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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-06-24 · Heft 13 (24.6.1921) · p. Seite 149

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 13 (24.6.1921)
Date
1921-06-24
Page
Seite 149 (sequence 7)
Language
German
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149 und die Neue Welt durch Uebergänge miteinander zu verbinden und dadurch zu vermitteln. Mannheimer benutzte die Schätze der Haggada und gewann durch dieses jüdische Kolorit seiner Predigten die Herzen seiner Zuhörer; Sulzer war kein Opernsänger, sondern ein Vorbeter im schönsten Sinne des Wortes, der überkommene jüdische Melodien in moderne kunstgerechte Formen umprägte." Jedes Wort Jellineks ist eine Enthüllung aller Innerlichkeit und verkündet die Tiesen seiner Gefühlswelt. So auch in der Erwiderung, anläßlich seines 70. Geburtstages, die er im Festsa'ale der Israelitischen Knltnsgemeinde in Wien an den Vorstand gehalten hat. Dort wies der geistreiche Jubilar auch auf das den Saal zierende Bildnis Salzers hin und sagte: „Chor und Kantor erscheinen im modernen Gottesdienste als ein untrennbarer Begriff; der letztere ist der natürlichste Beschützer des ersteren. Beim Synagogeugesange hat der Kantor das erste und letzte Wort zu sprechen- An dieser Tradition müssen 'wir sesthalten, und nur werden es jederzeit bekämpfen, wenn von welcher Seite immer der Versuch gemacht wird, die kantorale Wirksamkeit und somit das Ansehen und die Bedeutung des Kantors im jüdischen Gottesdienste 'her-abzudrücken." In einer Schir-Haschirim-Predigt sagte Jellinek: „Stimme meines trauten Freundes, siehe, er kommt! : Horch, was sind das für Tone, die an mein Ohr dringen? Dies find ja bef'aimtc Klänge, Posauuenklänge, meine nationalen Klänge' Klänge der Freiheit und Erlösung, sie tönen voran meinem König Messias." Und zum Schlüsse sei hier noch das poetische Gedenken Ludwig August Frankls, des treuen Freundes Jellineks, lviedergegeben: Es klang dein Wort, wenn es von Menschenliebe sprach. Wie milder Harfenton in aller Herzen nach, Ein Feuer fuhr, dein Wort, von edlem Zorn entfacht. In Geister, 'huldigend dem Haß in wüster Nacht. Es floß dein Wort, voll Wissen und von Weisheit klar, Daß es wie Ouellenrauschen in frischer Bergwelt war. Ein Lichtmensch warst du, ach, so früh versenkt in Nacht. Und trauernd halten wir um dich die Gräberwacht: Bis wieder unsrer Ahnfrau „Stimme aus der Luft" (Bäskol), In deinem Geiste zu leben, tröstend mahnend ruft. WMlchk Llkmentk im italirnilchkn Karlamentr. Bon Professor Tr. E r m anno L o e v i n s o n (Rom). i. Deputiertenkammer. naufhörlich rollt das Rad der Zeit; und wer es etwa wagt, sich dem Umgestaltungsprozeß, den es durch seine Bewegung im Leben und Weben der Völker hervorbringt, zu widersetzen, ist ein Vermessener oder ein Tor; womit nicht geleugnet werden mag, daß es manchmal durch klug erdachte und sachgemäß allsgeführte Maßnahmen gelingen karln, einen Werdeprozeß anfznhalten oder in ruhigere Bahnen 31t lenken. Bon diesem Gesichtspunkt aus hat der lmbefangene Historiker die fortschreitende Aufsaugung der mittel-, süd- und westeuro- Päischen sowie der amerikanischen Jllden dllrch die Bevölkerungen, unter denen sie leben, 31t betrachten: Sie schreitet von Tag 31t Tag, von Stunde 31t Stunde weiter! Eine Rettung ihres Volkstluns wäre nur möglich Durch ein 31t schaffendes territoriales Reservoir, wo es seine Eigenart erhalten und weiterentwickeln könnte. Ein deutliches Anzeichen für 'diesen fortschreitenden A'ufsaugllngsprozeß bot das Resultat der am 16. November 1919 vollzogenen allgemeinen Wahlen zur italienischen Deputiertenkamlner, der nunmehr durch das königliche Auslöslmgsdekret vom vergangenen April ein vorzeitiges Ende bereitet worden ist. So mag denn vor dem Zusammentritt der nellen Kammer ein Ueberblick über die jüdischen Elemente, welche den beiden vorangegangenen angehörten, nicht linangebracht sein. Sehen wir von allen Beschönigl 1 ngsverslichen ab lmd haben wir den Mrlt, die Wahrheit frei auszllsprechen, so muß festgestellt werden, es befand sich unter den 1919 Gewählten kaum ein einziger Jllde in d e m Sinne, daß er noch all den rituellen Vorschriftenhinge, während die vorherige Depntiertenkammer doch noch mehrere dieser Art allfwies. So konnte es denn nicht mehr, wie noch vor einem halben Jahrzehnt, Vorkommen, daß sich einer der italienischen Volksvertreter von der Deplltiertenkammer ans während der Sitznllg telephollisch bei der jüdischen Gemeinde nach dem Beginn des Gottesdienstes erkundigte! Wurden auch llnter den 1919 gewählten Abgeordneten fast ebensoviel wie in der vorherge'hendell Legislatlirperiode --- 11 gegen 12, bis 1913 waren es 11 - von ihren Stamlnesgenossen als Israeliten bezeichnet, so betrachtete sich doch wohl Nllr ein Drittel derselben selbst als noch deln Jlldentum angehörig. Dabei denken wir, abgesehen vom ehemaligen Ministerpräsidenten L u i g i Lnzzatti, der seiner eigenen Aenßerung nach sich eben dann als Jllde bekennt/wenn man ihm seine Abstammung vorwirft „Pantheist aus Ueberzengung, Ehrist im Herzen, Jude, wenn man es mir vorwirst", so lautet sein Glaubensbekenlltuis, über dessen Berechtigung sich allerdings streiten läßt , all die beiden zllln ersten Male aus der Wahl .hervorgegang'enen G i ll 0 £ 1 ivettj und M a r B 0 n d i. Ein zwiefacher Belveis dafür, daß die italienische Regierung keinen Stammes- oder Religionsunterschied gelten läßt, wenn es sich darllm handelt, den richtigen Mann - an die richtige Stelle zu setzen, und daß ihrerseits alle!) die Masse der italienischen Bevölkerung solchen Unterschieden gleichgültig gegenübersteht, wenn nur der Betreffende das leistet, was man sich von ihnl verspricht, war int letzten Kriegsjahre die Ernennung L u i g i L u zzatti s 31111t Koilmiissar für die vielen Zehntansende von Flüchtlingen aus den vo-m Feinde bedrohten und besetzten Gebieten, und die eines anderen Israeliten, Salvatore Segrä aus Triest, zum Vizekommissar. Keinem ist. es deshalb auch llllr 'eingefalleil, etlva die höhnische Befürchtung ausznsprechen, die Verwaltung der Flüchtlingsfürsorge, welche sich mit der Zeit sehr umfangreich gestaltete, könne „verjuden"! Für den altjüdischen Sinn L n z - zattis, der sich mit dem des echten Gelehrten deckt, ist bezeichnend, daß er sich nach Beendigung des Krieges mit der inneren Genugtuung begnügte, unendlich viele Tränen getrocknet, unendlich viel Leid gelindert zu haben, während der Vizekommissar vom Köllig durch die Verleihung des Grafentitels erfreut wurde. Uebrigens ist ein Nationalökonom von Weltrllf Um' L u z - zatti, der im Januar 1919 vom Internationalen Institut für Sozialwissenschaft einstinlUlig znnr Präsidentell gewählt wurde, und dessen ehemalige Wähler scholl vor Jahren, aus Stolz, von einem solchen Manne -im. Parlament vertreten zn sein, im Gemeindehause des venezianischen Badeortes Älbano. seine Marmorbüste aufftellten - gewiß eine seltene Ehre für einen Juden bei Lebzeiten , 1919 doch nur mit genauer Not dem Schicksal so vieler Stützen der bisher in Italien am Ruder befindlichen liberalen bürgerlichen Fraktionen entgangen: dein des Unterliegens int Wahlkampf. Ans Kosten dieser Haben nämlich .damals Sozial!stell und klerikale Völksparteiler die größten Wah'lersolge davongetragen. Und da die lneistell Israeliten der vorhergehenden Kammer eben jenen Elementen angehörten, hattell sie, entloeder in der Vorallssicht dessell, was ihnen bevorstand, alls die Kandidatur verzichtet, oder sie sind unterlegen. Ihr Fehle ll lnachte sich i xt der nunmehr aufgelösicu Kanuner recht fühlbar, da sie, wie der

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