Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- Seite 152 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Wege gibt es, aber keine labsoluten Trennungsstriche Mischen den verschiedenen Arten der vielgestaltigen Kulturen. UebeMes ist uns die Zugehörigkeit zum deutschen Judentum von Staats wegen nicht genommen, unsere jüdischen Kulturinteressen sind mit tausend Fäden an die gehaltreichen . Bestrebungen der deutschen Juden gebunden, und gerade die jüdische Geschichte und Literatur ist außer im Hebräischen — Bibel- und Talmudsprachen - in fast keiner Sprache der Weltgeschichte so reichhaltig bewahrt und aufbewahrt als in der d euts chen. tfrft -5 Zehre besteht der Memeler Verein und schon hat der Tod ganz hervorragende Förderer unserer Bestrebungen abberufen, Männer, die den reichen Schatz ihres Wissens in den Dienst der Literatur gestellt hatten und in treuer Beziehung zu uns standen. Allen zuvor der geniale Begründer des Vereins Rabbiner Tr. I. R ü l s. Wie all die wichtigsten Einrichtungen der Shnagogengemeinde, Memel sein Werk sind, gründete der Altmeister auch den Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Nach kaum zwei Zähren, in hohem Alter stehend, schied Tr. Nülf nach 33 jähriger Tätigkeit ans Memel und übersiedelte nach einem Ruhesitz in Bonn. j Ter gelehrte Altmeister hat aber in knapp zwei Jahren durch seine hervorragende wirkungsvolle Erscheinung den jungen Verein so weit geschützt und gehoben, daß der zarte Sprößling einer überaus gedeihlichen Entwicklung reif wurde. In der kurzen Zeitspanne, die dem Verein vergönt war, unter der Leitung Rülss zu stehen, hielt er selbst folgende Vorträge: Eröffnungsrede; „Was wir sollen und wollen"; „Ursprung und Bedeutung der Namen: Hebräer, Israel, Jude"; „Geschichte der Juden in Memel"; „Ter Zionismus in der altjüdischen Literatur und neuzeitlichen Geschichte"; „Ter große Unbekannte (Jesaja II)"; „Die Parteiungen der heutigen Juden im Vergleich zu den drei Parteien des Altertums, den Pharisäern, Saduzüern und Essäern". Ter Literarhistoriker Tr. G u st a v K a r p e le s , der geistige Träger der Institution der jüdischen Literaturvereine, hat schon gleich unter der Aegide Rülss am 13. März 1897 seinen Vortrag: „Was haben die Juden für die Kultur der Menschheit geleistet?" hier gehalten und damit dem Verein die erforderliche Geltung innerhalb der eigenen Gemeinde verschafft. Es war uns nicht mehr möglich, der weiten Entfernung wegen, den geistigen Führer wieder hier sprechen zu hören, er ließ uns aber oft sein lebhaftes Interesse und Wohlwollen angedeihen und schätzte wohl die Qualifikation des hiesigen Vereins nicht gering ein. Am 8. Mai 1903 schreibt Karpeles nach Memel: „Sie werden doch zum Verban'dstag am 21. Mai kommen? Es wäre dies sehr nett von Ihnen und wir rechnen mit Bestimmtheit auf Sie. Es handelt sich um sehr wichtige Tinge und Ihre Anwesenheit erscheint im Interesse der Sache dringend geboten." Leider erreichte dieses Schreiben den Adressaten nuf Reisen. Am nächstfolgenden Verbnndstag, am 12. Juni 1911, war Karpeles nicht mehr unter den Lebenden. Alls diesem Verbandstage gereicht es dem Verein in Memel zur Ehre, gemeinsam mit dem größten Verein (Berlin) einen Antrag zur Annahme gebracht zu haben. Eine andere Berliner Persönlichkeit, der geistvolle Schriftsteller Bl a r A l b e r t K l a u s n e r, hatte mancherlei gemeinnützige und literarische Beziehungen zu unserer Stadt und insbesondere auch zürn Literaturverein. Seine Aeußerungen, eigen und bündig, sind sehr treffend in der Aburteilung mancher Vorträge, die der Ursprünglichkeit entbehren. Er schreibt am 25. Februar 1899: „Wenn die Herren nicht einmal den Mut haben, ihre Meinung, zu äußern, so dürfen sie sich nicht wundern, daß ihnen die andern über den Kops wachsen." Und am 27. Februar 1899: „Ich werde mich nicht dazu entschließen, über Tinge zu sprechen, über die ich ans Eigenen: nichts zn sagen weiß, (ein Ragout aus anderer Schmaus) anszuwarten. Wer danach Appetit hat, mag es sich bei den Köchen der Volksküchen bestellen." Seine hier gehaltenen Vorträge sind: (1901) „Ein verkannter Dialekt"; (1903) „Staatsrechtliche und gesetzgeberische Mißverständnisse"; (1909) „Gebräuche und Mißverständnisse". In seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der deutschen Konferenzgemeinschast. der Alliance Jsraelite Universelle schenkte Klausner im Oktober 190 7 unserer Bibliothek das wertj volle Werk „Rechtssektion des Talmuds" mit deutscher Ueberfetzung! und Erläuterung. Alls unser Dankschreiben erwidert Klausner: | „Ich mache auf Rechnung der sreuudschaftlichen Ueberschätznng die i angemessenen großen Abzüge." ' Am 15. Juli 1915 ft ml), 38 Jahre alt, geknickt in der Blüte des Lebens, unser Rabbiner. Dr. Isaak Stein, nach nur Ivjähriger Amtstätigkeit und als erster Vorsitzender des Vereins. - Folgende Vorträge hat der Verblichene im 'Literaturverein gehalten: (1905) „Eine Kulturepoche aus der jüdischen Geschichte"; (1906) „Die Grenzen des Denkens"; (1908) „Aus den ersten Tagen der spanischen Judenheit", eine uaknrphilophische Studie; (1909) „Ein Gang durch eine jüdische Bibliothek; (1910) „Maimonides"; Nachruf auf Dr. Hirsch Hildesheimer; (1911) „Aus Israels Schrifttum", „Grundlagen der Philosophie"; (1915) „Gedankenga.ng der Psalmen", eine Rede in ernster Zeit. Ter Reinertrag dieses letzten Kriegsvortrages ist für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen überwiesen worden. Ter Vereinsvorstand hat dem 'frommen lehrreichen Manne als Scheidegruß nachgerufen': „Selbst gesetzestreu, war er dennoch tolerant, die im geistigen Leben des Judentums erscheinenden modernen Anschauungen und neuen Richtungen im weiten Rahmen der Vereinstätigkeit zu dulden. Tie Bortragsserien umfaßten daher vielseitige inhaltsreiche Gebiete des Wissens und -der fortschreitenden Entwicklung." Ans Anregung Memels ist 1909 in Insterburg der Provinzialverband Ostpreußen für jüdische Geschichte und Literatur begründet worden, mit dem Zwecke, die ihm angehörenden Vereine durch gegenseitige geistige Unterstützung und Anregung in ihren jüdischkulturellen Bestrebungen zn heben, vornehmlich auf ein gemeinsames Vorgehen bei der Gewinnung von Rednern hinwirken. Nach Zwei Jahren schon ging der Sitz des Verbandes einmütig nach, Meine! über, weil der Verein in Insterburg als Mittelpunkt bedauerlicherweise einging. Gegenseitiges Entgegenkommen war der Grnndton der Verhandlungen zwischen den Vereinen. Insbesondere galt als Vorbild persönlicher Liebenswürdigkeit der einstige Verbandsvvrsitzende Geheimer Justizrat Gerichtsrat Blumen selb (Insterburg); in Work und in Schrift und in seiner regen Korrespondenz atmete eine selten seine und edle Eonrtvisie. Als der Bortragsbesuch von Geheimrat Professor Ludwig Geiger (Berlin) nicht allen ostpreußischen Vereinen gelten sollte - es hieß zuerst: Memel als der entlegenste Ort wird nusgeschalket da schreibt Blnmenfeld am 6. November 1909: „Selbstredend kann nicht davon die Rede sein, daß Memel ausscheidet. Es hat von den Vereinen der Provinz den ersten Anspruch auf den Geigerschen Vortrag, und wenn Herr Geheim rat Geiger nicht in allen Vereinen sprechen kann, dann müßte unser Jnsterburger Verein als der am wenigsten zahlende znrückkreten." Es war doch möglich geworden, den Geigerschen Bortragsturnus über alle ostpreußischen Vereine auszudehnen. In Königsberg und Memel sprach Professor Geiger über „Reuchlin", in den anderen Vereinen über andere Themen. Unlängst ist nun auch Geheimrat Blnmenfeld vvn dannen gegangen. Weitere namhafte Persönlichkeiten ans dem illusteren Kreise unserer Gäste und Gönner sind in das Reich der Schatten hinübergegangen. Als Zeichen treuer Pietät und gewissenhafter Chronik werden hiermit deren Namen und Borträge in Erinnerung gebracht: Nechtsamvalt T. Auerbach (Memel). Neligionslehrer Emil Benjamin: (1897) „Jüdische Erziehung einst und jetzt". Oberkantor Ed. Birnbaum (Königsberg): (1910) „Altjüdische Hochzeitslieder mit musikalischen Darbietungen". Rabbiner Tr. Ad. Eh r li ich (Tilsit): (1899) „Ton Abrabanel- und seine Zeit": (1906) „Was haben wir Reuchlin zu verdanken?" Rabbiner Dr. Epp enstein (Briefen), später Dozent in Berlin: (1902) „Jüdische Staatsmänner in Spanien"; (1905) „Gabirol als Dichter und Denker". Schriftsteller K a r l E in i l F r a n z o s (Berlin): (1901) Vorlesung seiner eigenen Dichtungen. Privatdozent Dr. Georg Huth (Wnsterzeitslieder mit musikalischen Darbietungen". Rabbiner Dr. Adolf K oh u t (Berlin): (1898) „Friedrich der Große und Joseph II. und ihre Beziehungen zum Judentum"; (1899) „Alexander v. Humboldt und das Judentum"; (1903) „Die namhaften jüdischen Humoristen Deutschlands in der Gegenwart". Schriftstellerin B. Leise r (Köln): (1907) „Das Kind im Judentum". Rabbiner Dr. M. O l i tz k i (Allenstein). Alphabetisch zuletzt, nicht aber der Letzte nn seres Gedenkens, der nachmalige Präsident David W o l f f s a h n (Köln) sprach am 10. November 1897: „Der Zionistenkong-reß in Basel". Bon den Gründern des Vereins haben M. CH. Maisöls, Urins Rattner und D. L. Wolfsohn das Zeitliche gesegnet. Die beiden Letztgenannten gehörten auch dem ersten Vorstande als Beisitzer au. (Schluß folgt.)