Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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SS. Jahrgang. Nr. 13 Berlin, 24. Juni 1921 Der Gemetndevore. Vellage zur „Allgemeinen Teilung deF Judentums. Sorrrspondrn?rn und Jachrichtm. Drutschlsnd. ■§£2 Berlin, 21. Juni. In der kürzlich stattgehabten Hauptversammlung der Zentrale fürprivateFürsorge,Berlin, die in Anwesenheit von Vertretern von Staats- und Kommunalbehörden unter Vorsitz von Dr. Albert Levy stattfand, erstattete der Geschäftsführer Paul Frank den Tätigkeitsbericht über die in den drei letzten Jahren geleistete Wohlfahrtsarbeit in der Kriegsbeschädigten-, Kriegsgefangenen-, Flüchtlings-, Mittelstands- und allgemeinen Familienfürsorge. Das Schwergewicht der Arbeit liegt in der Familienfürsorge, welche in Gestalt einer umfassenden, alle Hilssmöglichkeiten in Anspruch nehmenden und mit allen Wohlsahrtseinrichtungen zusammen arbeitenden planmäßigen und ausb-au enden Fürsorgeaktion geschieht. In der Kriegsb e s ch ä d i g t e n f ü r s o r g e hatte sich die Zentrale mit rund 5000 Kriegsbeschädigten und deren Familien zu beschäftigen. Die Tätigkeit auf dem Gebiete der Kriegsgefangenensürsorge erfolgte im Aufträge der amtlichen Kriegsgefangenenheimkehr. Die Flüchtlingssürsorge / die ebenfalls im Aufträge der amtlichen Stellen ausgeübt wird, nimmt Zurzeit einen sehr wesentlichen Umfang ein. Vom Februar 1919 bis Oktober 1920 waren rund 1400 Familien Zu betreuen. Die Mittel st andsf ü r s o r g e erfordert ein ganz besonders individualisiertes Eingehen. Bei der a l l g e m e i n e n Fürsorge hat die Zentrale gegen die durchaus unberechtigte Stimmung des Publikums anzukümpfen, daß unter den veränderten Politischen Verhältnissen eine Unterstützung und Förderung der Arbeiterkreise nicht mehr notwendig ist. Das Archiv für Wohlfahrtspflege verfügt überein 4000 Bände starkes Aktenmaterial über die hiesigen Wohlfahrtseinrichtungen, eine methodisch geordnete Sammlung aller Sozialgesetze und Verordnungen, eine größere Anzahl von Kartothekenmber Wohlfahrtsämter, Stifte, Horte usw. und ist mit der Neuauflage seines bekannten A u s k u n f t s b u ch e s, welches nunmehr die Wohlfahrtseinrichtungen von Groß-Berlin umfassen wird, beschäftigt. Das Archiv wird in ständig steigendem Umfange von Behörden, Vereinen, Firmen und Privatpersonen in Anspruch genommen. Die Mitarbeiterschaft der Zentrale besteht Zurzeit aus 80 besoldeten und 100 bis 150 ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen. Der Vorsitzende, Dr. Albert Levy,- gab dem Bedauern Ausdruck, daß die Zahl der freiwilligen Mitarbeiterschaft trotz des Anwachsens der Notstände so stark zurückgegangen ist. Frau S.-Wronskh, die stellvertretende Vorsitzende der Zentrale, sprach über die Neugestaltung der Wohlfahrtspflege in Groß-Berlin. In der Entwicklung der Wohlfahrtspflege muß man Entwicklungsgesetze erkennen, die in den vorigen Jahrzehnten die vorbereitenden Kräfte gelöst und in bezug auf die Ausbildung der pflegerischen Methode, die Erziehung der Menschen Zum sozialen Beruf und die Schaffung wichtiger sozialer Gesetze der Wohlfahrtspflege Werkzeuge, Gestalt und Formen geschaffen haben. Die Entwicklungswege im neuen Berlin weisen auf die einheitliche Gestaltung eines großen Wohlfahrtsamtes hin, das nicht nur eine organisatorische Errungenschaft sein dürfe, sondern die Bedeutung der Erfüllung all der neuen Aufgaben haben soll, die aus der neuen Zeit erwachsen, lieber Berufs- und A r b e i t s e t h i k als Voraussetzung der Wohlfahrtspflege sprach Dr: Bruno R a u - ecker (München). Die Herstellung der seelischen Beziehungen des Arbeiters zu seiner Arbeit ist die wichtigste Ausgabe der gegenwärtigen sozialpolitischen Reformbestrebungen. Die Herstellung könne auf dem Wege der Arbeits- und Berufserziehung (Arbeitsschulung), auch auf dem Wege des individualisierten Arbeitsnachweises und seiner differenzierten Berufsberatung erfolgen und wertvoll ergänzt werden durch die Wohlfahrtspflege::, die die Möglichkeit haben, dem Jugendlichen, aber auch dem bereits Erwachsenen Zu jener bestimmten Arbeit Zu raten, die seiner Charakteranlage und seiner Befähigung entspreche. Der Beruf sei der Kernpunkt, mu den sich das übrige gesamte Leben zu kristallisieren hat. Zum Schluß streifte der Redner auch noch die Frauenarbeit, die sich der Natürlichen Anlage der Frau entsprechend, im wesentlichen naturgemäß aus häusliche, mütterliche und kaufmännische Beschäftigung erstrecke, während die Tätigkeit der Frau in der Industrie eine für die Frauenpshche nicht durchweg geeignete sei, weil die Arbeitsverteilung die Verödung des Arbeitsprozesses zur Folge habe.. Diese Entseelung aber laste aus der Frau im allgemeinen mehr als auf dem Mann. E. M. Berlin, 21. Juni. Der Fürsorgeverein für hilflose jüdische Kinder unterhält, wie bekannt, in Niederschönhausen ein Säuglingsheim, dessen Einrichtungen allen AnfoMerungen der modernen Kinderhygiene entsprechen. Das abgelaufene Geschäftsjahr hat an den Verein außerordentliche Forderungen gestellt.' Die Belegungsziffer von 77 Kindern stellt die größte Zahl feit dem Bestehen des Vereins dar. Von den 77 Kindern waren 32 ehelich, - 45 unehelich geboren; sechs Kinder fanden mit ihren Müttern Aufnahme. Neuerdings werden dein Heim ' -auch die dem städtischen Jugendamt unterstehenden jüdischen Säuglinge überwiesen. Die Organisation des Heims ist eine sehr zweckmäßige. Für je sechs Kinder ist eine geprüfte Pflegerin vorhanden: ein erfahrener Kinderarzt regelt und beaufsichtigt die für jedes Kind angemessene Ernährung. Der Etat des Vereins ist den Zeitverhältnissen entsprechend stark angewachsen. Die Beköstigung der kleinen Schützlinge erforderte 56 000 Mark, für die Heizung wurden 25 000 Mark, ftir die Gehälter des Personals 20 000 Mark lausgegeben. Die Pflegekosten betrugen pro Kind und Tag 10,50 Mark. Die sorgfältige Pflege und die Behütung der kleinen Pfleglinge hat dem Verein Zahlreiche Freunde geschaffen. Die Organisation verdient in der Tat die Unterstützung eines jeden Freundes der jüdischen Jugend. Berlin, 21. Juni. Die von dem verstorbenen Geheimen Medi- Zinalrat Dr. Joseph Meyer testamentarisch begründete Julius- Adelheid-Stiftung fyat für das Kalenderjahr 1922 ein Stipendium im Betrage von 240 Mark an einen talentvollen, würdigen und bedürftigen. Studierenden des Baufaches jüdischen Glaubens zu vergeben. Geeignete Bewerber wollen ihre Gesuche unter Beifügung eines kurzen Lebenslaufs, einer Urkunde, daß Bewerber jüdischen Glaubens ist, eines Führungsattestes von der Technischen Hochschule und eines Zeugnisses über Fleiß und Fortschritte während des Studiums. dem Kuratorium der Julius-Adelheid-Stiftuug zu Händen des Professors Dr. Kalischer, W15, Konstauzer Straße 1, bis zum 15 Juli einreichen. H. W. Berlin, 21. Juni. Der Verein Israelitischer Lehrer der Ostseeprovinzen (Posen, Westpreußen), der eine lange Reihe von Jahren bestand, mußte auch, den Politischen Zeitverhältnissen Rechnung tragend, sich auflösen. Zu ihm zählten fast alle Lehrler an öffentlichen Volksschulen beider Provinzen. Durch die Auflösung dieser Schulen sinddie Lehrer stellenlos geworden. Die Kinder sind unter vielen Schwierigkeiten den Schulsozietäten anderer Konfessionen zugeteilt und meist ohne Religionsunterricht. Was soll aus dieser Jugend werden? Der größte Teil der jüdischen stellenlosen Lehrer ist nach Berlin übergesiedelt. Es sind beinahe dreißig. Nur einer, Herr Lehrer Brzcziuski, hat Anstellung an einer städtischen Schule gefunden. Es wäre sehr erwünscht, wenn die so lange zusammengehörigen jüdischen Lehrer sich wieder vereinen würden. A. C. Chavlottenburg, 21. Juni. In einer Versauunlung/der Bezirksgruppe Charlottenburg des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde" sprachen die Herren Zahnarzt Lipschitz und Justizrat Plonsker über das Thema „Wie erziehen wir unsere Kinder zu liberalen Juden?". Herr Lipschitz führte einleitend aus, daß in Berlin vor etwa 30 Jahren zwei Neligionsschulen vorhanden waren, die aber viel weniger Schüler hatten, als sie hätten ausnehmen können. Allmählich regte sich das religiöse Leben wieder mehr, zum Teil veranlaßt durch die Gründung des Zentralvereins und des liberalen Vereins. Die Zionisten verstanden es aber besser, die Jugend durch Vorspiegelung phantastischer Ziele zu sich heranzuziehen; der liberale Verein sei zu spät an die Gründung von Jugendvereinen her an gegangen. Die Orthodoxie fasse die fünf Bücher Moses als göttliche Offenbarung auf, die Bibel und die späteren Schriften bis zum Schulchan Aruch müßten als göttliche Vorschriften