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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-22 · Heft 15 (22.7.1921) · p. Seite 168

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 15 (22.7.1921)
Date
1921-07-22
Page
Seite 168 (sequence 2)
Language
German
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168 - gewesen, bie im deutschen Voll .als der reinsten Geistes- und Kulturnation die wahre Menschhestsnation sahen. Zur tatsächlichen Auswirkung kanr diese Idee allerdings erst viel später durch Bismarck. Aber die geistigen Fäden, die von Luther über Goethe zu Bismarck sich spinnen lassen, zeigen, daß die Gegensätze im Nationalstolz und Menschentum sich ansgleichen. Denn Nationalstaat und Weltbürgertum sind nur m ihren Karikaturen Gegensätze. Die Nationalstaatsidee, der Natkionalstolz kann zum Nationaldünkel werden und damit ist die Abkehr von der Menschentumidee gegeben. Und die Menschentumidee kann jede nationale Regung für unnötig und überflüssig erklären, sie leidet an nationaler Knochenerweichung. Nationalstaat und Weltbürgertum, Natlionalstolz und Menschentum bilden nicht zwei sich ausschließende, sich bekämpfende feindliche Mächte, sondern sie sind Ergebnisse ans Wirkungen, die einander bedingen und sich stützen. Eine kulturpolitische Ueberlegung, »wie sie unter anderem von Theodor Alt und A. I. Schilling angestellt worden ist, wie sie Meinecke und Berger darstellten, erweist, wie schon im Altertum die nationalen Interessen den universalen gegenübergestellt wurden. Keineswegs schloß römischer Nationalstolz civis romanus surn den liomo luimanus aus. Es gehörte zur Bedingung des Staatsbürgers, an der Förderung des geistigen Gesancklebens der Menschheit mitzuiarbeiten. Das dem engen jüdischen Kreise entsprossene Christentum war nicht aus die Nation beschränkt. In seiner Ausgestaltung zur umfassenden Weltreligion setzte es den Grundsatz eines christlichen Weltbürgertums an die Spitze, und der Gedanke der Brüderlichkeit der Menschheit konnte den Nationalstolz nicht umbiegen. In den Freimaurerbriesen an Constant hat Fichte, den man doch den Charakter eines deutschen Mannes nicht wird absprechen können, und der wie kein zweiter durch die Reden an die deutsche Nation den vaterländlischen Gedanken zn beleben beflissen war, das Verhältnis des Nationalen zum Weltbürgerlichen klargestellt. Fichte geht davon aus, daß die ganze Menschheit einen einzigen und nach dem ewigen Rechtsgesetz der Vernunft geordneten und regierten Staat ausmacht. Das ist natürlich ein Jdealstaat. Neben diesem Jdealstaiak -besteht ein irdischer Staat. Fichte setzt aber den Zweck dieses irdischen Staates zum Zweck der gesamten Menschheit in Beziehung. „Nur glaube ja nicht," schreibt Fichte an Constant, „daß dadurch der vollkommen gebildete Mann seinem Staate entzogen und einem trüben, kalten Kosmopolitismus hingegeben wird. In diesem Gedanken ist Vaterlandsliebe und Weltbürgersinn innigst vereinigt, und zwar stehen beide in einem bestimmten Verhältnis. Vaterlandsliebe, ist die Tat, Weltbürgersinn ist der Gedanke." „Wie eine Religion", sagt Fichte, „nichtig ist und verkehrt, die für sich bestehen will, so ist ein Kosmopolitismus, der den Patriotis-, mus ausschließt, verkehrt und nichtig und töricht." Aus Fichtes Worten folgt also, daß ein Nationalsinn und auch ein Nationalstolz, den doch Fichte sicher besaß, sich sehr wohl mit dem Menschentum verbinden läßt, und daß nicht eines das andere ausschließt. Wie könnten wir auch sonst von der Weltanschauung des Deutschen sprechen! Man kann einem bestimmten kirchlichen Bekenntnis anhangen und braucht deshalb das Allgemein-Christliche nicht abziilehnen, man kann ein guter Christ sein und von einer Menschheitsreligion sprechen (Der Verfasser ist Christ von Geburt. Die Redaktion.), m der alle Menschen übereinstimmen. Das goldene Sittengesetz der Nächstenliebe verträgt sich mit dem Nationalsinn ebenso wie mit dem Menschentum. Und trotzdem streiten die Völker miteinander, und die Idee des Völkerbundes und Völkersriedens ist in weite Fernen gerückt. Wird es einer fortschreitenden Kultur gelingen, die Versöhnung der Völker herbeizuführen? Der Kamps ums Dasein ist Gesetz und Mittel aller Entwicklung, aber der Kamps der Nationen -- und dahinein sollten sie ihren Stolz setzen — sollte ein Kampf geistiger Art u>m die Veredelung und kulturelle Hebung sein. Bislang haben sich die Ideen Kants nicht erfüllt. England hat das Erbe Roms angetreten und beherrscht den Erdkreis, wie es Rom einst tat. Es ist zweifelhaft, ob das Volk der Krämer und Händler imstande sein wird, der Welt den Friedein zu geben, den das Volk der Helden, der Dichter und Denker nicht geben konnte. Wir wollen als Deutsche keineswegs an die Stelle der Vaterlandsidee die Weltbürgerided, die Menschheitsidee, setzen, wir wollen unseren Nationalstolz, an dem wir sesthalten, auch wenn wir geschlagen und zermürbt sind, nicht opfern für eine uferlose Idee. Mit Recht wirst man dem Deutschen vor, daß sein Vaterlandsgefühl nur ungenügend entwickelt sei, daß ihm das lebendige Gefühls für die völkische Gemeinschaft fehle. Deutschland ist heute kein Organismus. Sein Stolz ist gebrochen, und wir sind weiter als je entfernt von einer Einheitsfront. Ob die Not der Zeit uns zusammenschweißen wird? Geht es so weiter, dann kommen wir zu Zuständenwie im 17. Jahrhundert, dann ertrinkt der Rest des Nationalstolzes im Menschheitstum und erstickt darin. Aber dieses Menschheitstum ist doch schließlich das Ergebnis des deutschen Idealismus, den wir nicht missen wollen. Gerade der Nationalstolz, der uns erfüllen soll, verlangt von «uns, die Hmnainisierungsaufgabe zunächst im eigenen Volke zu lösen. Das ist der beste Dienst am kosmopolitischen Menschheitstum: Entwicklung von Nationalstolz. In keiner Zeit ist das Gewicht de,r Weltznsammenhänge so schicksalsschwer in die Wagschale gefallen wie jetzt. Ohne das Geringste preiszugeben, was wir an echt nationalem Eigenwert besitzen, läßt sich die wahre Vaterlandsliebe ihren Weitblick und Fernblick nicht rauben. Echter Nationalstolz läßt sich sehr wohl mit dem Menschentum verbinden, denn auch aus dem Nationalgebiet handelt -es sich um Menschheitsprobleme. Auch die deutsche Volksseele ist ein Teil am Ganzen der Menschheit. Wochenschau. Berlin, 18. Juli 1921. m Reichstage wurde der Gesetzentwurf über die \ religiöse Kindererziehung beraten und die Vorlage nach kurzer Debatte angenommen. Das Gesetz legr fest, daß über die religiöse Erziehung eines Kindes die freie Einigung der Eltern, die für das Kind zu sorgen haben, bestimmt. Die Einigung ist jederzeit widerruflich und wird durch den Tod eines Ehegatten gelöst. Besteht eine solche Einigung nicht, so sollen die Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches entscheiden. Jedoch kann während der Ehe von einem Elternteil ohne die Zustimmung des anderen das religiöse Bekenntnis des Kindes nicht geändert oder das Kind vom Religionsunterricht adgc-meldet werden. Bei mangelnder Zustimmung kann die Enischeidnng des Vormundschastsgerichts beantragt werden. Bei Vollendung des 14. Lebensjahres entscheidet das Kind selbst über sein religiöses Bekenntnis. Berichterstatter Abg. Dr. Barth (Du.), Chemnitz, führte u.a. aus: Die Notwendigkeit der reichsgesetzlichen Regelung war dringend. Wir haben ans diesem Gebiete in Deutschland dreißig verschiedene Rechte, die zum Teil antiquiert sind und aus früheren Jahrhunderten, ja, sogar aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammen. Der Rechtsausschuß ist vom Prinzip der Gewissensfreiheit und der Gleichberechtigung von Vater und Mutter ausgegangen. Die Bayerische Vdlkspartei beantragte im Ausschuß, auch das sogenannte Bertragsprinzip anzunehmen, wonach auch zukünftig Kindererziehungsverträge mit rechtlicher Wirkung abgeschlossen werden können. Der Ausschuß jedoch hat dieses Prinzip abgelehnt, weil in jeder Bindung durch Vertrag ein gewisser Zwang liegt. Er hat auch durch eine Uebergangsbestnn-

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