Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1921)
- Date
- 1921-07-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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85. Jahrgang. Nt. 14 Berlin, 8. Jul! 1921 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 XTL — Postscheckkonto 32h. Begründet von Nsddiner De. Ludwig Pbilippfon Vertag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46*49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. ffnttAlt* Die Tagung des baherisch'en Israelitischen Gemeindever- Z1444JU4L» Landes. Von A. Eckstein. — Ein Beitrag zur Schulsrage. Von I. Basch (Berlin). — Wochenschau. — Feli-x Liedermann. zu seinem 7-0. Geburtstage (mit Bild). — Tie Juden in der Sommerfrische. Don Fa bims Scha ch. — Jüdische Elemente im italienischen Parlament (1. Forts.). Von Professor Dr. E r m a n n o Loev rn - ton. (Rom). — Nom einmal zur „Fahrzeit". Von S. Feist. — Feuilleton: Frau Hanna Maier. Don A n.n a G o l d s ch m i d t. (5. Forts.). — L i t e r a r i s ch e M i t t e i l u n q e n. Der Gemeindebote (Beilage Zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Königsberg i. Pr., Waldenburg! i. Schl., Breslau, Leipzig/ Hamburg, Dortmund. Hannover, Frankfurt a. M., Karlsruhe. — Von Nah und Fern. Die Tagung des bayerischen Ilrselitilchen Grmeinbeoerbsnbes. er in der Abendstunde des 19. Juni der Erösfnuttgsszene dieser Tagung beiwohnte, welche in einem Saale der ehemaligen Reichsstadt Nürnberg eine geistige Auslese des bayerischen Judentums aller Schattierungen zur Gemeinschaft des Bewußtseins vereinigte, der hatte den eerhebenden Eindruck, daß er Zeuge war eines Ereignisses von geschichtlicher Bedeutung und voraussichtlich zukunftverheißenden Folgen, der sprach still im Herzen das „schehechejonu", den Segensspruch, mit welchem wir seit uralten Zeiten jedes neue Erlebnis und jede neue Feststunde grüßen. Die Tagung in dieser Zusammensetzung ihrer Teilnehmer und zu diesem Zwecke des überparteiischen Zusammenschlusses in einer Zeit der Parteizerklüstung und Sprachenverwirrung war in der Tat ein Neues, Nochnichtdagewesenes, darum von aufrichtender Wirkung. Zwar das Auge, das über die Versammlung von etwa 80 Abgeordneten hinblickte, bemerkte zunächst eine Dreiteilung von Gruppen, die an mehreren Lä stafeln sich niedergelassen hatten: auf der rechten Seite da Tafel der temperamentvollen Volksparteiler und auf der linken Seite des Hauses die beiden Tafeln der numerisch den anderen Parteien überlegenen Freisinnigen, zwischen ihnen das jüdische Zentrum, das die mehr oder weniger Getreuen der gesetzlichen Richtung umfaßt. An einer Quertafel die 18 Männer des „Rats'", der an den Bundesrat im ehemaligen Reichsparlament erinnerte, oben äber auf der Bühne, wo das j Rednerpult sich erhob, das aus allen Parteien nach ihrem i Zahlenverhältnis zusammengesetzte.Präsidium, an dessen Spitze j der Oberlandesgerichtsrat Professor Dr. S i l b e r s ch m i d t,! der die Verhandlungen mit überlegener Ruhe und Sachlich-! keit leitete. Die Parteitafeln aber trotz ihrer Getrenntheit dennoch unsichtbar verbunden durch den gemeinsamen Willen! zum Judentum, und der Grundton aller feierlichen Er- J öffnungsredner war auf das Wort des Glockenliedes abgestimmt:.. „Friede sei ihr erst Geläute!" Den ersten WillkommenSgruß »namens. der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg bot Herr Geheimer.Justizrat I Dr. Held, der nach einem geschichtlichen Rückblick aus die I Verhältnisse, die zur Entstehung des Verbandes gesübrt haben, j der Versammlung die Worte zurief: Die neuen Formen sollen i einen neuen Inhalt erhalten und der Geist ist es, der sich den! Körper erbauen muß. Ihm folgte Herr Rabbiner '■ Dr. Freuden th a l, der den gsnius loei anruft, indem er an die Junitage des Jahres 1499 erinnert, in welchen die Juden von Nürnberg als Verbannte zum Wanderstabe greisen mußten, und den Veränderer der Zeiten preist, der in diesen neuen Junitagen in derselben Stadt den Nachkommen der einst Verbannten eine neue Verheißung aufgehen läßt, in deren Lichte die Rabbiner als Träger des religiösen Geistes mit den Vertretern der neuzeitlich demokratisierten Gemeinden zu gemeinsamer Arbeit für das Judentum sich zusammensinden. Die Fahne des Judentums erhob dann mit lautem und begeisterndem Zuruf im Namen der bayerischen Rabbinerkonferenz Herr Rabbiner Dr. Mayer (Regensburg). Dr. Jsmar Freund überbrachte die Wünsche deS Gemeindebundes und als Abgesandter des badischen Oberrats Rechtsanwalt Mark- Den Höhepunkt der Stimmung aber erreichte und bewirkte Herr Oberlandesgerichtsrat Dr. Neumayer, der Schöpfer des Verbandes und der unermüdliche Leiter der Vorarbeiten, durch seinen Bericht, aus welchem die überaus . erfreuliche Tatsache hervorgehoben sei, daß bereits nicht weniger als 264 Gemeinden 99 Prozent der Gesam'tgemeinden ihren Beitritt zum Verbände erklärt haben und nur noch 18 Kleingemeinden draußen . geblieben sind. . Die Fühlung mit den Herzen gewinnt der Redner durch die Erklärung, daß der Gedanke des Verbandes hervorgegangen sei einerseits aus der Not der Zeiten, die im Feuer der! Prüfung den Ring der Vereinigung aller Glaubensgenossen zu einer Familie geschmiedet hat, und anderseits aus der Gunst der Zeiten, welche aus den nach dem Umsturz auf sich selbst gestellten Gemeinden alle freien Krücke zur Betätigung und Entfaltung entbunden hat. Trotz aller erfahrenen Kränkungen und Bitternisse hoffen wir der Zeit entgegen, in welcher die Seele des deutschen Volkes in ihrer Reinheit auferstehen wird. Die Judenheit wird an des deutschen Volkes Geschicken tätigen Anteil nehmen in den Tagen seines Elends wie ehemals in den Zeiten feines Aufstiegs. Wir glauben aber auch als Juden an unsere Kraft und unseren Genius und schöpfen aus diesem Glauben den Willen zur Gestaltung unserer Zukunft. Nüchterner war naturgemäß der Verlauf der Haupttagung am 20. Juni, die mit Berichten und Vorträgen über die verschiedenen Gegenstände der allzu reich besetzten Tagesordnung und dem sich nachmittags anschließenden Meinungsaustausch ausgesüllt war. Aus denselben sei der hervorragende Vortrag des Herrn Lehrer D i n g f e l d e r. (München) hervorgehoben, der unter Zugrundelegung einer statistischen Uebersicht ein ergreifendes Bild von der Notlage der land-