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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-08 · Heft 14 (8.7.1921) · p. Seite 166

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 14 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
Seite 166 (sequence 12)
Language
German
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166 „Er ist viel älter als Sie?" Warum ist mir das Wort entschlüpft? Ganz außerhalb meiner habe ich es gesagt, und hinterher erschrecke ich. Aber ich habe keine Wunde 'berührt. „Den Jahren nach — ja," sagte sie unbefangen, „sonst gewiß nicht. Im Gegenteil, in guten Tagen habe ich oft gesagt: „Ich bin älter als du." Das ist ja alles Temperamentsache. Er hat solch eine Gabe, sich über alles zu freuen" — und nun kommt eine lange Lobrede auf den Mann, so schlicht gesprochen und doch von so tiefer Ueberzeugungstveue 'beseelt, daß cs mir ist, als müsse ich Herrn Jakob Maier um Verzeihung bitten, daß ich oft lieblos und respöktwidrig seiner und seiner späten Heirat gespottet habe. Wie ein edler Patriarch erscheint er mir jetzt, wie ein in Milde, Güte und Weisheit, in den Erfahrungen eines langen reichen Lebens immer wertvoller gewordenes Wesen, das wir Jüngeren und Kraftvolleren ehrerbietig zu respektieren und zart zu umsorgen haben. So sieht sie ihn, so sehe ich ihn jetzt auch. „Gestern waren die Herren von der Gemeinde hier," fährt sie fort. „Mein Mann hat doch den Vorsitz niedevlegen wollen. Aber sie haben ihn nicht freigegeben. Zum ersten Male war ich mit im Zimmer, wenn die Herrn mit meinem Mann ernstlich zu sprechen hatten, und ich habe ihnen geholfen, ihm das Leben schwer zu machen. Sie haben immer wieder versichert, die Gemeinde könne seine Dienste nicht entbehren. Da hat mein Mann schließlich ganz verzweifelt aus mich gezeigt und gesagt: „Hier, meine Herren, fragen Sie meine Frau. Sie ist Zeuge, wie elend ich mich jetzt fühle, sie kennt meinen Zustand. Fragen Sie die, ob ich imstande bin, die Geschäfte der Gemeinde jetzt zu führen. Wenn sie „Ja" sagt," — und ich: „Ja", — sie sagt „Ja". Die Herren haben recht, die Schwäche geht vorüber. Du kannst die Gemeinde nicht im Stich lassen, wenigstens nicht solange der Krieg dauert. Mein Mann war fassungslos vor Schreck, und als ihm die Herren bewegt die Hände schüttelten, brach er fast zusammen. Er war beinahe zu schwach, mir hinterher Vorwürfe zu machen." Die Tränen sind ihr in die Augen getreten in der Erinnerung an diese gewiß recht ausregenden Minuten. „Und recht habe ich doch gehabt," fügte sie wie in leisem Triumph hinzu, „recht für ihn und" — das mit verhaltenem, tiefem Stolz — „recht für die Gemeinde." „Morgen wird ja auch alles schon besser," sagt sie nach einer Weile? „Wieso morgen?" frage ich wie in Angst. Wieder habe ich das Gefühl, als spreche ich mit einer Traumwandlerin, für die es bald ein grausames Niederstürzen und Erwachen geben muß. Aber da klingt es ganz sachlich und wirklich in meine unbestimmten Aengste hinein. „Ich stehe mit dem Geschäftsfreund unseres Hauses in einem Briefwechsel, von dem mein Mann vorläufig noch nichts weiß. Er glaubt ganz sicher, daß er mir morgen wird mitteilen können, wo unser Rudolf sich aufhält. Wenn diese Verbindung erst hergöstellt ist, wird alles besser. Dann wird mein Mann seelisch gefunden." „Unser" Rudolf? Der so viel Unglück über das Haus und noch unendlich viele Menschen gebracht hat, dem Jakob Maier, sein Vater, laut geflucht haben soll, dem die ganze Stadt in gerechter Empörung flucht, den nennt sie — „unser" Rudolf? Ja, begreift denn die Frau nichts, gar nichts? Fällt ihr mein Schweigen auf? Es klingt evklärend, als sie mit fester Stimme sagt: „Ich weiß genau, ehe mein Mann seinen Sohn, seinen Einzigen nicht wieder hat, kann er sich nicht aufrichten. Hier muß eine Verständigung werden." „Und glauben Sie denn, daß — daß" — ich weiß gar nicht, wie ich ihn nennen soll, — ihr Herr Sohn? Ein feiner Herr Sohn! Nein, mir kommt das nicht über die Lippen — „daß — Herr Rudolf Maier es wagen wird —" „Dafür will ich schon sorgen," sagte sie fest. „Sobald ich weiß, wo er ist, schreibe ich ihm, daß er nun, nachdem all,das Schlimme geschehen ist, auch den Mut haben müsse, vor den Vater hinzutreten — wenn auch nur erst schriftlich. Es ist die einzige Möglichkeit, daß mein Mann gesundet und — er auch." Er auch? Sorgt sie sich etwa auch, noch um den? Gibt es etwas Gleichgültigeres als, ob dieser Tunichtgut gesundet oder nicht? Ob sie meine Gedanken errät? (Forts, folgt.) Literarische Mitteilungen. — Karl Schwarz, Jüdische Bücherei. Unter vorstehendem Titel ist im Verlag für Jüdische Kunst und Kultur Fritz Gurlitt -eine Reihe von sehr gut ausgestatteten Bändchen erschienen, die einen Einblick in die kulturelle Bedeutung des Judentums zu vermitteln recht geeignet sind. Die Reihe beginnt mit zwei hochinteressanten kleinen Schriften: einem Dialog über das Spiel ,Zldad und Medad", geschrieben von dem im 17. Jahrhundert in Venedig lebenden Rabbiner Leon da Modena, einer in ihrer Problematik nicht minder interessanten und bedeutsamen Persönlichkeit, und der im 14. Jahrhundert verfaßten Schrift „Sei nicht wie deine Väter" von Profiat Durau, einer polemischen Auseinandersetzung mit dem Christentum, die von den Zeitgenossen lange für eine Lobrede auf dieses gehalten wurde. Bemerkenswert sind besonders die dem Arbeitsgebiete des Herausgebers naheliegenden Hefte künstlerischen Inhalts, wie die Illustrationen zum Alten Testament von Hans Holbein d. I., alte Bilder zur Passaherzähliung, die Darstellungen über moderne jüdische Künstler (Urh, Struck und andere). 'Sehr hübsch ist eine moderne deutsche Uebertragung des Tischgebets von Franz Rosenzweig,. — Allen, die sich für den kulturellen Gehalt des Judentums interessieren, können die anspruchslosen und doch schjönen Hefte warm empfohlen werden. Dr. W. * — Helene Hanna Cohn, Frauenfragen in Palästina. Kart. 4,50 Mark. Jüdischer Verlag, Berlin 1921. Das Buch schildert den Typ der jüdischen Frau von der stumpfen, kleinbürgerlichen Hausfrau mit aller Enge ihres Ausblicks bis zur Hyper intellektuellen Emanzipierten unserer Großstädte. Dem wird das ideale Bild der mütterlichen Frau gegenübergestellt, die innerhalb ihrer natürlichen Grenzen durch die Kraft, des weiblichen Gefühls beseelende und belebende Wirkung übt. Im Neuland Palästina körmen die Maßnahmen getroffen werden, durch die eine Heranziehung solcher Frauen ermöglicht wird. Es wird ausführlich dargelegt, daß zu diesem Zweck die Mädchenarbeitsschule, gegliedert in Elementarschule und technische höhere Mädchenschule, als am besten geeignet erscheint. Schließlich wird noch das Problem des weiblichen Dienstjahres, das in Europa um seiner politischen Wirkung willen diskutiert wird, als eine Frage der Sozialethik behandelt. Das weibliche Dienstjahr wird als eine Erziehung der Frau zur Gemeinschaft gefordert und gleichzeitig praktisch mit dem Dienstbotenproblem aus das glücklichste verknüpft. Das Buch ist nicht nur für das Problem des palästinensischen Aufbaus, sondern darüber hinaus für alle an der Frauenfrage Interessierten von Bedeutung. * - Scholem Alejchem: Menachem Mendel. Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz. Preis brosch. 18 Mark, geb. 25 Mark. R. Löwit Verlag, Wien und Leipzig 1921. Menachem Mendel, der Heimat, Weib und Kinder verläßt, um in der Fremde sein Glück zu suchen, der sich nacheinander als Börsenspekulant, als Makler, Schriftsteller, Heiratsvermittler und Versicherungsagent versucht, dabei über seinen Projekten die letzten paar Groschen vertut, um immer wieder zu scheitern, und der schließlich über das große Wasser geht, um dort ein neues, wie er glaubt, erfolgreicheres Leben zu beginnen, ist der Typus des Phantomen nachjagenden, für jeden praktischen Beruf verlorenen „Luftmenschen" aus dem jüdischen Osten. Eine bitter-wehmütige Tragik bildet den Kern dieses Briefwechsels Menachem Mendels und seiner Gattin Scheine Scheindel in Kasriliwke, den uns der geniale Charakterzeichner mit unnachahmlicher Kunst in einer Schale sprühenden Humors vorsetzt und zu einem Buche gestaltet, das zu den köstlichsten Gaben gehört, die wir Scholem Alejchem verdanken. .

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