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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-08 · Heft 14 (8.7.1921) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 14 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
Seite 160 (sequence 6)
Language
German
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160 Israel die Leichen König Sauls und seiner Söhne auf, und die Stadt scheint von den Israeliten erst zur Zeit Solomons erobert worden zu sein. Sie wurde zu griechischen Zeiten Skythepolis genannt, woraus man schloß, daß sie ums Jahr 500 v. Ehr. von den Skythen erobert worden ist. Ihr arabischer Name ist Beisan, und zur Zeit d-er Kreuzzüge bildete sie einen Bezirk des Fürstentums Galiläa unter der Oberhoheit des Königreichs Jerusalem. Es finden sich dort Ruinen eines Tempels und eines Amphitheaters, die aber noch nicht näher untersucht worden sind. * „Jüdische Kinderhilfe." Von Eugen Caspary, 1. Vorsitzender des Verwaltunasrates der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden. Zum ersten Mule seit ihrem Bestehen tritt die „Zentratwohlsahrtsstelle der deutsche Juden" mit einer Forderung materieller Art an die deutsche Judenheit heran, indem sie die „Jüdische Kinderhilfe" organisiert. Diese Tatsache allein beleuchtete die Notwendigkeit dessen, was geschehen soll. Denn es ist der Zentralwoh.lfahrtsstelle nicht leicht geworden, ein bisher streng innegeh,altenes Prinzip für diesen Ausnahmefall hintanzustellen und von sich aus eine Hilfeleistung praktisch durchgusühren, während sie bisher -derartige Aufgaben den ihr angeschlossenen Gemeinden und Organisationen überlassen zu sollen glaubte. Indessen, was die „Jüdische Kinderhilfe" Leisten soll und was darum zunächst für sie geleistet werden muß, ist so groß, daß es nicht mehr Sache einer Einzelorganisation bleiben kann. Das leider nur allzu abgegriffene Schlagwort ist hier wirklich am rechten Platz: es geht um unsere Zukunft! Zukunft wird gestaltet durch die Kraft der Menschen, denen sie Gegenwart fein wird. Wenn irgendwo unser Schicksal sichtbar und — lenkbar vor uns sich aufrichtet, so in unseren Kindern, in der Heranwachsenden jüdischen Jugend. Daß diese Jugend zu einem sehr erheblichen Teile Not leidet, ist allzu bekannt, als daß es hier ausführlich zu beweisen wäre. Die „Kindernot" steht seit Langer Zeit ganz vorn in der Reihe derjenigen Begriffe, in denen das Wesen unserer Zeit ausgesprochen liegt. Monatelang schrie uns dieses Wort von jeder Mauer und aus jedem Zeitungsblatt an, bald als politisches Schlagwort, bald als ansrüttelnde Mahnung und verzweifelte Bitte. Dann kam die „Deutsche Klnderhilfe" und forderte von uns unseren Beitrag zur Linderung des ungeheuren Elends. Forderte mit gutem Recht und fand offene Herzen überall. Sicherlich ist dies eines jener Dinge, von denen es nach jüdischer Auffassung heißt, daß es für sie kein Maß gibt, und die in ihrem sittlichen Wert nicht mit den Rechenkünsten der Statistik zu bewerten sind. Dennoch darf und muß gesagt werden, daß der „Deutschen Kinderhilfe" aus jüdischen Herzen und Händen Unterstützung in einem Maße zuteil geworden ist, das sich das deutsche Judentum zur Ehre anrechnen darf. Weshalb dann noch die „Jüdische Kinderhilfe"? Man kann nur antworten: „Cs ist viel, aber es ist nicht genug — bei weitem nicht genug!" Die Millionen der „Deutschen Kinderhilfe" sind ein Tropfen auf dem heißen Stein, eine Linderung wohl, eine wirkliche Hilfe keineswegs. Was von ihren Mitteln für jüdische Zwecke verfügbar bleibt, ist bitter wenig, trotzdem anerkannt werden muß, daß im Gegensatz zu manchen früheren Erfahrungen man bei diesem Fall bei der Verteilung im allgemeinen mit gerechtem. Maß zu messen wußte. Die Not der jüdischen Kinder ist nach wie vor da: ein Problem, das gelöst werden muß, wenn anders wir den Anspruch bewahren wollen, die Träger der jüdischen Tradition in ihrer menschlichsten Form, im sozialen Leben, zu sein. Die jüdischen Kinder leiden die gleiche Not wie ihre nichtjüdischen Altersgenossen der gleichen sozialen Schicht — aber die Hilfeleistung für sie wird durch viele Umstände erheblich erschwert. Man denke nur zum Beispiel an die Tatsache, daß vielen jüdischen Kindern die Teilnahme an der Quäkerspeisung aus religiösen Gründen nicht möglich ist, es sei denn an den wenigen Orten, wo diese wahren Menschenfreunde die Errichtung koscherer Küchen durchführen konnten. Man denke an all die zahlreichen religiösen. Psychologischen und gefühlt mäßigen Hemmungen, die es jüdischen Eltern unmöglich machen!, allgemeine Wohlsahrtsinstitute in Anspruch zu nehmen. Man vergesse vor allem nicht, daß die meisten der Jugendwohlsahrt dienenden Institute und Einrichtungen auch.erziehliche Ausgaben und Wirkungen haben, und daß wir wünschen und fordern müssen, daß solcher Einfluß sich an unseren Kindern in jüdischem Sinne fühlbar mache. Und da sind wir gleich bei einem der schwersten und wichtigsten Probleme unseres Aufgabenkreifes angelangt: bei der Hilfe für unsere Jugendwohlfahrtsinstitute. Ihre Lage ist mit einem Wort hinlänglich gekennzeichnet: mit wenigen Ausnahmen sind sie alle in der größten Bedrängnis^ über den meisten schwebt das Gespenst des völligen Zusammenbruchs. Insbesondere gilt das für unsere Waisenhäuser, für welche die Zuwendungen auch nicht im entferntesten so' gestiegen sind, wie >es nötig wäre, um einen Ausgleich zu schaffen für die Entwertung der ihnen zur Verfügung, stehenden' Mittel und die außerordentlich gesteigerten Kosten der Ernährung, Kleidung und Unterbringung. Eine sehr erhebliche Zahl dieser Anstalten hat seit längerer Zeit bereits darauf verzichten müssen, ihre Räume voll auszunutzen, weil die Mittel fehlten, um so viel Kinder zu ernähren, wie man unterbringen könnte. In den Städten macht sich der Mangel an Kinderheimen!, Kinderhorten und Kinderpolikliniken immer fühlbarer. Die Zahl der aufsichtslosen Kinder ist stark gestiegen, die Gefahren der Straße sind größer als je — aber schon die vorhandenen Einrichtungen stehen dauernd vor der Existenzfrage, geschweiige denn, daß. ausreichende Mittel da wären für Neugründungen. Hier geht vor unseren Augen ein erheblicher Teil der nächsten jüdischen Generation langsam, aber sicher zugrunde. Es fehlt nur an Geld — sollten! die paar Millionen im deutschen Judentum nicht auszubringen, sein, die nötig sind, um unsere Waisenhäuser, Erziehungsanstalten, Kinderheime usw. zu erhalten? Zeitlich dringender ist aber noch eine andere Ausgabe. Der Sommer steht vor der Tür, und wir müssen ihn nutzen, um Tausenden jüdischen Großstadtkindern die Möglichkeit zu geben, ein paar Wochen der Erholung zu genießen. Unsere Ferienkolonien und Ferienheime müssen in erster Linie denen Vorbehalten bleiben, die ärztlicher Wartung. oder besonderer Heilmittel bedürfen^. und reichen nicht im entferntesten aus. Wohin mit den Tausenden, die „nur" unterernährt, bleichsüchtig, erschöpft sind, die keines Medikamentes bedürfen als des Sonnenlichtes, der frischen Luft, ungehernmter Bewegungsfreiheit und guter Ernährung, um einigermaßen bei, Kräften zu sein für den drohenden Winter/der weniger Gutes erwarten. läßt als je? Auch hierfür bedarf die „Kinderhilfe" großer Mittel, vor allem aber der liebevollen Bereitschaft der Juden auf .dem Lande und in kleinen Städten, solche Großstadtkinder für längere oder kürzere Zeit bei sich aufzunehmen und so Wohltun zu üben in der schönsten und edelsten Form, die es gibt: direkt von Mensch zu Mensch! Ein anderes Problem^ das der Flüchtlingskinder! Tausende aus dem Osten, neuerdingsweitere Tausende aus Oberschlesien, Pommerellen, Posen. Ein unsagbares Elend! Immer wieder das gleiche Bild, tags kein Hemd aus dem Leibe, nachts kein Bett! Unvorstellbar für solche, die sich der eigenen Kindheit aus der goldenen Zeit erinnern oder den eigenen Kindern die Jugend schön und licht gestalten dürfen. Hier wächst ein Geschlecht h>eran, das, wenn es aus diesem Elend Kraft zum Weiterleben rettet, der geschworene Feind alles Bestehenden werden muß, stets erfüllt von einer furchtbaren. Anklage insbesondere gegen die engere Gemeinschaft, die ihr nicht zu Hilfe kam. Wo gäbe es ein Mittel, die in die Zu>kunft weisende Verkettung von Elend und Schuld in ihrer ganzen Furchtbarkeit euch allen, deutsche Juden, zu zeigen? Hier ist einer der großen Prüfsteine von Wert und Unwert eures Seins als Mensch und Jude! Wir wollen vom Moralischen nicht sprechen, es versteht sich bekanntlich immer von selbst. Daß die „schlechte Zeit", der „ungünstige Augenblick", die „Ungewißheit der Lage" kein Ausflüchte sein dürfen, wenn es gilt, denen zu helfen, für die die „schlechte" Zeit eine furchtbare ist, für die es noch nie einen „günstigen" Augenblick gab, und deren Lage mit erbarmungsloser Gewißheit aus ihnen lastet, soll nicht näher ausgesührt werden. Daß es unwürdig, ist, sich, mit dem Hinweisauf den Steuerzettel des Staates einer moralischen Verpflicht tung entziehen zu wollen, sei! nur angedeutet. Hingegen sei von dreierlei mit Nachdruck gesprochen: Erstens: Die „Jüdische Kinderhilfe" hat an euch mindestens, den gleichen Anspruch den ihr den allgemeinen Sammlungen zugebilligt habt. Zweitens: Die „Jüdische Kinderhilfe" verlangt von -euch, nach altjüdischem Grundsatz, daß jeder gebe „nach dem Maße seines Vermögens, des Segens, den der Ewige, euer Gott, euch gegeben hat". Wir betteln nicht umt Almosen: das deutsche Judentum kann von sich selbst keine „milden Gaben" annehmen. Wir verlangen Erfüllung

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