Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1921)
- Date
- 1921-07-08
- Page
- Seite 156 (sequence 2)
- Language
- German
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156 gemeindlichen Kultusbeamten entwirft und unter Hinweis auf das drohende Gespenst des Lehrermangels die Seele seiner Zuhörer zu packen versteht. Der Erfolg ist die. auf Antrag des Berichterstatters über den Haushaltsplan, Herrn Ludwig Rosenzweig (Nürnberg), mit Hurrabeisall einstimmig erfolgte Bewilligung einer Anleihe im Betrage einer halben M i l l i o n Mark für die Zwecke des Verbandes. Das ist neben den ideellen Anregungen und Wirkungen die Großtat, die der Verband auf seiner ersten Tagung geleistet hat. Zeitgemäß beginnt er seine Tätigkeit mit Schuldenmachen, aber positive Arbeit ist geleistet und die materielle Grundlage seines Wirkens gesichert. Sonst wäre noch die Ansprache des Herrn Professor Kali sch er aus Berlin zu erwähnen, der die'Idee der Einheit Gesamtisraels betont und . aus jüdisch fühlendem Herzen Wärme strahlt in die Herzen der Versammlung. Leider ist es trotzdem infolge des überwiegenden Einflusses der Orthodoxie zu einem erklärten Anschluß an die Gesamtorganisation noch nicht gekommen. Zusammenfassend darf man sonach mit hoher Befriedigung feststellen, daß die denkwürdige Tagung, wenn auch Gegensätze der Richtungen und Standesvertretungen sich nicht vertuschen ließen und wenn auch bei Berührung der Ausländersrage die Parteiwogen drohend sich erhoben; dank der diplomatischen Geschicklichkeit des Mannes, den man als den B ü l o w unseres jungen Parlaments bezeichnen kann, durch keinen ernsten Mißton gestört wurde. Mit Recht konnte der verehrungswürdige Versammlungsleiter am Schlüsse der Tagung ausrufen: Das Kind lebt und hat seine Lebensfähigkeit erwiesen. Daß es wachsen und gedeihen möge, das ist der Wunsch, den wir ihm auf seine zukünftige Laufbahn mitgeben. A. Eckstein. Lin Beitrag?ur Schulkrage Von I. Basch (Berlin). ine Frage, die seit Jahrzehnten mit unvermindertem Interesse die Organe der Staats-, Kommunal- und Kirchenverwaltungen beschäftigt und noch immer ihrer endgültigen Lösung harrt, nämlich „konfessionelle oder paritätische Schule", hat neuerdings führende Geister in dieser Bewegung auf den Kainpfplan gerufen. Die offizielle Stellungnahme zu diesem Problem hat in den verschiedenen Zeitläuften je nach politischen, wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Einflüssen geschwankt, während die vox populi unentwegt zugunsten der Konfessionsschule als des bedeutsameren Erziehungsfaktors entschied. Die neuzeitliche Umwertung der mannigfachsten Kulturgüter hat auch die heißumstrittene Frage wieder aufleben lassen und namentlich in den Gemeindeparlamenten zu einer hellodernden Brandfackel entfacht. Heftig wogt das Wortgeplänkel zwischen den Parteien, mehr oder minder lebenswahre und auch weltfremde Argumente werden von den .Fraktionsrednern temperamentvoll ins Feld geführt, und das Redeturnier endet in üblicher Weise: Freund und Feind haben ihr wohlausgerüstetes Arsenal von Gründen und Gegengründen erschöpft, ohne sich gegenseitig zu überzeugen, ja, ohne Aussicht, jemals zu einem positiven Ergebnis zu gelangen, und doch handelt es sich um einen Kulturfaktor in des Wortes edelster Bedeutung, um eine Frage von eminenter Wichtigkeit, deren Erledigung keinen Aufschub duldet, wenn die Jugend an der Harmonie des Seelenlebens nicht unheilbaren Schaden erleiden soll. Analog der Verschmelzungstheorie des jüdischen Liberalismus im engeren Sinne versuchte auch die deutsche Politik der letzten Jahrzehnte, den nationalen Einheitsgedanken in intensivster Weise bei den fvemdstämmischen Volksteilen an der Peripherie des Reiches zu verankern. Da die Schule naturgemäß mit Hilfe des ethischen Unterrichtsmaterials und anderer erziehlichen Maßnahmen als Hauptstütze der staatlichen Bestrebungen in Frage kam, mußte die Schulaufsichtsbehörde in eine sorgfältige Prüfung der Organisationsfrage eintreten, und sie entschied sich für Gründung von paritätischen Schulen, da diese als geeignetste Ausgleichsstätte erschien, die den schon im Kindesalter genährten Traum von nationaler Wiedergeburt des eigenen Stammes durch deutschen Geist, deutsches Denken und Fühlen ersetzen sollte. Ein festgefügtes junges Deutschland schien im Osten als Resultat friedlichen Schaffens und Wirkens aus den Trümmern einer slawischen Weltanschauung zu erstehen. Und die Probe auf das Exempel? Gleich der erste Gewittersturm, der am 27. Dezember 1918 über die wertvolle Kulturerrungenschaft hinwegbrauste, fegte den gigantischen nationalen Bau wie ein Kartenhaus hinweg, und nur die auf den Straßen liegenden Ueberreste deutscher Lehrbücher bildeten die traurigen Wahrzeichen einer deutschen Vergangenheit. Dieses nationale Ereignis voll erschütternder Tragik sollte doch der liberalen Gruppe Veranlassung bieten, ihre bisherigen Ansichten von gegenseitigem Kennenlernen und Verstehen, gegenseitiger Duldung und Wertschätzung als Ergebnis der paritätischen Schule einer gründlichen Revision zu unterziehen. Sittliche Ideale, auch die über den biblischen Altruismus hinausgehenden Imperative des Transpersonalismus, sind leicht zu verwirklichen, wenn der Sämann einen vom Haupterziehungsfaktor, der Familie, wohlvorbereiteten Nährboden findet, auf den der Feind aber nicht Unkraut unter den Samen streuen darf. Ein gegenseitiges Verstehen ist da unmöglich, wo eine Partei sich nicht belehren lassen will, wo gewissenlose Verführer das Gift des Hasses und der Verleumdung in die jugendlichen Seelen träufeln, ohne zu bedenken, daß sich im Sumpf kein edles Gewächs entfalten kann. Häufig fällt infolge rüpelhaften Benehmens nicht bloß der Mitschüler ein Rauhreif in das zartbesaitete kindliche Gemüt und die düsteren Wolkenschatten wollen dem lachenden Sonnenschein nicht mehr ungehindert Zutritt gewähren. Was kann angesichts solcher Nöte eine schüchterne Beschwerde bei dem Lehrer seines Glaubens helfen? Dessen Autorität wird, wie der kindlich vorwurfsvolle Blick deullich bekundet, immer mehr erschüttert, da es ihm nicht gelingt, die bösen Geister zu bannen. Aber selbst da, wo ein harmonisches Verhältnis in der Schule herrscht und Bande der Freundschaft die jugendlichen Kreise umschlingen, bietet ein Jugendtraum noch keine Gewähr für die spätere Gesinnung des Mannes; denn der Charakter entwickelt sich bekanntlich erst im Strom der Welt. Von der paritätischen Schule kann man kühn behaupten: sie ist bei antisemitischem Geist der'Mitschüler schädlich und bei vorurteilsloser Gesinnung der Jugend o h n e Nutzen. Nun darf aber der Traum der Verschmelzungstheorie trotz der Zähigkeit ihrer Anhänger nicht ein ewiger Hemmschuh für die Entwicklung der Schule bleiben; die chaotisch wallenden Nebelmassen grauer Theorien müssen sich zu greifbaren Kernen verdichten, damit die religiöse Zukunft nicht ebenso wie die nationale im Wasser liege. Die Schule der Neuzeit kann nicht einem unerreichbaren Phantom nachjagen, wenn sie ihrer hohen Aufgabe, die Keime des religiösen Lebens zur höchsten Entfaltung zu bringen, gerecht werden soll. Die Kinder sollen u. a. gesinnungstüchtige, treue, aufrechte Mitglieder ihrer religiösen Gemeinschaft werden, nicht Anhänger eines verwaschenen, verblaßten Judentums, sondern der opferwillige, zielbewußte Geist desselben muß fie. erfüllen und sie durch das ganze Leben hindurch geleiten. Die felsenfeste Ueberzeugung muß der Jugend übermittelt werden, daß nur im Judentum die starken Wurzeln