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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-08 · Heft 14 (8.7.1921) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 14 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
Seite 162 (sequence 8)
Language
German
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162 stolz gewesen ist und seine Gesinnung allerdings nicht im Parteigezänke,. sondern in stiller Wirksamkeit bekundet hat. Der Hilfsverein für jüdische Studierende liegt ihm vor allem am Herzen: der Aucrbachschen Waisenerzichungsanstalt hat er stets reges Interesse bekundet; die Zunz-Stiftung zur Unterstützung jüdischer Gelehrter verwaltet er gleichfalls. Seiner Initiative ist auch die anläßlich des 70. Geburtstages von Ludwig Geiger s. A. an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums begründete Ludwig-Geiger-Stiftung zu verdanken. Stets hatte er eine offene Hand für jüdische soziale Hilfe wie für alle wissenschaftlichen Zwecke ohne Unterschied der Konfession. So möge denn diese kurze und bescheidene Würdigung des anspruchslosen Gelehrten ausklingen in dem Wunsch, daß ihm noch manches Jahr rüstigen Schaffens zum Segen der Wissenschaft und der Menschheit an der Seite seiner verständnisvollen Gattin beschieden sein möge. Hoffen wir, daß er noch den Tag erleben möge, wo die Eintracht unter den Völkern, die er durch sein Forschen befördern half, wiederhergestellt ist und damit ein Lebensziel Liebermanns, die Verbrüderung der wissenschaftlichen Welt, wieder eine Tatsache werde. Das walte Gott! Bit tfutwi in der Sommerfrische. Von Fab ins Schach. enn die Zeit der Sommerfrische, nach der wir uns ein ganzes Jahr sehnen, kommt, dann beginnt für den Juden eine neue Sorge: Wohin? Zu dm Schwierigkeiten der Wahl in bezug aus Verpflegung, Lage und Klima gesellt sich noch die Frage: Welcher Ort ist so beschaffen, daß man vor judenfeindlichen Verkennungen und Demütigungen m ö g l i ch st geschützt i st? Daß diese Frage gerade für den feinempfindenden Juden eine große Rolle spielt, braucht nicht gesagt zu werden. In der Sommerfrische ist das gesellschaftliche Leben ein besonders wichtiger Faktor. In der Heimat lebt man der Familie, ist beruflich tätig und kommt meistens nur mir solchen Elementen in Berührung, die man genauer kennt. Hier aber ist man aus Schritt und Tritt gezwungen, mit fremden Leuten zu verkehren, an einem Tische zu fitzen, einander zu grüßen, miteinander zu sprechen, und muß stets antisemitische Ungezogenheiten fürchten. Sieht man jüdisch aus oder trägt man einen jüdischen Namen, dann kann man befürchten, daß man von vornherein gemieden wird. Noch schlimmer aber ist es, wenn man an Namen und Aussehen nicht als Jude erkannt wird. Man wird dann manchmal in der liebenswürdigsten Weise zu Gesprächen, Unterhaltungen, und Ausflügen herangezogen, und komiut dann plötzlich der antisemitische Charakter der Gesellschaft zum Ausbruch, dann bleibt einem nichts anderes übrig — wenn man sich bewußt ist, daß man Träger der jüdischen Ehre ist —, als auszustehen und zu erklären: „Auch, ich bin Jude und verzichte auf jeden weiteren Verkehr mit einer geistig und sittlich so niedrig stehenden Gesellschaft!" Daß der Aufenthalt im selben Hotel oder in der Pension meistens nicht mehr möglich ist und daß in jedem Falle eine Verbitterung übrigbleibt, die die ganze Sommerfrische verleidet, ist begreiflich. Heute, wo der Antisemitismus in Deutschland qualitativ und quantitativ furchtbar gewachsen ist, wird die Wahl der Sommerfrische noch schwieriger. Daß kein Jude ein Bad aussuchen würde, das antisemitisch verdächtig ist, das versteht sich von selber. Aber auch bei der sorgfältigsten Wahl ist man angesichts der heutigen Stimmung nicht sicher, irgendwie auf antisemitische Gesinnung zu stoßen und mit rückständigen Ansichten in Berührung zu kommen. Und daß der Jude auf die Sommerfrische ganz verzichten soll, wird niemand raten dürfen. Gewiß kann man in so schwerer Zeit auf vieles verzichten, aber die Sommererholung ist für uns Juden am wenigsten Luxus. Ganz von den Kranken und Kurbedürftigen abgesehen, ist auch für die große Zahl der offiziell Gesunden häufig die Erholung ein dringendes Bedürfnis. Die meisten Juden sind Kopfarbeiter und sehr sensibel — nervös. Schon vor dem Kriege war der Prozentsatz der Nervenkranken unter den Juden erschreckend hoch. Dazu kam der Krieg mit all seinen Anstrengungen, der immer mehr durch Unterernährung geschwächte Körper und nicht zuletzt das durch die antisemitischen Strömungen aufgewühlte Gemüt. Da ist man glücklich, wenigstens für einige Wochen in gesunde Luft zu kommen und leidlich ernährt zu werden. Von diesen Tagen der Erholung, der inneren und äußeren Ruhe, zehrt man nachher monatelang, und für manchen ist dieses noch die letzte Zuflucht für den Drang nach Poesie und Schönheit. Für gar manchen ist eher jeglicher Luxus im Alltagsleben als diese knappe Zeit der seelischen Weihe entbehrlich. Und nun kommt der Antisemitismus und verdirbt alles, vergiftet alle Poesie, verscheucht alle Schönheit und macht die Sommerfrische zu einem Martyrium. Das gehört zu den kleinen Tragödien des jüdischen Lebens, an denen unsere Zeit so reich ist. Muß das so sein? Man hat sich mit der Tatsache, daß die Juden verkannt werden und daß sie stets als politischer Ableiter bei politischen Wahlen und sozialen Strömungen benutzt werden, bereits abgefunden. Wir wissen, wie langsam der Fortschritt der Menschheit in der Geschichte vor sich geht, und mit ein wenig Philosophie sagt man sich: wir Juden sind ein ■ Volk des Harrens und Höffens, wir nehmen die schweren Enttäuschungen als Krankheiten der Zeit hin und hoffen, daß bessere Zeiten kommen. Aber selbst bei den heutigen Strömungen könnte da nicht der Antisemitismus wenigstens für die kurze Erholungszeit verstummen? Könnte er sich nicht im Rahmen der Kultur bewegen und weniger verletzend wirken? Könnte die „hohe antisemitische Aufgabe" nicht für die paar Wochen wenigstens erträglichere Formen annehmen? Jeder Kulturmensch muß sich auf Reisen bewußt sein, daß er Pflichten gegen die anderen hat und daß er sich nicht gehen lassen darf. Kann da nicht auch auf den Juden Rücksicht genommen werden? Jeder gebildete Mensch wird, mag er über Engländer und Franzosen denken, wie er wolle, in einer Gesellschaft, in der sich auch nur e i n Engländer oder Franzose befindet, sich eines jeden verletzenden Worten gegen England oder Frankreich enthalten! Verdienen die Juden, die seit Jahrhunderten mit dem Schicksal des deutschen Volkes verwachsen sind, nicht dieselbe Rücksicht? Man soll in der Sommerfrische natürlich sein. Aper heißt das, im geistigen Neglige sich zeigen? Wäre es nicht besser, sich einen kleinen Zwang aufzuerlegen, zu versuchen, ob man nicht mit dem Juden fertig wird? Es will beinahe scheinen, daß manche die Berührung mit dem Juden fürchten, um nicht bekehrt 4U werden. Welch Vorwürfe sind es, die man dem Juden mit Recht machen könnte? Er sei zudringlich, sagen die durch Zartgefühl und Bescheidenheit sich auszeichnenden Antisemiten. Das ist im Grunde innerer Drang nach Geselligkeit, der in der jüdischen Natur liegt und der so oft verkannt wirb. Wenn die Distanz dabei nicht immer gewahrt wird, so ist das Sache des Taktes, und das kann erst durch Generationen anerzogen toerben. Daß es auch feinempfindende Juden gibt, wird wohl niemand bestreiten, nur treten gerade diese selten in den Vordergrund, und die oberflächliche Beobachtung beurteilt gerade den weniger Feinen als den jüdischen Typus. Es liegt in der Natur der wirtschaftlichen Entwicklung der Juden, daß in ihren Reihen mehr Emporkömmlinge sich befinden. Nun sind diese Parvenüs stets unangenehme Erscheinungen, weil sie, von ihrem alten Boden entwurzelt, auf Nachahmung eingestellt sind und dadurch komisch wirken. Aber der reich

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