Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1921)
- Date
- 1921-07-08
- Page
- Seite 161 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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161 einer Notwendigkeit, einer menschlichen und jüdischen. Es handelt sich nicht mn Almosen, es handelt sich um wirkliche Opfer! | Dann drittens und letztens: Die „Jüdische Kinderhilfe" ist über die Hilfe für den Augenblick hinaus weitschauende Vorsorge für die Zukunft. Was wissen wir von der? Gewiß nur das eine, daß das nächste jüdische Geschlecht es nicht leichter, sondern weit schwer erhaben wird, als selbst wir es hatten. Durch Deutschland geht in den letzten Tagen ein Ahnen dessen, welch karges Leben zukünftig getragen sein will. Alle Werte schwanken, allein ungemindert bleibt der Wert des gesunden Menschen, dessen Leib und Seele gerüstet sind für den Kampf mit dem Leben. Ob es sich lohnt, Geld und Geldwert zu häufen, wer möchte das angesichts des unheimlichen Rätselspiels ewig schwankender Wertungen bedingungslos bejahen? Wo aber ist der Volkswirt, der wahre Politiker, der nicht bereit wäre, als obersten Grundsatz zu vertreten: ^Schafft gesunde Menschen!" Ein schönes Wort von Buber nennt die Jugend die „ewige Glückschance der Völker". Für uns handelt es sich um mehr als um das Glück, um das Dasein selbst! Das deutsche Judentum von morgen — das sind die, decken die „Jüdische Kinderhilfe" helfen will, es zu werden. Und vielleicht erwirkt hier einmal unsere Parteiung etwas Gutes. Ob ihr Liberale oder Orthodoxe, Zionisten oder Zentralvereinler seid, ihr alle habt ein Idealbild jüdischen Lebens in euch und müßt wollen, daß die nächste Generation es verwirklichen hilft. Nun wohl, macht euren Traum wahr! Gebt der „Jüdischen Kinderhilse", laßt sehen, was euer Ideal euch wert ist. Ihr alle braucht kräftige, gesunde, selbstbewußte, lebenstüchtige Verfechter eurer Gedanken. Laßt ihr die Jungen aufwachsen in Not und Verkümmerung, mit weichen Knochen und blutleerem Hirn, so vermögen sie weder für eure Ideale, noch gegen ihre Feinde kämpfen. Daß es insbesondere der älteren Jugend eine besondere Ehrenpflicht sein muß, an der Arbeit für ihre jüngeren Lebensgenossen mit all ihren Kräften teilzunehmen, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Euer ist die Verantwortung für das Leben tausender junger Menschen, euer ist die Verantwortung für die jüdische Zukunft in Deutschland. Wer sich dessen bewußt ist, wird zur „Jüdischen Kinderhilse" in einem Maße beitragen, das allein bestimmt werden darf durch das jüdische Gewissen. Felix Liebermann. Zu seinem 70. Geburtstage. er vortreffliche Kenner der mittelalterlichen englischen Geschichte und Gesetze, der unermüdliche Forscher auch auf dem Gebiete der alteren englischen Sprache, Professor Dr. Felix Liebermann, vollendet am 20. Juli dieses Jahres sein siebzigstes Lebensjahr. Bei Gelegenheit seines sechzigsten Geburtstages ist an dieser Stelle des bei allen verdienten Ehrungen bescheiden gebliebenen Gelehrten bereits gedacht worden, so daß wir heute, um uns nicht ganz Zn wiederholen, in aller Kürze nur das damals Gesagte zusammensassen und ergänzend bis aus den heutigen Tag fortführen wollen. Irgendein staatliches Amt hat der Jubilar niemals bekleidet; seine günstigen Vermögensverhältnisse erlaubten ihm, in freier Forschertätigkeit seinen wissenschaftlichen Neigungen nachzugehen, Berliner von Geburt, ist er seiner Vaterstadt sein ganzes Leben hindurch treu geblieben und noch heute ist sein Heim in der Bendlerstraße ein Sammelpunkt gelehrter und künstlerischer Kreise. Anfangs zum Kaufmann bestimmt, wandte er sich bald, einem inneren Drange folgend, dem Studium zu, bei dem er sich bald auf die Geschichtsforschung verlegte. Als Spezialfach wählte er sich die englische Geschichte des Mittelalters, und auf diesem Gebiet bewegen sich seine wichtigsten Veröffentlichungen. Mitarbeiter an dem großangelegten Unternehmen der Nonumenta Germania« historica, der Sammlung germanischer Geschichtsquellen, hat er besonders für die Abteilung „Gesetze" Ausgaben besorgt, die l-eges Saxonum, die Gesetzbücher der Angelsachsen. Daneben ist er auch auf dem Gebiet .des normannischen Rechts als Herausgeber tätig gewesen. Sowohl von deutscher wie von englischer Seite ist ihm für sein Schassen Anerkennung zuteil geworden; er ist Ehrenmitglied zahlreicher gelehrter Körperschaften in Deutschland wie in England, führt den preußischen Professortitel und ist Ehrendoktor der Universitäten Oxford und Cambridge, Korrespondent Member of the British Academy, Honorary Member of the Literary Society and Historical Society. Sein früher reger Verkehr mit englischen Fachgenossen hat durch den Krieg eingestellt werden müssen und ist erst jetzt wieder langsam in Aufnahme gekommen. Trotzdem sich Professor Liebermann an der übereilten und törichten Kundgebung der gelehrten Kreise zu Anfang des Krieges nicht beteiligt hat — es ist der Maler Liebermann, dessen Name darunter steht —, bemerkt er doch eine gewisse Reserve in den Briefen von einst intimen englischen Freunden. Seine Akademiefreundschaft ist ihm freilich geblieben und Doktor der beiden englischen Universitäten scheint er auch noch zu sein. Aus den letzten Jahren ist von wissenschaftlichen Arbeiten Liebermanns vornehmlich die im Auftrag der Savigny- Stiftung veranstaltete Ausgabe der Gesetze der Angelsachsen nebst Uebersetzung zu nennen, wobei auch allerlei sprachliche und kulturgeschichtliche Späne abfielen, die besonders in dem von seinem Freunde Professor Alois Brandl, dem Berliner Anglisten, herausgegebenen „Archiv für das Studium der neueren Sprachen" erschienen sind. Um nun eine andere Seite von Liebermanns Tätigkeit noch zu erwähnen, die sich mit der Tendenz dieser Zeitschrift, zu deren treuesten Mitarbeitern er zählt, enger berührt, sei daran erinnert, daß er stets auf sein Judentum Prof. Dr. Felix Liebermann.