Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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oi'it A bis gehalten werden. Der Li-bera-lrsnnls finxm diesen Standpunkt nicht teilen. Das Gesetz der Entlmcklnng dürfe auch vor religiösen Anscl/annng-en nicht hat n-.achen, nur lo-as die Vernunft des Aken scheu nach reiflicher Prüfung als richtig anerkenne, dürfe heute für uns maßgebend sein. Lehre und Leben müßten in Einklang gebracht roerden, der Entlvicktnngsgedanke sei übrigens nichts Neues, sondern gehe schon bis auf E.sr-a zurück, Für die Frage, lvie wir nufere Binder, zu liberalen Juden erziehen 'sollen, sei es vor allein nötig, sich darüber klar zu werden, daß die Begriffe „liberal" und „indifferent" nicht etwa identisch seien, wie es die Orthodoxen hinzustellen versuchen. Die Liberalen nrüssen zeigen, daß sie -auch Positive Ziele haben. Zn dem, was sich-mit der Vernunft in Einklang bringen lasse, gehöre in erster Reihe die H-eiligbaltnng des Sabbats, zmn mindesten des Freitagabends und der^'Festtage: das Ehauukaf-est utid nicht das Weihnachtsfest solle gefeiert lo-erden. Jeder jüdische Knabe und jedes jüdische Mädchen müsse eingesegnet werde-n, fast noch lvichtig-er als die Einsegnung selbst sei aber die ein- bis zweijährige Vorbereitung hierzu. Der Religionsunterricht sei verbesserniigsbedürftin,, die Stelle eines Veligionsschnsinspektors müsse geschaffen werden. Der Gottesdienst, besonders am Freitagabend, tN'üsse urehr von der?'naend besucht werden, in den Serien sollten die Kinder auch am Sabbat zur Shnagoge gehen, der Gottesdienst müsse aber liberal ansgestaltet, mehr deutsche Gebete eingesührt werden. Die jüdischen Lesehallen sollten nuehr benutzt werden. Die Jugendvereine sollten den Grundstock des Liberalismus bilden. - - Der zweite Referent erklärte die Erziehung der Kinder zu liberalen Juden für die Hauptaufgabe des Liberalismus. Der Berliner Ali stehe zwar uicht der Zahl nach, wohl aber nach Art seiner Betätigung auf der Höhe: er bemühe sich, das Verständnis für das religiöse Leben und für den Liberalismus zu fördern: ihm. dem Referenten habe dies in 'seiner Jugend gefehlt. Das Wichtigste bei der Juaeuderziehung sei das, ums die Kinder zu Hause sehen, üe müssen mit Liebe zu den alten Einrichtungen erfüllt werden. Der Liberalismus fordere die Jugend auf zum Kampf gegen Gleichgültigkeit und Dause, der Liberalismus wolle nicht zerstören, sondern aufbaneu auf der Grundlage, die er für gut erkannt bade: die Erziehung zmn Liberalismus sei uicht nur Aufgabe des Hauses und der Laien, sondern vor allem der Rabbiner und Lehrer, welche die Jugend mit den Idealen des liberalen Judentums erfüllen willen. An die Vorträge schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Besonders bemerkenswert waren die Ausführungen des Herrn Dr. H o chfeld. Der Zionismus übe hauptsächlich deshalb eine so große Anziehungskraft auf die Jugend ans. weil er mehr Politische als geistige Ziele verfolge, weil er Unmögliches wolle, in gleicher Weise wie die erlremen Politischen Parteien, die auch so verlockend auf die Jugend wirken. Orthodorie und Zionismusbefänden sich ferner heute gleichsam in der Offensive, der Liberalismus in der Defensive, die Offensive gebe aber Schwung, der Liberalismus leide unter einer gewissen Sattheit, in seiner Stärke liege zugleich seine Schwäche, Orthodvrie und Zionismus treiben schon in der Schule Agitation, mit der skrupellosen Art ihrer Agitation: küme der Liberalismus nicht mit, aber agitieren müsse er auch. Das Judentum sei keine Sammlung von starren Lehren und Grundsätzen, sondern etwas historisch Gewordenes, das in Fluß sei. Herzensfrömm'igkeit fei wertvoller als die religiösen Formen, diese seien aber uicht etwa überflüssig oder wertlos, sie spielen auch für den Liberalismus eine Rolle, sie seien Ausdrncksmittet fü-r das religiöse Leben, seien Stütze, aber uicht Fessel. Eine verständige Pflege der Formen solle auch von den liberalen Juden geübt werden. Königsberg i. Pr., 17. Juni. Seit einem halben Jahrhundert bestand in hiesiger Stadt neben der Synagogengemeiude die Religionsgesellschast Adnß Jisrvel. Sie hatte sich im Laufe der Jahre alle für eine orthodoxe Religionsgemeinschaft notwendigen Justitutivueu geschaffen. Der Wunsch nach Wiedervereinigung mit der Hauptgemeinde blieb viele Jahre ein Ideal. Man kann es daher als ein Ereignis von weittragender Bedeutung bezeichnen, daß es den beiderseitigen Bemühungen nach schwierigen, aber im Geiste der Versöhnung geführten Verhandlungen in den letzten Wochen gelungen ist, den Frieden nnederherzustellen. Die Adaß Jisroel geht in der Shnagogengemeinde auf. Ihre Institutionen gehen auf die Synagvgeitgemeiüde über. Es fiiib von der Gemeinde alle mir denkbaren Vorkehrungen getroffen,, daß auch der strengsten Observanz Genüge geleistet wird. Tie Königsberger Shnagogengemeinde d-ars daher mit berechtigtem Stolze es aussprechen, daß nur. eine jüdische Gemeinde am hiesigen Orte ist, der die Juden aller Richtungen an gehören. Stettin, 17. Juni. Was sich deutschnational-e Leser -alles bieten lassen, zeigt ein Bericht in dem offiziellen Parteiorgan der Dentschuatioualen Pommerns in der,,Pommersehen Tagespost". Dort wird in einem Eriunerungsartikel an die Skagerrakschlacht festgestellt, daß diese Schlacht „ein jüdisches Börsenmanöver" gewesen sei! Diese Entdeckung hat ein Herr Egon Hundelker gemacht, dessen Name doch der Nachwelt hiermit erhalten sei. Er begründet seine Ausfassung damit, daß das „internationale Finanzjudeuknm" schon 1910 „beschlossen" hätte, durch eine englische Niederlage zur See die hohen englischen Kurse zu drücken und die niedrigen deutschen zu heben. Tie em-glische Negierung hätte „ihre Einwilligung in die Niederlage" gegeben, nachdem ihr -klargemacht worden -war, daß sie dabei in wenigen Tagen 54 Millionen Pfund Sterling, also rund eine Milliarde Goldmark, gewinne. Churchill habe sich durch mehrere Trinkgelder a 500 Pfund Sterling gewinnen lassen. Die Engländer hätten sich daun am Skagerrak „ein wenig schlagen lassen"; die englische Regiernu'g hätte einige pessimistische Schitachtbe richte herausgegeben und die große Börsenspekulation sei geglückt! Herr Hundelker versichert wiederholt ausdrücklich, baß an diesem Hergang nicht der geringste Zweifel sei! - Wir wären doch neugierig, den Geisteszustand jener Pommerschen Dentschnationalen Eeuuenzule-rnen. die diesen Blödsinn gelesen haben! Die Hitze scheint in Pommern ganz besonders groß zu sein. Hamburg, im Juni. Ans Einladung der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde, Hamburg, hielt Landesrabbiner Dr» Ri eg er (Brannschweig) im stark besetzten Saal des Museums für Völkerkunde einen Vortrag über den Anteil dev deutschen Inden an der Geschieht' der deutschen Sitte und Sprache, der eine wertvolle Ergänzung eines von Dr. Rieger im Oktober vorigen Jahres hier gehaltenen Vortrags über das Heimatsrecht der deutschen Juden bot, in dem er auf die geschichtlich nachgewiesene Tatsache hingewiesen hatte, daß die Inden bereits seit J600 Jahren in Deutschland in organisierten Gemeinden gelebt und seitdem .am kulturellen Leben des deutschen Volkes den ernstesten Anteil genommen haben. In seinein weiteren Vortrag führte der Redner aus: Der geschichtliche Nachweis ist erbracht worden, daß die jüdischen Deutschen seit einem Volten Jahrtausend in der deutschen Muttersprache gedacht und gedichtet und an der Entfaltung der deutschen Sprache tätigen Anteil genommen haben. Das Hebräische, das neben der deutschen Atutte-rspräche von ihnen gepflegt wurde, trug den Charakter einer Kirchen- und Gelehrtensprache, während das Deutsche bei ihnen seit et.ne.llr Jahrtanlend durchaus als Mnttcrsprache bezeichnet werden darf. Schon die Namengebung der Kinder bei den Juden in Deutschland zeigt, daß eigentlich so gut wie alle in Deutschland gebräuchlichen Eigennamen bei ihnen üblich waren. Die hebräischen Namen wurden durch Anpassung dein deutschen Sprachgeist so angeä'hnelt, daß sie nicht mehr als fremd empfunden werden konnten, ein Borgang, der sich auch bei der christlichen Bevölkerung Nachweisen läßt. Solche biblischen Namen, wie Hanna, Mirjam, Elischewa erhielten die Form Anna, Marin, Lisbeth. Besonders aber zeigt sich die Anteilnahme an der deutschen Sprache in den zahlreichen Ue-bertragungen der Gebete und der biblischen Texte in die deutsche Landessprache. Deutsche Gebetnmdichtungen erscheinen sogar in der deutschen Fastnachtsdichtung, z. B. bei Hans Falz Ballst rer. Sehr bald aber gewinnen die Juden eine derartige Gewandtheit in der Behandlung ihrer Muttersprache, daß sie ganze Werke der althebräischen Literatur in oft geradezu ausgezeichnete Umdichtungen übertrugen. Ein vorzügliches Beispiel solcher dichterischen Leistungen bietet die in einer Handschrift der Hamburger Stadtbibliothek erhaltene Uebertragung der Samuelbücher in deutschen Nibelungenstrophen, deren Verfasser Lima (Löwe) von Regensbnrg, zu den besten deutschen Dichtern des 14. Jahrhunderts gezählt lverden darf. Fast alle Bibelbücher erscheinen bald in gleichem poetischen Gewände in deutscher Sprache, entweder in der beliebten Nibelimgenstrophe oder in Oüava rima (Achtgesetz). Aber auch selbständige Werke in deutscher Sprache erscheinen sehr früh. Unter ihnen ist eine Reihe von Moralschriften, das Buch von der Zucht des Simeon den Jehnda und das Gürtlein des Jsaac von Worms besonders zu rühmen. Unter den selbständigen jüdischen Dichtern verdient allerdings den ersten Platz der Milmesäuger Süßtind von Trimberg, dessen Lieder zu den