Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- Seite 153 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Lied des Akhemlss. Von S. A f ch n e r. Und doch! Und doch! Wir üau'u die Stadt, Mag's Edv-m auch nicht wollen. Mag Tobias und Samballat Auch tückisch uns umgrollen. Wir werden nicht im Werke matt. Wir bai^n die Stadt, wir bau'n die Stadt! Und nah'n sie uns mit Spieß und Schwert, Zu brechen uns re Wälle, Die Rechte an den Säbel fährt. Die Linke faßt die Kelle. Weh dem, der unsere Mauern stört! Sie sind bewehrt! Sie sind bewehrt! Seht, wie sichs füget, Turm und Tor, Es wächst aus euren Händen Die Heimat himmelan empor, Bald wird sie sich vollenden. Stadt, hülle dich in Hochzeitsflor! Tritt, Braut, hervor! Tritt, Braut, hervor! Erstrahl' in goldnem Diadem, Erleuchtend fernste Zeiten. Von Zion wird sich, morgenschön, Des Herren Glanz verbreiten. - Die weite Erde neigt sich dem, Erlvach, du Braut Jerusalem! Frau Hanna Mater. ,5. Forts.) Von Anna G o t d s ch in i d t. re sollte ich ihm erklären, daß ich mich selber nicht begreife? Ich wußte nur, daß mir nichts auf der Welt so gleichgültig war wie eine neue Petzboa, und daß ich immcrzn an Maiers dachte - - nein, an Frau Hanna/ die sich so furchtbar, so grauenhaft verrechnet hatte. Was blieb ihr min? Darum das entsetzliche, das stündliche Opfer, au einen gebrechlichen Greis gekettet zu sein? Der Alte mußte wohl ebenso deuten, denn ich hörte, daß er rein verzweifle vor Sorge um seine Frau, deren Zukunft er so glänzend sichergestellt zu haben glaubte und die nun. dem sicheren Elend entgegenging. „Meinst du, daß ich Frau Louis Maier inäl besuchen soll?" fragte ich meinen Mann. „Denkst du, daß du da jetzt recht kommst?" fragte er zurück. „Ich will es versuchen," sagte ich. „Wenn ich nicht angenommen werde, gehe ich eben wieder." Wie mit Ketten zog es mich zu den Betroffenen. Mit den Maierfrnuen, Frau Louis und Jakobs erster Frau, hatte ich immer in losem Verkehr, der sich so auf einen Pflichtbesuch jährlich beschränkte, gestanden. Frau Hanna hatte mich nicht der Ehre gewürdigt, von ihr aufgesucht zu werden. „Das läßt ihr Hochmut nicht zu," hatte ich damals gesagt, als ich mit fieberhafter Spannung gewartet hatte, ob Jakob Maier mit seiner zweiten Frau bei uns Besuch machen würde. Wie lvar das alles nun? Frau Lollis wollte ich gern zeigen, wie mau sie achtet, auch rein persönlich, nachdem Glanz und Ansehen des Hanfes geschwunden war. Beklommen ging ich hin. Als ich auf den Knopf der elektischen Klingel gedrückt hatte und wartete, lvar es mir, als höre ich mein Herz klopfen. Und gleich empfand ich peinlichstdaß ich sehr störend kam. Ich fühlte Ratlosigkeit da hinter der .Tür drinnen, hörte eiliges Befehlen und Widerrufen und Hinnrob Hertasten von Schritten. Dem Mädchen, das mir öffnete, merkte inan erst recht an, daß sie nicht wußte, ob sie ja oder nein sagen solle. Frau Amaliens magere Gestalt, in einem saloppen Morgenrock, huschte wie in angstvoller Flucht von einer Tür über den Korridor in das gegenüberliegende Zimmer., was das Bild allgemeiner Verwirrung darin noch vervollständigte. Nur wie emien Schatten hatte, ich sie dahinfliegen sehen, aber jetzt glaubte ich beinahe den Leuten, was sie von den Austritten in ihrem Haufe erzählten. Ein Gesicht, in dem Bitterkeit irnd Gram alles Menschliche, alles Lebende verzehrt 31t haben schien; Augen, in denen keine Rücksicht, keine Schonung mehr für' irgendjemand lag, sondern nur noch todeslvunder Zorn und tiefstes Herzeleid. Ich lvar noch ganz erschüttert von dein Anblick. Aus dein Zimmer hörte ich jetzt heisere, fast weinende Worte, in vorwurfsvollem Tone gesprochen. Ich verstand sie nicht, aber ich wußte, sie galten dem Mädchen und ineinem Empfang. Ich fühlte mich sehr beschämt. Und da öffnete sich wieder die Tür., hinter der Frair Amalie so kopflos verschwunden lvar — sie hätte sich doch gar nicht vor liiir sehen zu lassen brauchen , und ihre Schwägerin trat herails. Und da war es gleich, als träte Sicherheit und Vernnnft au! die Stelle der Verworrenheit irnd stelle Mensch inrd Dinge lvieder an seinen Platz. Sie reichte mir bie Hand. „Entschuldigen Sie bitte meine Schwägerin, gnädige Frau, sie ist nicht lvohl genug, mit Gäste empfangen zu können." „Ach, gewiß, gewiß, gnädige Frau," stammelte ich. Ein abgelehnter Besucher gleicht seinem Gefühl nach einem abgewiesenen Bittsteller. Ich mußte mir gleich zum Trost sagen, daß ich es ja doch nur gut gemeint habe. Merkte Frau Hanna meine leise Verlegenheit? Sie öffnete einladend die gegenüberliegende Korridortür. „Aber, wenn Sie ein wenig bei mir nähertreten lvollen-, — ich würde mich sehr freuen." Ich fand keinen Grund zum Neinsagen und folgte ihr in bie so behaglich erleuchtete, lvohlig erwärmte Wohnung, llttb sofort umfloß mich das ganze Wohlbehageii gebiegenen, von gedanklichem Ernst beseelten Reichtums. Die Einrichtung war nicht, was man so „stilvoll" nennt. Sofa und Sessel mit ben geschweiften Lehnen waren, das sah mau trotz ihres modernen Ueberznges, ans der Zeit von Jakobs erster Verheiratung, ber schlw-ere Teppich, ber das ganze Zimmer bedeckte, schien mit ber schönen zweiten Hausfrau eingezogen zu sein. Es lvar neues Leben hinzugekommeu, aber mau sah, bie Erinnerung au altes war nicht treulos bavougejagt. Das Licht ber kostbaren Krone fiel voll auf bas lebensgroße Bildnis von Frau Henriette M-aier, das seitwärts vom Tisch auf einer Staffelei stand. Die Augen hatten den kurzsichtig scheuen Ausdruck, den all ihre Töchter von ihr geerbt hatten und den die Photographie wunderbar lebensvoll festgehalten hatte. Wie hätte ich lvohl sonst die Verstorbene bedauert: „aus all dem Behagen hier mußtest du heraus." Heute dachte ich: „lvohl dir! , Du versäumst nichts." Man denkt das so oft bei denen, die da nuten -ruhen, ein recht sprechendes Zeichen 'für die Unzilläuglichkeit menschlicher Schicksale. Ueber dem Sasa hingen zwei alte, sehe, wertvolle -Lelgemälde, die Bilder von Jakob Maiers Eltern. An der Längswand stand ein riesiger Bücherständer, der mit großen Folianten gefüllt war. Bücher schaut man sich immer gleich an, sie helfen über manche Verlegenheits- und Schwei gepaust hinweg, aber ganz verblüfft ftchr ich zurück, die weißen Schilder auf den schwarzen Einbanddecken zeigten hebräische Buchstaben. „Ja, ja, mein Alaun hat ja ein tiefes, jüdisches Wissen.," sagte die Hausfrau mit Stolz, da sie mein« Blicken folgte. Das erste Wort, das sie in ihres Mannes Hanse zn mir sprach, lvar zu seiner Ehre.