Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- Seite 147 (sequence 5)
- Language
- German
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147 das bis vor kurzem der Feind Englands gewesen sei. Er helfe die zerschnittenen Fäden der internationalen Bande wieder zusammenzufügen. Barker erklärte in deutscher Sprache, daß die wieder aufgenommenen Beziehungen eine gerade Linie zeigen, die stets bleiben würde, nämlich die gerade Linie des Rechts und der Gerechtigkeit. Er sei überzeugt, daß die parallele Linie des englischen und deutschen Gedankens trotz Euklid die beiden Nationen in Freundschaft miteinander und mit den anderen Nationen der Welt zusammenbringen werde. Professor Einstein erwiderte, er sei außerordentlich erfreut zu wissen, daß sein Besuch unmittelbar eine gute Wirkung auf die internationalen Beziehungen auszuüben verspreche. * Eine Ansprache des Papstes. Telegramm des Berliner Tageblatts. Rom 15. Juni. Der Papst hielt eine Allokution an die Kardinale und beklagte, daß das christliche Element in P a l ä st i n a völlig zurückgedrängt und Jerusalem immer mehr das Ziel weltlicher Vergnügungsreisenden werde; die christlichen Nationen und der Völkerbund mögen das englische Mandat in Palästina überwachen. Der Papst fuhr fort, indem er bedauerte, daß trotz der Beendigung des Weltkrieges der feindselige Geist noch immer nicht erloschen sei. Die Nationen mögen doch endlich in christlichem Geiste dem gepeinigten Europa den Frieden zurückgeben. Der Papst schloß mit dem Ausdruck der Befriedigung über die Rückkehr Frankreichs zum Heiligen Stuhle. # Die Leiden der ukrainischen Inden. In den österreichischen Zeitungen findet sich ein Ausruf an die österreichische Judenschaft zur Hilfeleistung für die durch die furchtbaren Judenpogrome in der Ukraine schwer mißhandelten Juden jener Gebiete. Der Aufruf ist von einer Anzahl sehr angesehener jüdischer Vereinigungen, an deren Spitze die Wiener Israelitische Kultusgemeinde steht, sowie von zahlr,eichen Privatpersonen unterzeichnet. Was der Ausruf an Tatsachen ansührt, erfüllt selbst nach dem Furchtbaren, was die Menschheit während eines vierjährigen Krieges und der Erschütterungen, die sich in Ost- und Mitteleuropa daran knüpften, erlebt hat, mit Grauen und Entsetzen. Es heißt da: Den zwölsmaligen Wechsel der Macht in der Ukraine mußten die Juden mit entsetzlichen Pogromen büßen. Nach einer Statistik, die der jüdischen Welch ilfskonfere'nz zu Karlsbad (Sommer 1920) vorlag, wurden innerhalb vierzehin Monaten» nicht weniger als 568 Ortschaften der Ukraine von den bis jetzt blutigsten Judenmassaikers der Weltgeschichte betroffen. Nach den Pogromen im Frühjahr und Sommer 1919 zählte man 138 000 jüdische Leichen. Die Zahl der Kranken, Verstümmelten, Mißhandelten, in den großen Wäldern Herumirrenden ist nicht zu überblicken. Die wahnwitzigsten Greuel wurden an Mauern und Frauen, an Greisen und Kindern verübt. So dursten während des mehrtägigen Judeuschlachtens in Pvoskurow die Leichen nicht bestattet werden, und die martervolle Niedermetzelung wurde um 6 Uhr abends durch das Konzert einer Musikkapelle beendet. Anläßlich der berüchtigitm Aprilpogrome wurden 40 jüdische Städtchen vollkommen ausgeschlachtet und die Bedauernswerten, welche auf Dampfern zu enbkommim suchten, ertränkt. Vater haben große Summen gezahlt, damit ihre Söhne nicht zu Tode gefoltert, sondern bloß — erschossen werden, und haben der Erschießung beiwohnen müssen. Eltern wurden gezwungen^, ihre' Kinder lebendig zu begraben, und Mütter, das Blut geschlachteter Säuglinge zu trinken. Aber während man anläßlich 'der Karlsbader Welch ilfskonfer>enz hoffte, daß das Maß der Leidien auf dem blutgetränkten Boden der Ukraine erschöpft fei, wurde das Morden und Foltern noch bis in die allerjüngste Zeit fortgesetzt. So haben im verflossenen Herbst die entmenschten Horden des Generals Balachowiez im ukrainischen Grenzgebiete 150 jüdische Ortschaften heimgesucht. Zerstörte jüdische Siedlungen, unzählige Gräber zu Tode gefolterter Juden jeden Alters, herumirrende hungernde Witwen und Waisen, venerisch kranke, geschändete Mädchen und Frauen im Alter von 12 bis 50 Jahren, in Elendquartieren verkommende Ueberleben'de, geschändete, zerfetzte Thorarollen sind die Hinterlassenschaft dieses „Feldzuges". Ein riesiger Strom von Flüchtlingen, die bei Nacht und Nebel und im Dunkel der Wälder das furchtbare Land verlassen, ergießt sich über die Grenzen. Bisher sind 25 000 Flüchtlinge nach Rumänien, 35 000 nach Polen übergetreten, und hinter ihnen drängen neue Massen, welche die benachbarten . Gebiete überfluten werden. Das österreichische Hilfskomitee ruft auf zur Spendung von Geldmitteln und Kleidungsstücken, Gründung von Emigrantenheimen, Errichtung von Werkstätten zur Beschäftigung arbeitsfähiger Auswanderer, Beihilfe zu ihrer Weiterbeförderung, Mitwirkung an der Adoption von Pogromwaisen. * Eine Abteilung der Gesellschaft „OUT" Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden in Beßarabien. Die in Kischinew erscheinende jüdische Zeitung „Der Jude" berichtet: A'.n Dienstag, den 20. April 1921, fand unter dem Vorsitz von Herrn Tr. B e r n st e i n - Eo h en im Lokal der ersten Leih- und Sparkasse -in Kisch:,new eine Beratung über die Gründung von Abteilungen der Gesellschaft „OKI" in Beßarabien statt. Nach Anhörung eines längeren Vortrages des Herrn Tjomkin über die Frage wurde nach anschließender Diskussion einstimmig beschlossen, erne Gesellschaft „ORT" zu gründen und dieselbe nach dem Statut der „ORT" zu legalisieren. Die Arbeit der Gesellschaft soll in engem Kontakt mit der „ORT" in Paris geführt werden. Die Ausgabe der Gesellschaft soll in Heranziehung der Heimatlosen zu produktiver Arbeit besteh>en. In der Debatte wurde allgemein der Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß das Vermögen der früher bestandenen „ORT" sowie der „ICA" von der neu gegründeten „ORT" übernommen werden soll. Es wurde eine zeitweilige Verwaltung, bestehend ans fünf Personen, gewählt, der die Ausarbeitung des Statuts und die Registrierung der Gesellschaft übertragen worden ist. Zum Sekretär wurde Herr Benderski gewählt. In der Verwaltung ist auch der in Kischinew bestehende „Verband der Kooperativen" vertreten. # Herbert Sarrruels Deklaration. Im englischen Unterhaus war namens des Kolonialministeriums aus verschiedene Anfragen wegen des erlassenen Einwanderungsverbotes in Palästina erklärt worden, daß Samuel am 3. Juni, dem Geburtstage König Georgs, in Palästina eine offiziöse Erklärung abgeben werde, der man nicht vorgreifen könne. Laut dem der I. P. Z. vorliegenden telegraphischen Bericht erklärte nun Samuel den am 3. Juni bei ihm erschienenen arabischen und jüdischen Notabeln, nachdem er einen Ueberblick über die Fortschritte des Schulwesens gegeben hatte, bezüglich der politischen Lage und des Einwanderungsverbotes folgendes: Es betrübt mich zu sehen, daß die Harmonie zwischen den verschiedenen Glaubensbekenntnissen und Rassen in Palästina, die ich -ernstlich bestrebt war zu fördern, noch nicht erreicht worden, ist, und ich habe besorgt über die besten Maßregeln nachgedacht, um sie zu sichern.' Lassen Sie mich in erster Reihe nochmals aus das unglückliche Mißverständnis zurückkommen, das bezüglich des Satzes in der Balsour-Deklaration — die Errichtung einer jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina — existiert. Ich habe verschiedentlich gehört, daß die arabischen Einwohner Palästinas niemals damit einverstanden sein werden, daß ihnen ihr Land, ihre heiligen Stattest und ihre Ländereien genommen werden, um Fremden überlassen zu werden, daß sie sich niemals mit einer jüdischen Negierung, die errichtet wird, um über die mohammedanische und christliche Majorität zu regieren, einverstanden erklären werden. Die Leute sagen, daß sie nicht verstehen können, wie die britische Regierung, die ihrer Gerechtigkeit wegen in der ganzen Welt bekannt ist, zu einer derartigen Politik jemals ihre Einwilligung geben konnte. Das ist nicht der Sinn der Balsour-Deklaration. Es mag sein, daß die Uebersetzung des englischen Textes ins Arabische nicht den richtigen Sinn widergibt. Es wird darin gesagt, daß man es den Juden, einem Volke, das in der ganzen Welt zerstreut ist, aber dessen Herzen immer nach Palästina gerichtet sind, ermöglichen soll, hier ihr Heim zu gründen, und daß manche unter ihnen — in den Grenzen, die durch die.Iahl