Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1921)
- Date
- 1921-07-08
- Page
- Seite 163 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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163 gewordene nichtjüdische Schlächter oder Budiker ist ebenso komisch wie der reich gewordene jüdische Händler, und in den meisten Fällen weniger harmlos und schwerer sür kulturelle und soziale Dinge zu gewinnen. Ein jeder von uns hat wohl schon die Erfahrung gemacht, daß ihm im ersten Augenblick manche Leute wegen ihrer Formen, ihres wilden Temperaments unsympathisch erschienen, daß man aber bei näherer Bekanntschaft gute Eigenschaften in ihnen entdeckte und das Unangenehme vergaß. Kann man dasselbe gegenüber dem äußerlich unsympathisch erscheinenden Juden nicht auch tun? Schließlich werden wir ohne Nachsicht doch nirgends fertig, denn jeder hat seine Schwächen und jeder ist erträglich, wenn er richtig behandelt wird. Es kommt bei Menschen wie bei der Medizin auf die Gebrauchsanweisung an. Auch in einer Zeit der Stürme sollte man nicht vergessen, daß wir Menschen sind, daß das Schicksal uns in eine Gemeinschaft gebracht hat und daß wir aufeinander angewiesen sind. Nicht im Interesse der Juden, sondern aus deutschen und menschlichen Rücksichten sollte sich jeder gebildete Mensch gewisse Schranken auferlegen, und wenigstens in der Sommerfrische versuchen, die Menschen und die Erscheinungen nicht vom politischen, sondern vom natürlichen Gesichtspunkt anzusehen. Wdilche Likmente im italienischen Parlamente. Von Professor Dr. Ermanno Loevinson (Rom). (1. Fortsetzung.) 112 ine bedeutende Bereicherung des italienischen Parlaments war der in Turin gewählte Jurist Gino Olivetti. Bemerkenswerterweise machte seinerzeit die konfessionell jüdische Presse für diesen Kandidaten Propaganda, während sie sich sonst ängstlich vom Eingreifen in politische T>ageskämpfe zurückhält. Seit 1906 Generalsekretär des Jndustrieverbandes in Turin, gelang es O l i v e t t i dank seiner eisernen Ausdauer und ungewöhnlichen Geschicklichkeit, denselben nach und nach zu einer ganz Italien umspann en dm Bereinigung der Industriellen auszugestalten. Als solcher hat er mehr als einmal Gelegenheit gehabt, seine Geschmeidigkeit zu beweisen, wenn es sich um friedlichen Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit handelte. Dadurch ward er dann zum Vertrauensmann der Regierung in solchen Konflikten. Seine gemeinnützige Schaffensfreude hat er unter anderem während des Krieges durch Unterbringung vieler Tausender von Flüchtlingen aus den vom Feinde bedrohten Gebieten sowie durch Beschaffung von Geldern für das Jüdische Waisenhaus in Turin bewiesen. Uebrigens hat er als junger Advokat zwei Jahre zu seiner fachmännischen Fortbildung im Berlin verbracht. Die beiden Israeliten, welche sich zur radikalen Partei rechneten, sind in Toskana gewählt, und zwar sür Siena der Ingenieur Arturo Luzzatto. Aber als einer der hervorragendsten Vertreter der italienischen Großindustrie und Regierungslieferant — im Verein mit einigen anderen weitblickenden JsraÄiten schuf er während des Krieges die „Jlva", die weitaus bedeutendste Metallindustrieg'esellschaft aus der Apenninenhalbinsel — sah er die Gesetzmäßigkeit seiner Wahl angesochten ebenso wie der in der Nachbarprovinz Pisa- Livorno aus der Wahlurne hervorgegangene Großindustrielle Max Bondi. Könnten böswillige Parteigegner den beiden letztgenannten allenfalls vorwerfen, sie hätten sich zur Förderung ihrer persönlichen respektive finanziellen Interessen ins Parlament wählen lassen, so ist dagegen die rein menschliche Tendenz, die Lage ihrer armen Mitbürger zu verbessern, den fünf sogenannten offiziellen Sozialisten, welche dem Schoße des Judentums entsprossen, nicht abzusprechen, weder dem Rechtsanwalt Claudio Treves, seit mehr als einem Jahrzehnt anerkanntermaßen einer der Führer der Hflailänder Arbeiterschaft, noch seinem Kollegen Elia Mnsatti, seit . Jahren das Haupt der Sozialisten in der Stadtverordnetenversammlung Venedigs, ebensowenia wie dem für Como-Sondrio gewählten Riccardo Momi - gliano und Dem Vertreter Parmas, Pio Donati, der sich so schnell eine führende Stellung im Parlament errang, daß im Mai 1920 durch eine von ihm vorgeschlagene Tagesordnung das Ministerium N i t t i zu Falle kam, oder den: einzigen jüdischen Vertreter Roms in der Deputiertenkammer, Alceste della Seta, vom Parteiwitz verdächtigt, er wolle Bürgermeister der Ewigen Stadt werden, und am allerwenigsten dem Vertreter der seit langem als unruhig bekannten Handels- und Seestadt Livorno, Giuseppe Emmanuele Modigliani. Dieser, zum ersten Male 1913 in die Kammer eingetreten, schwang sich innerhalb weniger Monate zu einem der Führer der Mittelgruppe der Sozialisten empor und galt in der letzten Legislaturperiode als ihr Oberhaupt. Er würde unbedingt als Ministerpräsident in Betracht kommen, sollte seine Part» einstmals die Zügel der Regierung ergreifen. Sein feierlicher Gang sowie seine Bewegungen verrateir, daß er zu seinen Vorfahren Knltusbeamte oder Rabbiner zählen muß. Große Sympathie hat bei den anständigen Elenrenten der Kammer und Presse ohne Parteinnterschied sein Gesetzvorschlag gefunden, wonach die Verwaltung aller in Italien erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften eine derartig öffentliche zu sein hätte, daß jederzeit der Ursprung ihrer Betriebskapitalien deutlich ersichtlich wäre. Ist die Absicht auch lobenswert, so ist es doch fraglich, ob es durch solche Kontrolle gelingen würde, die Zeitungsindustrie vor dem ungehörigen Einfluß inländischer wie ausländischer Finanzgruppen und Regierungen sicherzustellen. Ihrer Profession nach sind diese sechs Sozialisten alle oder doch fast alle Juristen, also in sozialer Beziehung keine Praktiker. Doch wiesen die meisten der anderen als Sozialisten in die Volksvertretung gewählten Elemente denselben Defekt auf wie die jüdischen. Dagegen ist eine, so viel wir wissen, bisher noch von keiner Seite behandelte Eigentümlichkeit der semitischen Deputierten in der italienischen Kammer ihre die schon so starke der lateinischen Rasse noch weit übertreffende Sprachgewandtheit oder — sollte man sie so bezeichnen dürfen? — Sprechsreudigkeit. Kann es doch unmöglich Zufall sein, sondern muß auf physiologischen oder anthropologischen Gründen beruhen, daß in der vorletzterd Legislaturperiode von den acht Abgeordneten der 508 Mitglieder zählenden Deputiertenkammer, rvelche am häufigsten das Wort ergriffen, nicht weniger als zwei, also der vierte Teil Juden waren, nämlich M o d i g l i - a n i und Treves. Ja, ersterem kam unbedingt der Spvechprimat der ganzen Kammer zu, da er sämtliche 607 Kollegen sowohl an Anzahl wie an Länge der Reden übertroffen hat und, wie die Kammerstenographen zu ihrenr Entsetzen berechnet haben, 2634 Stunden gebraucht hätte, wenn er seine 34 Reden hintereinander gehalten haben würde. Auch was die Formenschönheit der Redeweise betrifft, so zeichnete sich in der vorletzten wie schon in früheren Legislaturperioden ein Semit aus, der Führer der Republikaner, Sallvatorc Bar zila i, der \M den Wahlen von 1919 auf die Kandidatur verzichtete und dann, nach Verwirklichung seines Jrredentaideals, im vorigen Herbst in den Senat berufen wurde. Bekanntlich ist er — der bei den Journalisten aller Parteien gleichmäßig beliebte Vorsitzende des Vereins der italienischen Presse und übler ein Vierteljahrhundert Vertreter des römischen Wahlkreises, in welchem die Peterskirche und vatikanischen Paläste liegen —