Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1921)
- Date
- 1921-07-08
- Page
- Seite 157 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229496--76305-3288886- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
157 seiner Kraft ruhen, daß seine religiösen Lehren einen unerschöpflichen Jungbrunnen der Seele bilden. Der jüdische Geist, der die Jugend erfüllen und sie gegen alle Fährnisse des Lebens wappnen soll, kann niemals in dem Milieu der Simultanschule gedeihen, sondern nur in Lebensgemeinschaften, die einen unsichtbaren Schutzwall gegen die verderblichen Einflüsse einer gemütsrohen Umgebung bilden; darum auf ans Werk! Gründet jüdische Schulen als wirksamstes Schutzmittel gegen die Schlagwörterkrankheit unserer Zeit. Das Manko an jüdischem Geist in den Profanschulen kann nicht durch eine noch so große Anzahl trefflich geleiteter Religionsschulen ausgeglichen werden. Wohl erhalten die Kinder in dem fakultativen Unterricht dieser Schulen „jüdische Stunden", wie der Volksmund es treffend bezeichnet, aber nicht jüdischen Geist; dieser kann nur unter intensiver Mitwirkung des Hauses durch entsprechenden steten Einfluß der jüdischen allgemeinen Lehranstalten erzielt werden. ' Wochenschau. B e r l i n, 4. Juli. ie Protestnote gegen die Deutschenpogrome in Ostrowo) die der deutsche Botschafter in Paris am 21. Juni der Botschafterkonferenz übergeben hat, enthält über die blutigen Vorgänge in Ostrowo vom 2. Juni folgenden Tatsachenbericht: „Am Tage des Pogroms, am 2. Juni d. I., waren in Ostrowo seit Mittag Gerüchte verbreitet, daß die Arbeiterschaft der Waggonfabrik Au s s ch r e i tu n ge n g e ge n d ie Deutschen s o>w i e gegen dieI u b e n vorder eite. Es wurde bekannt, daß am Tage vorher in der Stadt Arbeiterversammlungen stattgefunden haben,, in denen gegen die angeblichen A u s w e i s u n g e n aus D e u t s ch la n d protestiert und die Ergreifung von ViergeltungAmaHnahmen gegen die ansässigen Deutschen gefordert worden war. Irgendwelche Vorsichtsmaßnahmen wurden trotzdem von den Ortsvehörden nicht getroffen. Nach Arbeitsschluß, also gegen 5 Uhr, zogen 500 bis 700 Mann der Arbeiterschaft der Waggonsäbri'k in geschlossenem Zuge zur Stadt. Im Stiadtinnern teilte sich der Trupp n a ch e i n e m a n s ch e i n e n d v o r h e r a u s ge arbeiteten Plane. Die Arbeiter waren zum. Teil mit Knüppeln bewaffne t. Die einzelnen Trupps drangen in die deutschen und jüdischen Geschäfte ein. Die angetroffenen Personen wurden ohne Unterschied des Alters und Geschlechts zum Teil in brutalster Weise mißhandelt. Mehrere Geschäfte und verschiedene Wohnungen wurden' vollständig ausgeplündert. Ein starker Trupp drang auch bei dem Brauereibesitzer Hirsch ein, der nebst seinem Geschäftsführer schwer mißhandelt wurde. Die Polizei schritt nicht ein. Lediglich ein einziger Gendarm versuchte, Herrn Hirsch zu schützen, wurde jedoch entwaffnet. Der Starost sowie angeblich auch der Militärkommandant waren abwesend. Erst als der Pogrom p r o g r a m m ä ß i g d u r ch g e f ü h r t war und die Arbeiter sich bereits zerstreiten, s ch r i t t da s Militär gegen 7 Uhr abends ein. Die Ausschreitungen sind nur, wie es scheint, der Anfang von weiteren Verfolgungen der Deutschen und Juden iü den ehemals Preußischen Provinzen Posen und West Preußen gewesen. Den Vorgängen in Ostrowo folgten zunächst Gewaltakte im südlichen Teil des Kreises Kempen, denen sich neuerdings die schweren Ausschreitungen im Kreise Lissa sowie in Bromberg und Graudenz angeschlossen haben Heber den Pogrom in Bromberg liegt folgender Bericht vor: Am 20. Juni abends zog die Menge nach einer Versammlung durch die Stadt und verübte Ausschreitungen und Plünderungen. Deutsche und jüdische Bürger wurden mißhandelt. Vollständig demoliert wurden die Räume 'der 'deutschen „Sozialdemokratischen Bolkswacht", das Weinrestaurant Voehlke in der Wil'hebm.straße, das jüdis ch e Geschäftshaus von Friedländer in der Brückenstraße und das Schneidergeschäft Simo n. Danach zog die über 2000 Köpfe starke Menge, hauptsächlich aus dem Bromberger Janhagel bestehend,, dem sich in großer Zahl polnisches Militär angeschlossen hatte, vor das Rathaus, um den als deutschfreundlichverschrienen Stadtprästdenten Maciaszek herauszuholen. Der Sta dtp r,äsident wurde schwer mißhandelt. Nur die Offiziere und Schüler der Offiziersschule waren noch der Regierung treu geblieben. Trotz aller Warnungen versuchte die Menge, sich auf diese Offiziere und Offizierschüler zu stürzen. Gegen 12 Uhr nachts machten diese von der Waffe Gebrauch und eröffneten Feuer gegen die Menge mit Maschinengewehren. Nun flüchteten die Aufrührer auseinander. Sie ließen 9 Tote und 15 Verwundete zurück, darunter auch einige Soldaten, die an dem Aufruhr teilgenommen hatten. Der schwer mißhandelte Stadtprä.sident mußte in-' ein Krankenhaus gebracht werden. Die Absicht der Polen ist ziemlich klar. Durch die Terrorakte wollen sie Deutsche und Juden veranlassen, für billiges Geld ihr Hab und Gut zu verkaufen. Dies trat besonders nach den Ausschreitungen in Ostrowo Zutage, wo sich alsbald „Käufer" bei den Ueberfallenen einfanden und ihnen rieten, doch ihr Besitztum zu verkaufen, da sie doch hinausgeworfen werden würden. Diese polnischen Geschäftemacher wollen also, die „Konjunktur" ausnutzen und die deutsche und jüdische Bevölkerung mit der polnischen Valuta um ihr Letztes betrügen. # Warnung vor der Emigration nach Mexiko. Die Zahl der Emigranten, die sich nach Mexiko begeben wollen,- ist, wie das Hilfsbureau der jüdischen Auswanderungsangelegenheiten (Hilfsverein der Deutschen Juden) mitteilt, in der letzten Zeit sehr gewachsen. Sie steht in keinem Verhältnis zu der Aufnahmefähigkeit des Landes. Nachrichten, die über Mexiko vorliegen, lauten dahin, daß es ein Land der Tagelöhner, der Arbeiter ist. 90 Prozent der Bevölkerung lebt von Löhnen, so daß es etwa 14 Millionen Proletarier gibt. Daher bedeutet es dasselbe: nach Mexiko Arbeiter und nach Brasilien oder nach Chile Salpeter bringen. Die Einwanderung, die Mexiko braucht, ist nicht die der Arbeiter — wenigstens so lange, bis sich seine wirtschaftlich industrielle usw. Tätigkeit vervielfältigt hat —, sondern die Einwanderung von Leuten, die mit ihrem Kapital neue Industrien gründen. Mittellose Arbeiter können deshalb für absehbare Zeit nicht dringend genug davor gewarnt werden, nach Mexiko auszuwandern. * Antisemitismus und Wissenschaft. Aus einem 'sonderbaren Anlaß kam es in Nürnberg zu einem Streik einer Reihe von Dozenten der Handelshochschule. Aus der Hochschule, die hauptsächlich aus städtischen Mitteln gegründet wurde, machen sich seit mehreren Monaten antisemitische Umtriebe 'bemerkbar, die durch eine 'deutschvölkische Studentenverbindung „Wehrschaft Franco- Bavaria" eine besondere Steigerung erfuhren. Als Urheber der Schmähungen, die fortgesetzt in einer Kneipzeitung erschienen, wurde der Student Stroemsdoerfer sestgestellt, der vergeblich vom Senat aufgefordert wurde, die Beleidigungen zurückzunehmen. Hierauf wurde Stroemsdoerfer vom Senat mit Entlassung bedroht. Dann ließ der Rektor der Handelshochschule einen Anschlag der Franco- Bavaria, worin u. a. von den Ausnahmesuchenden die eidesstattliche Erklärung verlangt wurde, niemals eine Heirat mit einem „farbigen oder jüdischen Weibe" einzugehen, vom schwarzen Brett der Hochschule entfernen. Hierauf erfolgten von einer Minderheit der Stu-' denten unter Führung Stroemsdoersers neue Kränkungen gegen Rektor und Senat, worauf der Dozentenstreik einsetzte. Die Studentenversammlung billigte das Dlsziplinarverfahren gegen Stroemsdoerfer, sprach Rektor und Senat das volle Vertrauen aus, legte jedoch gegen den Beschluß des Stadtrats von Nürnberg aus Entfernung des Anschlages Verwahrung ein, da er „eine Gefährdung der akademischen Freiheit" bedeute. Auf'Grund dieser Beschlüsse wurden die Vorlesungen an der Handelshochschule wieder ausgenommen. Der Senat hat die Entlassung Stroemsdoersers beschlossen.. *