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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-07-08 · Heft 14 (8.7.1921) · p. Seite 158

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 14 (8.7.1921)
Date
1921-07-08
Page
Seite 158 (sequence 4)
Language
German
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158 Der Münchener Studentenrnob gegen — Herne. Bei der fünften Aufführung des Singspiels „Dichterliebe", in dem Heinrich Heine austritt, kam es im Münchener Gärtnerplatz-Theater zu einem Theaterskandal, dem man am prompten Funktionieren sofort die Verabredung, anmerkte. Am Ende des zweiten Aktes erhob sich gellendes Pfeifen und Lärmen. Gleichzeitig flogen in Menge Knallerbsen und faule Eier auf die Bühne. Ein großer Teil des Publikums verließ panikartig das Theater. Die Vorstellung wußte unterbrochen werden. Erst nach längerer Pause wurde weitergespielt, und zwar bei beleuchtetem Hause. Die Ruhestörer hatte man verprügelt und an die Luft gesetzt. Die leeren Plätze im Parkett wurden zum Teil von Leuten eingenommen, die während der allgemeinen Aufregung von der Straße hereingestürmt waren. Die Drahtzieher der Lärmszenen werden in antisemitischen Studentenkreis-en vermutet. * Aus Stuttgart wird berichtet: Ein Dr. Kurt Grunsky in Stuttgart hatte in einer Artikelserie in der „Süddeutschen Zeitung", betitelt „Die Judenfrage int Spiegel von Schrifttum und Wissen",^ die auch von Otto A r n i m (Alfred Roth) in seiner Schrift „Die Juden im Heer" aufgestellte Behauptung ausgesprochen, „Rabbiner begünstigen jüdische Heerespflichtige, daß sie sich drücken konnten, und zwar ließen sie sich dafür auch noch bezahlen". Hieraufhin hat der Württembergische Rabbiner-Verein an die Zeitung die Anfrage gerichtet, ob in dem Artikel württembergische Rabbiner gemeint seien und, falls dies nicht zutrefse, unter Berufung auf die Loyalität der Zeitung eine ausdrückliche Erklärung hierüber abzugeben gefordert. Da eine Antwort ausblieb, wurde Strafantrag gestellt. Erst als dem Beschuldigten der Erössnungsbeschluß zugestellt war, bequemte er sich zu folgender Erklärung: Der Beschuldigte erklärt, daß die den Gegenstand des "Strafantrags bildende Stelle des inkriminierten Artikels der „Süddeutschen Zeitung", „Rabbiner begünstigen jüdische Heerespflichtige, daß sie sich drücken tonnten", sich weder auf württembergische noch auf deutsche Rabbiner überhaupt bezieht, und daß dieser Vorwurf diesen gegenüber nicht erhoben werden wollte und nicht erhoben werden kann. Ter Beschuldigte übernimmt sämtliche Kosten des Verfahrens einschließlich der dem Antragsteller erwachsenen notwendigen Ausgaben nebst Vevgleichsgebühr und Teuerungszuschlag. Der Beschuldigte verpflichtet sich, gegenwärtige Erklärung in der „Süddeutschen Zeitung" vor dem 30. Mai 1921 mit denselben Typen, in welchen der inkriminierte Artikel erschienen ist, ohne jeden Zusatz zu veröffentlichen. Der gegen Dr. Karl Gr.unskh wegen öffentlicher Beleidigung gestellte Antrag wurde hierauf seitens des Antragstellers zurückgenommen. * Dreimal aussprukerr. Dem Berliner „Vorwärts" entnehmen wir folgende Notiz: Man schreibt uns: Neulich marschierte in Guhrau der Jungsturm unter Führung, der Studenten Knobel und Clautz Götz zu einer Wanderung aus. Beim Anblick eines Friedhofes fragte Knobel, was das für ein Kirchhof sei. Als er die Antwort erhielt „Der Judenkirchhof", befahl er: „Halt! Dreimal ausspucken!" Daß solche Gesinnung, die wahrscheinlich als urtentsch angesprochen wird und an der wohl die Welt genesen soll, plannräßig in der unmündigen Jugend verbreitet wird, erweist eine kleine Broschüre „Wissenswertes für. die deutschblütige Jugend" von Ernst Streit im Verlage Rohm in Lorch i. Wttbg. In dieser Broschüre unterhalten sich junge Menschen über die jüdische Religion, und es heißt dort — kaum glaublich! — wörtlich folgendermaßen: ,,Der Jude tut damit (indem er die rassige Eigenart der Germanen Planmäßig zu verderben sucht) seinem Gotte Jahwe den größten Dienst. Der Verführer der armen Anna Weise war ein Jude. Indem er dieses deutschblütige Mädchen schändete, brachte er seinem Gotte ein Opfer dar." Jeder Zusatz würde diese Worte nur abschwächen. * Der Vertreter des kanadischen Hilfskomitees, Herr Belkind, der auf der Rückreise von Sowjetrußland nach New Pork sich in Berlin aushielt, übermittelte der Berliner Organisation der „Ort" den folgenden Tätigkeitsbericht der Abteilung „Ort" in Odessa (von der Gründung bis zum März 1921): Die Odessaer Abteilung der „Ort", die im Jahre 1913 gegründet wurde, befaßte sich ursprünglich mit der Erforschung des jüdischen Handwerks und mit dem Ausbau einer Anstalt für berufliche Erziehung der Heranwachsenden Jugend. Die Tätigkeit der Gesellschaft auf dem Gebiete der unmittelbaren, produktiven Hilfe hat erst während des Krieges begonnen. Die Odessaer Abteilung erforschte die in den größeren Betrieben bestehende Nachfrage auf Arbeitskräfte und verband sich mit den jüdischen Arbeitsbureaus in Warschau zwecks Uebernahme eines Teils der Warschauer jüdischen Arbeitslosen nach Odessa. Später, als der Strom der Polnischen und litauischen jüdischen Flüchtlinge Südrußland erreichte, wurde die Odessaer „Ort" zum Sammelpunkt für sämtliche jüdischen und nichtjüdischen Arbeitslosen, wo Tausende und aber Tausende mit produktiver Arbeit versorgt wurden. Im Jahre 1916 erösfnete die „Ort" die erste große genossenschaftliche Schneiderwerkstatt für über 500 Mann und gründete zu gleicher Zeit eine Arbeiterküche und einen Konsumverein für die in der genannten Werkstatt beschäftigten Arbeiter. Im Mittelpunkt der Bildungsarbeit standen die Abendkurse für allgemeine Fächer für eine große Zahl der jüdischen Arbeiter Odessas. Die Revolution rief in der Tätigkeit der „Ort" eine Krise hervor, die durch den weiteren Gang der politischen Ereignisse, durch die oftmaligen Aenderungen der Staatsgewalt (im Lause von zwei Jahren zwölf Umwälzungen in Odessa) bis zum Anfänge des Jahres 1919 sich hinzogen. Während dieser schweren Zeit beschränkte sich die „Ort" aus die Unterstützung der großen landwirtschaftlichen Kommune namens „Freie Arbeit" sowie die Erhaltung der Arbeiterküchen usw. Die Wiederbelebung der „Ort" im Jahre 1919 beginnt mit der gründlichen Erforschung und Sammlung von statistischem Material über die Lage des jüdischen Handwerks. An der landwirtschaftlichen Farm des Jüdischen Waisenhauses wurden praktische landwirtschaftliche Kurse eingerichtet; die Hörer der Kurse arbeiteten selbst im Felde, im Garten, in der Milchwirtschaft, Bienenzucht usw. und erhielten durch die Kurse auch ihre theoretische Ausbildung. Eine Kommission für Berufsbildung gründete einen Schulklub für die Heranwachsende Arbeiterjugend; die Ausgabe des Klubs, der noch heute existiert, besteht darin, auf die professionelle Ausbildung der Kinderhrnzuwirken und sie bei der Wahl ihres Berufes, den Fähigkeiten des einzelnen entsprechend, zu beraten. Im Jahre 1919 gründete die „Ort" eine kooperative Milchfarm, die zu gleicher Zeit als Läbvratorium für die landwirtschaftlichen Kurse diente. Im Frühjahr 1919 entstanden mit Hilfe der „Ort" fünf landwirtschaftliche Arbeitsgenossenschaften: „Erde und Arbeit", „Erez Israel", „Kooperative der Solotonoscher Pogromierten", „Gegenseitige Hilfe" und „Erste Genossenschaft jüdischer Gärtner"'. Sämtliche genannten Kollektivwirtschaften bekamen von der „Ort" Boden, Saat, Inventar usw. Im Frühling dieses Jahres sind die Arbeiten in diesen landwirtschaftlichen Genossenschaften in größerem Maßstabe wieder ausgenommen worden. Die Odessaer „Ort" hat zwei große Schusterkooperativen organisiert und die Kürschnergenossenschaft „Union" wiederhergestellt. Ein großer Teil der in den Handwerkergenossenschaften der „Ort" beschäftigten Arbeiter ist jetzt in die Staatsbetriebe übergeführt worden. Im Jahre 1920 ries die „Ort" eine große kooperative Handwerkerbank ins Leben, die mit großem Erfolge arbeitete, später aber infolge der Nationalisierung des Handels ihre Tätigkeit einschränken mußte und jetzt vor der Liquidation steht. Verhältnismäßig freier entwickelte sich die Arbeiter-Genossenschaft aus dem Gebiete der professionellen Ausbildung. Die „Ort" unterhält eine ganze Reihe von Lehrwerkstätten und professionellen Schulen für die Arbeiterjugend. In der letzten Zeit wurden mit Hilfe der Organisation zwei neue Produktivgenossenschaften für Pogromierte gegründet, eine Fischnetzstrickerei und eine Bürstenmacherei. Die Zahl der Mitglieder der Odessaer Abteilung hat sich seit 1916 von 67 auf 3854 vergrößert. Infolge des bestehenden Mangels an Maschinen und Werkzeugen ist die Gesellschaft „Ort" während der letzten Zeit gezwungen, ihre Hauptaufmerkfamkeit der Heranziehung der Jugend zur Landwirtschaft zu

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