Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-08 · Heft 14 (8.7.1921) · p. Seite 165

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 14 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
Seite 165 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229482-3229496--76313-3288894
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

165 Aber unsere heutige „Jahrzeit" mit Kaddffchsagen und dem angezündeten Jahrzeitlicht ist jungen Datums. Darauf führt, wie schon bemerkt, der Name „Jahrzeit", der im Mittelalter aus dem Deutschen entlehnt wurde und mit nach Polen wandert^). Es ist die Nachahmung eines christlichen Brauches, der in der katholischen Kirche das' Abhalten einer Seelenmesse am Todestag der Verstorbenen verlangt. An Stelle der vom Priester zelebrierten Messe tritt in Ermangelung einer eigenen Liturgie das Kaddischgebet, das, wie aus seiner vielseitigen Verwendung hervorgeht, ursprünglich gar nicht für diesen Zweck gedacht war und in seinem Inhalt auch gar nicht dahin paßt. Also ein Verlegenheitsgebet! Es kam in Deutschland auf, wo auch das Wort „Jahrzeit" zum ersten Male im 15. Jahrhundert von Isaak von Thrnau gebraucht wird^). Die Sephardim kannten es nicht und sträubten sich gegen die Annahme dieses Ritus, aber schließlich drang er auch hier in Ermangelung eines eigenen Gebets durch. Charakteristisch ist übrigens der sephardische Name für „Jahrzeit", nämlich Nachalah - Erbschaft, worauf wir noch später zurückkommen werden. Auch das Jahrzeitlicht ist keine altjüdische Einrichtung, sondern ist nach Güdemann, „Geschichte des Erziehungswesens", Band 3, S. 132, christlichen Ursprungs. Die „Jahrzeit" und ihr Ritus sind also Entlehnungen aus dem christlichen Brauch, wie er noch heute in den katholischen Ländern üblich ist. Der Grund für die Entlehnung ist der Stimmungsgehalt gewesen, der einem innerlichen Bedürfnis entgegenkam. Fraglich ist mir übrigens, ob das Jahrzeitabhalten rein christlichen Ursprungs ist. Jedenfalls steht es nicht am Anfang der christlichen Religion, denn wenn ihre Gläubigen sich in der ältesten Zeit versammeln, um das Gedächtnis ihres Stifters zu begehen, so geschieht es beim „Abendmahl" und in den Formen des jüdischen Passahmahles, nicht nach einem besonderen Gedächtnisritus. Jahrzeitfeiern sind überliefert am Todestage von Märtyrern, deren Namen zu diesem Zweck in die Kalender eingetragen werden; doch ist über einen Ritus nichts bekannt. Die Regelung der Seelenfeiern für einen Verstorbenen (am 8. und 30. Tag nach dem Tode und am Jahrestag des Todes) erfolgt erst später (Requiem, Seelenmesse). Doch der Umstand, daß man zu einer Modifikation der für den regelrechten Gottesdienst dienenden Messe griff, zeigt, daß eben kein besonderes Ritual vorlag. Wohl aber ist dies in vorchristlichen Religionen der Fall gewesen, wo der Totenkult eine viel größere Rolle spielte als im jüdisch-christlichen Glaubenskreis. In altgermanischer Zeit war der Terminus teednieus für die Totenfeier: „die Erbschaft feiern". Nach einem Totenschmaus folgt ein Trinkgelage, bei dem das Bierhorn im Kreise herumgeht und die Trauergenossen zu einer mystischen Gemeinschaft verbindet. Einen Nachklang dieses Brauches finden wir ja noch heute in der volkstümlichen Sitte, nach der Beerdigung den Toten zu „vertrinken". Ein solches Trinkgelage fand nun auch am Jahrestage des Todes statt, wobei die „Minne" (das heißt das Gedenken) des Toten getrunken wurde. Er nimmt damit zum letzten Male an dem feierlichen Trunk teil, der die Familie vereint. Die christliche Kirche, die sich vielfach auf heidnische Bräuche stützte, übernahm die Sitte der Jahrgedächtnisseiern und gab ihr einen kirchlichen Inhalt. Nun „begeht" man die „Jahrzeit", indem man sich zur Messe in die Kirche begibt, aber freilich auf dasselbe Trinkgelage nicht verzichtete, wenigy „Jahrzeit" nach H. L. Strack, Jüdisches Wörterbuch, S. 81, das als Bedeutung „Tobesta-g" angibt, was unrichtig ist. Es bedeutet „Jahvgedächtnis". *) I. Elbogen, „Der jüdische Gottesdienst", S. 95 f.: 1440 tritt uns bei Jakob Möllin zum erstenmal der Begriff „Jahrzeit" entgegen. Also etwas abweichend, aber auch nach ihm ist die Sitte des Kaddisch- Mbets in Deutschland, und zwar zuerst am Rhein aufgekommen. Die Pietät hat nach ihm den Brauch geheiligt. stens nicht im Norden, wo der Name „Jahrzeit" ebenfalls von Niederdeutschland her eindringt. So lebt in unserer jüdischen „Jahrzeit" ein uralter, heidnischer Brauch fort, freilich in sehr veränderter Form und ausgenommen auf dem Umweg über das Christentum. Er lebt deshalb, weil er einem Verlangen entgegenkam, das sich im Wechsel der Zeiten und der Ansichten eingestellt hatte. War für den Juden in alter Zeit mit dem Hinabsteigen des Toten in die „Scheol" fein Dasein erledigt, so tritt zur Zeit des zweiten Tempels ein neuer Glaube auf, der ein jenseitiges Leben und die Wiedererweckung der Toten verheißt. Und wieder später begnügt man sich auch mit dieser Beruhigung nicht, sondern verlangt nach einem festeren Band mit dem Dahingeschiedenen, der uns im Leben teuer war, und entlehnt zu diesem Zweck eine Sitte, die man in dem religiösen Brauch der fremden Umgebung fand. Die jüdische Religion ist eben niemals erstarrt gewesen, sie ist auch heute noch keine allegorisch auszudeutende Mumie, sondern ein lebendiger Organismus, der sich im Wandel der Jahrhunderte verändert, Altes und unbrauchbar Gewordenes abstößt und Neues, Lebensfähiges und den geänderten Bedürfnissen Entsprechendes dafür aufnrmmt. S. Fei st. Jfrau hgnns Maier. (5.Forts.) Von Anna Goldschmidt. Und Sie, Frau Maier? Wie denken Sie sich Ihre Zukunft? Wovon wollen Sie —" Da lachte sie leicht, wie spöttisch auf. „Das sind doch aber ganz Nebensachen. Irgendwie wird da schon Rat werden. Ach, wenn mich weiter nichts drückte!" Ist die reife Frau ein Kind? Träumte sie wahrhaft und hat sie noch nie, nie von des Lebens bitterer Not gehört? „Ich brauche nicht viel." Unwillkürlich gleitet mein Blick auf ihr gut gearbeitetes Kleid, um dessen Halsausschnitt eine echte und sehr kleidsame Spitze sorgfältig gelegt ist. Sie sängt meinen Blick auf. „Mein Mann liebt so sehr das Hell-Freundliche. Jetzt freilich", wieder seufzt sie leise, „sieht er so etwas — sie faßt unwillkürlich nach ihrem Hals — nicht. Aber das Kahle und Düstere fiel ihm vielleicht doch auf." „Sie müssen aber doch," sage ich sinnend, „wenn jetzt so manches geordnet wird, auch an sich >denken," „Sie kommen mir bald so vor wie mein Mann," sagt sie wie in leichtem Spott, „der quält sich leider auch immer mit der einen Frage, die mir doch so fern liegt. Aber ihn kann ich beruhigen, wenn er immer wieder mich bedauert. Ich sage immer: was ist das alles gegen die Zeit, ehe er mich aus meiner Einsamkeit holte! Das Glück mit ihm ist doch so groß. Alles andere ist dagegen nichts." Höre ich denn recht? Spricht sie von dem Greis, die Blühende, Schöne? Und da redet sie doch ein wenig von sich, von den Jahren, da sie Witwe war. „Ich hätte ja nie daran gedacht, mich wieder zu verheiraten, aber das Alleinsein war so schlimm. Ich hatte mir einen schönen Wirkungskreis geschaffen, war viel sozial tätig und hatte die besten Freunde, bei denen ich mich wie zu Hause hätte fühlen können, so herzlich waren sie. Aber, wenn sie mich zu sich holen wollten, habe ich es ihnen oft abgeschlagen aus Grauen vor dem Nachhausekommen in meine leere Wohnung. Ich habe mich so danach gesöhnt, wieder eine Familie zu haben." „Und dann?" „Und dann kam mein Mann," sagte sie warm, „der nicht so allein stand, und dem trotzdem die Hausfrau gefehlt hat."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.