leistungen als juristischer Schriftsteller und Universitätsdozent aufgestiegen. Noch heute zählt ihn die Universität Neapel, an welcher das Rechtsstudium von jeher als wichtigster Lehrgegenstand gepflegt wurde, zu ihren Ehrenprosessoren. Bahnbrechend wirkte er als Vertreter der modernen Rechtsschule nicht nur in seinen Werken, die seit Ende der siebziger Jahre des. vorigen Jahrhunderts zu erscheinen begannen und besonders 'das bürgerliche Recht, das Verhältnis des modernen Staats zur Rechtspflege sowie die Reform der Kassation behandeln, sondern auch in der Praxis als Staatsanwalt und später als Gerichtspräsident. Bezeichnend für die Vorurteilslosigkeit der heutigem Italiener ist der Umstand, daß, soviel wir wissen, bei seiner Ernennung zum Justiz- und Kultusminister von keiner Seite darauf aufmerksam gemacht wurde, es wäre der erste Jude in Italien, der an die Spitze einer Verwaltung gestellt 'würde, welche die Einwilligung zur Erne'nnung der von der geglichen Behörde vorgeschlagenen Bischöfe sowie anderer Kultusbeamten zu geben und den Fonds zur Gehälterbezahlung des katholischen Klerus unter sich hätte. Und tatsächliche würde man wohl aus diesen Gründen bis etwa vor einem Jahrzehnt selbst in Italien Bedenken gehegt Haben, einen Juden auch nur zum Unterstaatssekretär in jenem Verwaltungszweig zu ernennen. Aber die Unparteilichkeit des Rabbinersohnes Mortara war eine so unantastbare, daß keine Klagen gegen die Art der Ausübung seines Amtes verlauteten. Ja, dieser seiner Unparteilichkeit war er sich derart bewußt, d>aß er kein Bedenken trug, seinen Glaubens- bzw. Stammesgenossen in der von ihm ernannten Kommission zur Ausarbeitung eines neuen Handelsgesetzbuches für Italien eine ganz hervorragende Stellung anzuweisen. Er konnte dies eben tun, und tat e§ auch nur deshalb, weil niemand die hohe Kompetenz der Ernannten, nämlich des Präsidenten Professor C e s a r e V i v a n t e von der Universität Rom, des Vizepräsidenten Professor Angelo Sraffa, Rektors der Handelsakademie Boeconi in Mailand, einer internationalen Autorität auf dem Gebiete des Wechselrechts, sowie der anderen jüdischen Mitglieder, Senne Bolaffios, Professor des Handelsrechts in Bologna, M a r e o C a s s i n s , wie oben erwähnt Präsident des Handelskammerausschusse's, und des Deputierten Gino Olivetti, Generalsekretär des Verbandes der Industriellen, oder des Rechtsanwalts Treves, in Zweisei zieht. Wenn, man dem Rabbiner Marco Mortara, einem als Schüler des berühmten Vorstehers des Seminars von Padua S a m u e l D a v i d L u z z a 11 o geschätzten Hebraisten, der übrigens unter seinen mehr als 20. gelehrten Schriften einiges über die Gemeindebibliothek zu Mantua und die Zensur hebräischer Bücher in Italien auch deutsch (Berlin 1861, 1862) hat erscheinen lassen, bei Geburt seines Sohnes Ludovico im mantuanischen Getto geweissagt hätte, dieser würde einst den italienischen Ministerpräsidenten in einer besonders schwierigen Zeit zu vertreten Haben, so hätte er dies um so weniger für möglich gehalten, als damals (1855) die in j dem noch zu Oesterreich gehörigen Gebiet wohnenden Juden von allen öffentlichen Aemtern ausgeschlossen waren. Doch tatsächlich vertrat Exzellenz, Mortara im Januar und Februar vorigen Jahres den Ministerpräsidenten Nittl während seiner diplomatischen Reise nach London und Paris. Ja, damals führte er das Heft der Regierung mit solcher Energie — wieder einmal ein Beweis gegen die antisemitische Behauptung, die Juden förderten Marimalismus und Anarchie —-, daß in parlamentarischen Kreisen sowie in der Presse der Wunsch laut wurde, mau möge ihm, dem Zivilisten, auch das Kriegsministerium übertragen; denn nur eine Kraft wie er wäre imstande, die so dringend nötige Abrüstung durchzuführen. Wenn auch dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen sollte, so gelang es Mortara immerhin, nach so vielen gescheiterten Versuchen früherer Justizminister, eine den Anforderungen der Zeit entsprechende Reform der Justizverwaltung und eine radikale Umformung der Strafgesetzgebung wenigstens anzubahnen. Dagegen bot Anlaß zur Kritik in israelitischen Kreisen das Vorhalten Mortaras, der nach N i 11 i s definitivem Rücktritt, im Mai 1920, wieder auf seinen Präsidentensitz am Kassationshof in Rom zurückgekehrt war, zur zionistischen Bewegung. Es gab sich dieses in einer Anfrage kund, die er im Juni darauf in feiner Eigenschaft als Senatsmitgied an den JustiMinister, die Wahlen zur Jüdischen Gemeinde in Florenz betreffend, richtete. Wie so vielen seiner Generation fehlt ihm das volle Verständnis für die Berechtigung jener Bewegung, und deshalb möchte er die Tätigkeit der jüdischen Gemeinden rein auf die Kultusangelegenheiten beschränkt wissen. Dem Buchstaben des ttaliettifdEjiett Gesetzes nach mag er recht haben; aber er verkennt dabei, daß hierdurch dem hinsiechenden Judentum die einzige Ader unterbunden wird, aus der ihm neue Lebenskraft zukommen könnte! Was übrigens den Ministerpräsidenten Nitti betrifft, so ließ sich dieser «auch während -seiner Abwesenheit von Rom im April 1620 durch einen Israeliten Dertreten, der allerdings zehn Jahre vorher selbst das Mimsterpräsidium geführt hatte, L u i g i L u z z a 11 i. (Schluß folgt.)

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