Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 15 (22.7.1921)
- Date
- 1921-07-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 22. Juli 1921 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 85. Jahrgang. Nr. 15 Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbinev Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-$9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Nationalstolz und- Menschentum. Von Dr. Otto ü UIJUll ♦ Philipp Neuman n. — Wochens ch a u. — Indische .Elemente im italienischen Parlament. Von Professor Dr. Er m anno Loevinson (Rom). s2. Forts. Mit Bild.f — Abraham Epstein s. A. und die Altertümer der Wormser Jüdischen Gemeinde. Von S. R o t h s ch i l d (Worms). — Aus der Mappe eines Literaturvereins. Erinnerungen und Auszeichnungen. Von Leon Scheinhaus (Memel), j sSchluU. — Ein Besuch in der Jüdischen Heilstätte Etania zu Davos. Von , S e l m a G u g g e n h e i m (Allschwil b. Basel). — Feuilleton: Frau Hanna Maier. Von Anna Goldschmidt. s6. Forts.1. — Literaris che M itteil u n g e n. — B ü ch e r einl a u f. — B e - r i ch t i g u n g. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin. Breslau, Hamburg'. Recklinghausen, Kassel. Wiesbaden, Budapest, Posen. — V o n N a h u n d F e r n. Mstirmalltol? und Menschentum. Von Dr. Otto Philipp Neu manir ie Gegensätze von Nationalismus uNd Internationalismus sind heute schärfer als je. Es scheint so., als ob der Deutsche sich jetzt erst auf seine Nationalität besonnen habe, wo es ihm schlecht geht, wo er außerhalb des Internationalismus gestellt werden soll, wo seine Zulassung zum Völkerbund zweifelhaft ist. Aus der deutschen Geschichte wird nachgewiesen, daß es den Deutschen an Nationalstolz gemangelt habe und noch mangele, wenn er nach auswärtiger Hilfe schielt oder wenn große Telle des Volkes das Heil von der Inter-, nationale erwarten, die doch schon so oft im Stich ließ. Utopistische Schwärmer stellen den Gedanken aus, ob der nationale Gedanke, der im Niedergang begriffen sei, überhaupt berechtigt ist und ob nicht der Weltbürgergedanke an seine Stelle zu treten habe, der allein ein Kulturgedanke sei. Anderseits wird der Nationalstolz als eine sehr wesentliche Errungenschaft dargestellt. Unsere Feinde besitzen weit mehr Nationalstolz als wir. Das nationale Bewußtsein hat sich bei uns auf ganz bestimmte Kreise beschränkt; die große Masse des Volkes denkt nicht national, sondern international. Die Idee vom deutschen Gedanken ist nur bei einem Teil des Volkes haften geblieben und die Scheidung zwischen national und international geht oft so weit, daß national mit vaterländisch, international mit vaterlandsfeindlich identifiziert wird. Es sind zwei Weltanischauungen in anscheinend unlösbarem Widerspruch, die wesentlich zur Zerklüftung des deutschen Volkes, zur Spaltung beitragen. Es ist der Treppenwitz der Weltgeschichte, daß die Sozialisten der uns feindlichen Völker sich national verhalten; haben. Die Erklärung, was man unter Nation versteht, ist nicht so einfach. Die Deutschvölkischen rechnen nur den Deutschen zur Nation, der Christ ist. Sie sprechen von fremdrassigen Elementen und geben den deutschnationalen Juden kein Existenzrecht. Aber diese Juden fühlen sich nicht nur als Deutsche, sie sind Deutsche und sprechen die deutsche Sprache. Wenn man behauptet, daß ihnen der Nationalstolz fehlt, daß sie ein allgemeines Menschentum bekennen, so ist das nicht richtig. Die Klasse der nationalstolzen deutschen Juden ist vorhanden und jeder wird Beispiele dafür namhaft machen können, wenn er nicht deutschvölkisch verblendet ist. Aber gerade diese Verblendung ist ja das Verderbliche. Sie saßt das Deutschtum in einem verengten Sinne aus, ja sie geht so weit, daß sie jedem die nationale Eigenschaft abspricht, der nicht ihres Sinnes ist. Leider ist der Irrtum heute ein landläufiger, der viel Unheil stiftet, nämlich, daß jede über die nationalen Grenzen hinausgehende Lebensauffassung, welche den Blicks aus die menschlüchen Fragen richtet, als antinational gebrandmarkt wird. Wie steht es denn aus religiösem, auf christlichem, auf kirchlichem Gebiet? Von allen Spaltungen abgesehen, wie sie sich in Deutschland zeigen, ist die christliche Religion, ist die katholische Kirche denn aus Deutschland beschränkt? Gehört Luther, auf den die Deutschen mit Recht so nationalstolz sind, nicht der Menschheit an? Ganz gewiß ist man heut, wenn der Begriff Menschentum erörtert wird, von einer großen Empfindlichkeit und Aengstlichkeit und Unsicherheit. Wer für das Menschentum eintritt, wird heute geradezu als Gegner des nationalen und vaterländischen Empfindens verketzert und man spricht ihm den Titel eines Deutschen ab. Die Anhänger des Menschentums, die keineswegs mit den Pazifisten identisch sind, die Kosmopoliten, haben wiederholt zum Ausdruck gebracht, daß der Weg zum Weltbürger nur durch den Staatsbürger geht, daß also das, was sie unter Weltbürgertum nnd Menschheitsgedanken verstehen, keineswegs des nationalen Rückgrates entbehrt. Dieses Weltbürgertum beruht aus dem Bewußtsein eines geistig-sittlichen Gesamtlöbens der Menschheit. Es handelt sich nicht bloß um eine Idee, die man als utopistisch abweiisen kann, es handelt sich um die Ueberzeugung, daß die geistigen Interessen der Menschheit gemeinsam sind. Man hat das früher mit dein Namen der Humanität bezeichnet und die Freimaurerei Hai ja das Gefühl für diesen Gedanken gegeben. Aber die alten Satzungen der Freimaurer haben von jäher das Nationale nicht nur betont, sie haben, wie z. B. die alten Wichten, den Nationalstolz als selbstverständlich hingestellt und haben nicht den Nationalgedanken einem uferlosen Menschheitsgedanken geopfert. Nun gehen aber Kulturgüter von dneni Volk an das andere. Das geschieht nicht nur dann, wenn ein Kulturvolk seine Rolle ausgespielt hat und diie kulturelle Erbmasse an ein anderes Volk geht, das geschieht auch zur Blütezeit der Nationen. Spricht man überhaupt von der Menschheit als solcher, so kann es sich doch nur um ein geistiges Leben auf gemeinsamer Kulturgrundlage handeln. Wir nennen ja auch ein Volk erst dann eiin Kulturvolk, wenn es imstande ist, sich Kulturervungenschaften zu eigen zu machen. Es ist geradezu typisch, daß der deutsche Nationalgeist, der am Anfang des 18. Jahrhunderts entstand, aus der Bewegung der großen Dichter und Denker der klassischen Zeit hervorgiug, welche immer als Kosmopoliten verdächtigt werden und denen der Nationalstolz genrangelt haben soll. Gerade diie Vertreter des klastischen Humanitätsideals sind es