Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- Seite 146 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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146 fürsorge in Deutschland und die WeiVerführung der vom Arbeiterfürsorgeamt geleisteten Hilfstätigkeit für unbedingt erforderlich. Das Interesse der deutschen Judenheit verlangt eine Selbsthilfe der jüdischen Gemeinden nnd Organisationen zur Bewältigung der durch das Ostjudenproblem -in Deutschland entstandenen Aufgaben. Das Arbeiterfürsorgeamt, das von den jüdischen Organisationen Deutschlands geschaffen worden ist, benötigt und verdient zur Durchführung seiner Aufgabe die finanzielle und moralische Unterstützung der gesamten deutschen Judenheit, zumal die Weitergewährung der zur Aufrechterhaltung der zum Hilfswerk unerläßlichen amerikanischen Subventionen eine stärkere Beteiligung der deutschen Judenheit unbedingt zur Voraussetzung hat. Die jüdischen Gemeinden Deutschlands, die von jeher die hauptsächlichsten Träger der jüdischen Wohlfahrtspflege gewesen find, werden sich auch fernerhin — unterstützt von der Mitarbeit aller Organisationen — der Fürsorge für die Ostjuden in Deutschland nicht entziehen dürfen. Die Versammlung der Vorstände und Vertreter der großen jüdischen Organifa-tionen richtet au die Berliner Jüdische Gemeinde, als die größte Deutschlands, das Ersuchen, die Führung einer Aktion zu übernehmen, deren Ziel es ist, eine Verpflichtung der deutschen jüdischen Gemeinden zu> bestimmten Beiträgen für das vom Arbeiterft'lrsorgeamt geleistete große Werk der Ostjudenhilfe in Deutschland herbeizuführen. Die Vorstände und Vertreter der großen jüdischen Organisationen Deutschlands und der Jüdischen Gemeinde Berlin begrüßen es, daß die Zentralstelle für Wanderarmenfürsorge bei ihrer letzten Tagung erneut den Beschluß gefaßt hat, ihre Aufgaben in gemeinschaftlich freundschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Arbeiterfürsorgeamt zu lösen. Sie erwarten von einer solchen Zusammenarbeit eine Förderung der von beiden Organisationen geleisteten, sich eng berührenden Fürsorgetätigkeit." Nach einer kurzen zustimmenden Erklärung des Sanitätsrats Dr. Goldschmidt (Großloge für Deutschland) wurden die vorstehenden Entschließungen einstimmig von sämtlichen Vertretern der großen jüdischen Organisation angenommen. Es darf mit Bestimmtheit erwartet werden, daß diese Erklärung über die Notwendigkeit des Ostjudenhilfswerkes, die die prominentesten Vertreter der deutschen Judenheit öffentlich abgegeben haben, den Erfolg Haben wird, daß auch in Deutschland die erforderlichen Summen zur Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe aufgebracht werden. * Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands teilt uns mit: „Wie wir aus dem Ministerium des Innern hören, wird die Untersuchung wegen der Vorfälle im Jnterniertenlager Slargard mit dem wünschenswerten und erfooderlichen Nachdruck geführt. Ein abschließender Bericht liegt zurzeit noch nicht vor, ist aber in den nächsten Tagen zu erwarten. Es werden auch alle Maßnahmen getroffen, die aus Grund des Berichtes des Anbeiterfürge-amtes festgestellten Schäden abzustellen und die Schuldigen der Bestrafung zuzuführen." Die Vorfälle im Internierungslager zu Stargard, über die wir in der vorigen Nummer ausführlich berichteten, gereichen dem deutschen Volke nicht zur besonderen Ehre. Im Namen der Menschlichkeit fordern wir 'die sofortige Aufhebung der Internierung, wenigstens für diejenigen, die dort wegen vorausgehender Arbeitslosigkeit interniert oder ausgewiesen worden sind. In Anbetracht der großen Bedeutung, die in letzter Zeit die jüdische Emigrationsbewegung aus Osteuropa erlangt hat, sowie in Rücksicht auf die in Polen, Rumänien und den bedeutendsten kontinentalen Häsen zu erwartenden Auswanderermassen hat die Jewish Colonization Association (Jca) eine Konferenz der hauptsächlichsten jüdischen Aus- und Durchwandererkomitees in Europa einberufen, um das Auswandererproblem einer Prüfung zu unterziehen und Mttel ausfindig zu machen, um das Auswanderungswesen zu regulieren und zu kontrollieren. Die Konferenz hat am 7. und 8. Juni in Brüssel stattgefunden. Es kam zu einem interessanten Austausch der Meinungen und Erfahrungen der Delegierten, und es ist beschlossen worden, unter der Aegide der Jca die Tätigkeit der verschiedenen Komitees und Organisationen zu gemeinsamer Arbeit aufzurufen. Unter anderem wurde die Notwendigkeit anerkannt, eine durchgreifende Beaufsichtigung aller Emigranten in sanitärer Beziehung, sowohl bei der Abreise, Einschiffung, am Bestimmungsort wie an bestimmten Durchgangsstationen vorzunehmen. Uebereinstimmend wurde anerkannt, daß die hauptsächlichste Aufgabe der Komitees darin bestehen soll, sich .nur mit dringenden Fällen zu beschäftigen, und daß keinerlei Maßnahme getroffen werden darf, die geeignet wäre, zu unnötiger Auswanderung anzureizen. * Aus Stuttgart wird berichtet: Am 23. Mai trat die verfassunggebende israelitische L a nd e sk i r ch e n v er s a mmlu n g zur Beratung der neuen Kirchenverfassung zusammen. Präsident Baelz, der im Namen der Oberkirchenbehörde die Versammlung eröfsnete, betonte, daß die Beschlüsse in wichtigen Fragen, nämlich in der des Besteuerungsrechts und des Austrittes aus der Religionsgemeinschaft, nur vorläufige sein könnten, da sie durch das im Winter zu erwartende Gesetz über die Kirchen voraussichtlich zum größten Teil entbehrlich würden. Der vrrgelegte Bersassungsentwurf lehne sich weitgehend an das Jsraelitengesetz von 1821 an, das sich sehr gut bewährt habe. Die hierin verbliebenen Rechte des Staatskirchentums müßten nach der Reichsverfassung zum größten Teile wegfallen. Württemberg sei das einzige deutsche Land, das eine israelitische Landeskirchenorganisation besitze; diese solle ausrechterhalten und zeitgemäß sortgebildet werden. Alterspräsident Heu m a n n (Laupheim) bemerkte, es sei das erste Mal, daß ein Landtag der Israeliten zusammentrete, um der jüdischen Religionsgemeinschaft eine Verfassung zu geben. Bei den Wahlen wurde zum ersten Vorsitzenden Fabrikant Julius Rothschild, zum zweiten Rechtsanwalt Dr. Hahum (Tübingen) gewählt. Negierungsrat Dr. Nördlinger hob die wichtigsten Aerrderungen des Entwurfs: Wahl des Vorsitzenden des Kirchenvorsteheramtes, Neuregelung der Bestellung der geistlichen Beamten, Leitung der Angelegenheiten der Religionsgemeinschaft durch die Oberkirchenbehörde und die Landeskirchenversammlung hervor. An der Gesamtorganisation der württembergischen Israeliten soll sestgehalten werden. Ob die Organisativn des Allgemeinen israelitischen Gemeindebundes sich als zweckmäßig erweise, sei noch nicht sicher; der Anschluß der Israelitischen Kirche Württembergs daran müsse erst geprüft werden. Bisher hätten Beamte des Kultusministeriums den Vorsitz der Israelitischen Oberkirchenbehörde geführt. Möge auch prinzipiell die Auffassung richtig sein, daß ein Glaubensgenosse den Vorsitz führen solle, so hätten doch die tatsächlichen Erfahrungen gezeigt, wie außerordentlich günstig die Mitgliedschaft eines Regierungsbeamten sei. Die demokratische Grundlage der Verfassung sei auch im Entwurf gewahrt worden. Ministerialrat Dr. Hirsch sprach die Erwartung aus, daß das im Herbst zu erwartende Kircheugesetz eine billige Berücksichtigung der Interessen der Israelitischen Religionsgemeinschaft bringen werde. Dr. Wolf bezeichuete es als einen Fehler, wenn man die Landesorganisation aufgeben wollte; es genüge, neben einer kleineren Kirchenversammluna einen kleinen Verwaltungsausschuß einzusetzen. Dr. Gumbel trat für die Rechte der Minderheiten ein. Rechtsanwalt L e p m a n widersprach den Vorschlägen auf Verkleinerung der Oberkirchenbehörde und der Landeskirchenversammlung. Er wünschte eine Vertretung der Gemeinden in der Verwaltungsbehörde sowie die Errichtung eines ständigen Fachausschusses der Rabbiner und Lehrer. Präsident Baelz stellte fest, daß alle Redner sich für Beibehaltung der Landesorganisation ausgesprochen hätten. Er verstehe es, daß man einen Israeliten an der Spitze der Oberkirchenbehörde haben wolle, und werde nur, wenn man es wünsche, aus seinem Posten bleiben. Rechtsanwalt Dr. Gumbel widersprach unter Anerkennung der Verdienste des Präsidenten einem Wechsel in der Leitung der Oüerkirchenbehörde. . '< „Die gerade Linie." Aus London wird gemeldet: Bei dem kürzlich veranstalteten Essen zu Ehren Professor Einsteins begrüßte ihn Ernest Barker vom Kingskolleg. Er sei als Gast aus einem Lande ausgenommen.