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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-08 · Heft 14 (8.7.1921) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 14 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
Seite 164 (sequence 10)
Language
German
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164 ein Sohn des Sekretärs der Jüdischen Gemeinde Triest, Giuseppe Barzi l a i, dem man mehrere Uebersetzungen aus dem Hebräischen des Iehuda ha - Levi in italienische Verse verdankt. Da sich ungewöhnliche Redebegabung wie bei den italienischen auch bei Juden anderer Länder Nachweisen läßt — es sei für Deutschland nur an Eduard v. Simson, Ferdinand Lassalle, Eduard Lasker, Ludwig Bamberger und Arthur Stadt Hagen erinnert —, wäre es fürwahr angebracht, die physiologischen Gründe hierfür von Fachgelehrten untersuchen zu lassen, eine der vielen Aufgaben, welche die jüdische Volkskunde zu lösen haben wird. Uebrigens wäre die Anzahl der Sozialisten jüdischen Ursprungs in der Deputiertenkammer von 1919 eine größere gewesen, wenn nicht die meisten der in Betracht kommenden Persönlichkeiten aus der den italienischen Israeliten eigenen Zurückhaltung, oder weil sie die Teilnahme an parlamentarischen Arbeiten für unersprießlich halten, die ihnen angebotenen Kandidaturen abgelehnt hätten. 2. 8e»at. Wie bereits im vorletzten Parlament, so war auch im letzten die Anzahl der Israeliten, welche vom König aus Vorschlag des Ministerrats auf Lebenszeit zu Mitgliedern der höheren Kammer, des Senats, ernannt wurden, wesentlich größer als die der Deputierten jüdischen Ursprungs gewesen: Gegenüber 11 dieser letzteren zählte man im November 1920 nicht weniger als 23 Senatoren, wobei Schanz er und Sonnino nicht mitgerechnet sinh, da sie nicht als Juden geboren wurden. Noch nie, seit Begründung des Königreichs Italien, waren es ihrer so viele: Ein neuer Beweis für die Intelligenz der Rasse und die Tendenz, ihre Fähigkeiten in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen! Seitdem dann am 5. Dezember der obengenannte Dario Cassuto infolge eines Schlaganfalls, von dem er nach einer heftigen Debatte im Senatsgebäude selbst betroffen wurde, in Livorno das Zeitliche gesegnet hat, sind es immerhin noch 22. Beginnen wir mit den Universitätsprosessoren — die meisten derselben sind außerdem noch Akademiemitglieder —, welche auch im Auslande als Zierden der italienischen Wissenschaft anerkannt sind. In Rom wirken: Vito Volterra für mathematische Physik, häufig Vertreter der italienischen Regierung auf internationalen Kongressen; Vittorio Polacco für bürgerliches Recht, dem religiösen Leben noch nicht ganz entfremdet, und Giulio Fano für Histologie und allgemeine Physiologie. Wie so viele andere Männer der strengen Wissenschaft, entstammt er dem Ghetto von Mantua, was ihm ebensowenig wie jenen feine Laufbahn in Italien erschwerte. Zu seinen Hauptwerken zählen die „Physiologie des Herzens" und „Physiologie als selbständige Wissenschaft". Für das größere Publikum beschrieb ev feine zu wissenschaftlichen Zwecken unternommene Reise um die Welt (Mailand 1899). Er ist Begründer und Leiter des italienischen Archivs für Physiologie und war, ebenso wie Volterra, Mitglied einer vom Unterrichtsminister ernannten Fünferkommission! zur Reform dev Universttätsstudien. In Turin finden wir P i o F o ä aus dem Oertchen Sabbioneta, wo einst die Herzöge von Mantua eine kleine, heute fast ausgestorbene Judengemeinde duldeten. Professor der Pathologie, sind seine Arbeiten über Blut, Lungenentzündung, Leberkrankheiten und Krebs in Fachkreisen geschätzt. Abgesehen davon eignet ihm aber das bei Israeliten häufig anzutreffende Aposteltum. So liebt er es denn, die Resultate der Wissenschaft und das Interesse für Ferienkolonien, körperliche Kräftigung der Jugend sowie den Kampf i gegen die Tuberkulose in die weitesten Volksschichten zu tragen. — Ebenfalls an der Turiner Universität als Dozent tätig ist Bellom Pescarolo. Obwohl seit Jahren als Spezialist für innere Krankheiten viel konsultiert, eregte es doch seinerzeit in den hohen Gesellschaftskreisen kein geringes Aufsehen, als der jüdische Arzt zur Behandlung der Herzogin von Genua und dann sogar plötzlich nach Neapel ans Krankenbett des Herzogs von Aosta, eines Vetters des Königs, berufen wurde, weil die nahen Beziehungen jener Mitglieder des Herrscherhauses zur katholischen Geistlichkeit Kr niemanden ein Geheimnis sind. Das Naserümpfen hörte erst auf mit der Errettung des Herzogs aus schwerer Lebensgefahr. Bekannt ist P e s c a r o l o s werktätiger Sinn für gemeinnützige Zwecke, z. B. die Schenkung von 100 000 Lire an ein Krankenhaus in Turin. An derselben Universität lehrt A ch i l l e L o r i a Nationalökonomie. Das große Ansehen, welches ihm seine Werke auch außerhalb der Grenzen Italiens eingetragen haben, benutzt er zur Propaganda Kr die Gesellschaft der Nationen, welche seiner Ansicht nach aber erst wirklich funktionieren kann, wenn in den anderen Staaten eine recht verstandene Demokratie die ökonomische Grundlage dafür geschaffen haben wird. Ganz besonders sympathisch berührt es, weil ein Beweis für die Großzügigkeit seiner Anschauungen und der ihm nahestehenden demokratischen Kreise Italiens, daß L o r i a zwischen seinem Eintreten Kr einen näheren Zusammenschluß der Völker lateinischer Rasse und Kr den jüdischen Nationalismus keinen Widerspruch findet. Er hat sich nämlich, ebenso wie der oben erwähnte Senator Vittorio Polacco und wie der ordentliche Professor der Geographie an der Universität Rom, Roberto Alma gib, Verfasser einer wertvollen Monographie über die Besiedlungsfähigkeit Palästinas, zur Teilnahme an der Ausarbeitung des Planes Kr die Universität Jerusalem bereit erklärt. (Fortsetzung folgt.) Koch rinitial?ur ,Jaljr?rit“ 3n Nummer 11 dieses Jahrganges hat Herr Dr. Willy Cohn einen stimmungsvollen Aussatz über eine „Jahrzeit" veröffentlicht, die er in einem tschechoslowakischen Grenzstädtchen während eines Badeaufenthaltes beging. Er glaubte offenbar einem geheiligten altjüdischen Brauch gefolgt zu sein, wenn er das Gedächtnis des teuren Verstorbenen durch das Kaddischsagen ehrte. Er fühlte sich, wie er ausführt, so recht verbunden mit der uralten Gemeinsamkeit ganz Israels, als er in sremdstaatlicher Umgebung seiner Pietätspflicht genügte. Und doch liegt hier eine unbewußte Selbsttäuschung vor, wie so oft, wenn wir rein gefühlsmäßig denken. . Schon eines hätte ihn stutzig machen sollen: Kr >das Wort „Jahrzeit", das aus dem Jiddischen stammt, wie Berfasser richtig annimmt, gibt es kein hebräisches Aequivalent. Wir haben Brith-milah — Beschneidung, Chathunnah — Hochzeit, Qebburah — Begräbnis, Ebel Trauer usw. Aber wie heißt die „Jahrzeit" auf hebräisch? Wohl haben wir eine Haskarath nschamoth, eine kollektive Seelenfeier am Jomkippur (und im Gebiet des Polnischen Ritus auch an den drei Wallfahrtfesten), die auf ein hohes Alter zurückblickt. Diesen Brauch teilt das jüdische Volk mit fast allen Völkern verschiedenster Religion, heidnischer wie christlicher. Auch die früh vom Hauptstamm ganz getrennten äthiopischen Falaschas kennen diese Seelenfeier (gleich ihrer christlichen Umgebung), die sie Taskar nennen. Auch kannte man schon in alter Zeit bei den Juden Fasten am Jahrestag des Todes und Zusammenkünfte am Grabe eines Verstorbenen, besonders eines gelehrten und heiligen Mannes, wie heute noch bei den Mohammedanern.

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