Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-06-24 · Heft 13 (24.6.1921) · p. Seite 145

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 13 (24.6.1921)
Date
1921-06-24
Page
Seite 145 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3224737-3229482-3229495--76288-3288868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

145 Onnc scharfe Abrechnung mit Herrn v. Poe h n e r in München hielt in der Reichstagsisitzung vom 17. t>. M. der Abgeordnete Unterleitner. Bei seiner Begründung der Interpellation über die Ermordung des Abgeordneten Gareis, -die zu bisher im Deutschen Reichstag unerhörten Lärmszenen und Handgemenge führte, kam er auch auf das verwerfliche Treiben der Reaktion in Bayern zu sprechen und führte dabei folgendes aus: In München wird ein unerhörter Versammlungs- und Straßenterror geübt, Versammlungen werden gesprengt, ohne daß dagegen eingeschritten wird. Dem Mörder von Gareis aber wird man kein Haar krümmen. Deutsche Staatsbürger, die nach Bayern reisen, müssen sogar einen Paß haben, der 27,50 Mark kostet. Leben nur denn noch im 18. Jahrhundert und ist das übrige Deutschland Ausland für Bayern? Derselbe Herr v. Poehner, der so sehr auf Ordnung sieht, läßt aber auch falsche Pässe ausstellen, um seine reaktionären Zwecke zu verfolgen. Herr Poehner muß zur Rechenschaft gezogen werden. Für uns steht fest, daß er ins Zuchthaus gehört. (Sehr wahr! links.) Die Polizei in Bayern kann sich so answirken, weil sie die Justiz hinter sich hat, die in Bayern einseitig gegen die Arbeiter entscheidet. Cr tu Redakteur, der über 60 Jahre alt ist, wurde verhaftet und schwer mißhandelt und von den Justizbehörden noch lange in Haft behalten, nachdem der Haftbefehl längst aufgehoben war. Der Polizeipräsident Poehner hat zur Hebung der guten Sitten unsere Parteizeitung „Ter Kampf" zuerst unter Vorzensur gestellt und dann dauernd verboten. Andere Blätter verbietet Herr Poehner nicht, wie z. B. den „Völkischen Beobachter", in dem von der Schieber- und Gaunerrepublik und von Ebert dem Siegreichen-gesprochen wird. Es wird darin gesprochen von den internationalen jüdischen Lumpen, den Parteijuden, den Dreckjuden und von den Diätenhamsterern im Berliner Parlament. Weiter heißt es darin von Herrn Ebert: „Bei seiner siegreichen Rückkehr alls Oberschlesien wird der Großrabbiner von Jerusalem ihm zweifellos den Großpopo-Orden verleihen. (Heiterkeit.)" Redner zitiert sodann eine große Menge von Stilblüten aus dem „Miesbacher Anzeiger"; darin wird von dem Berliner Saujudenblatt „Vorwärts" gesprochen (Heiterkeit), von dem Judengesindel, von dem Regiernngsbordell, von dem Lumpenhund Erzberger, usw. Weiter heißt es in dem „Miesbacher 'Anzeiger": „Ochsenziemer gibt es bei uns genug, die Messer müssen geweht werden, die Säue müssen geschlachtet werden, bei der nächsten günstigen Gelegenheit müssen sie gestochen wenden." Der „Mies'bacher Anzeiger" vertritt auch die Prügelstrafe, er redet von einem Freispruch an die sauberen Negierungsjuden. Weiter heißt es darin: „Es soll nur ein Jude kommen und uns entwaffnen wollen, den schlagen wir, daß er in keinen Sarg hiueinpaßt." Dann spricht er von dem Juden Gradnauer, „und was für ein Jüd!", der den Entwaffnungserlaß unterschrieben hat, wonach massakriert und geschachtet werden soll, wer nicht Pariere. Auch von dem „Berliner Saustall" redet das Blatt. Der „Miesbacher Anzeiger" hat geradezu zur Ermordung von Gareis aufgefordert. Das sind die Leute, die in Bayern regieren, die von Herrn Poehner in Schutz genommen werden. # Das Oftjudenhilfswerk in Deutschland. Das -Arbeitersür s o r g e a nt t hatte zum 6. Juni die Vorstände und Vertreter aller großen jüdischen Organisationen Deutschlands zu einer Beratung nach dem Logenhause eingeladen, um die Frage des Ostjlldmrhilsswerkes in Deutschland zu erörtern. In der Versammlung waren unter anderen vertreten die Großloge U. O. B. B., die fünf Berliner Logen U. O. B. B., die Zentraüvohlfahrtsstelle der deutschen Juden, der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der Hilfsverein der deutschen Juden, der Verband der Ostjllden, die Zionistische Vereinigung für Deutschland, die Agudas Jisroel sowie der Vorstand und die Repräsentantenversamm- 1'nng der Berliner Jüdischen Gemeinde. Tr. Siegfried Moses (Zionistische Bereinigung für Deutschland) erössnete die Versammlung, mit einer B e g r ü ß it n g s n u s p r a ch e. Dr. Paul Nathan, der das Referat des Abends übernommen hatte, schilderte in ausführlichen Darlegungen die politische'n Probleme, die mit der Einwanderung der Ostjuden nach Deutschland und ihrer Durchivanderung nach Uebersee verknüpft sind. Er ging in seinen grundlegenden Darlegungeil auf die Vorgeschichte der Ostjudellfrage in Tellkschland ein. Er verwies daraus, daß die delltsche Heeresverwaltung während der Okkupation im Osten den Juden in zahlreichen Proklamationen Befreiung und Freundschaft verfprockM hatte und hierdurch die feindliche Atmosphäre gegen die Juden in Polen vorbereitete, die nach dem Rückzug des deutschen Heeres aus dem Osten zmn Durchbruch kann Dr. Nathan streifte auch das noch lvenig bekannte Kapitel der zwangsweisen Deportation ostjüdischer Arbeiter nach Deutschland, wo sie in der Kriegsindustrie verwendet wurden. Dr. Nathan beschäftigte sich dann eingehend mit der Behandlung der Ostjudenfrage durch die delltsche Regierling. Wenn die Regierung die Sonderheit des jüdischell Problems dadurch anerkennt, daß sie im Auswärtigen Amt ein besonderes Referat mit einem besonderen Dezernenten geschaffen hat, wenn sie sich.ferner dazu entschlossen hat. im Einverständnis mit der jüdischen Oefse nt lichte it die entstandenen Fragen 31t lösen, wenn sie sich der Unterstützung des Rates der Spitzenorgallisation aller jüdischen Oraanifationen Deutschlands, des Arbeitersürsorgeamtes, bedient, dann muß das delltsche Jndentlnn auch seinerseits mit aller Energie die Lösung der sich ihm aufdr äugen den Aufgaben in die Hand nehmen. Die Wichtigkeit der Aufgabell, die durch das ostjüdische Problem dem deutschen Judentum gestellt worden sind, ist von allen Richtwlgen des deutschen Judentums anerkannt worden. Ebenso ist auch das politische Interesse anerkannt worden, das eine menschliche Behandlung der in Deutschland befindlichen Ostjllden erfordert. Tr. Nathan verwies dann aus die früher oder später doch -eintretende Notlveudigkeit der Auswanderung für den deutschen Arbeiter und Kaufmann nud ruachte daraus aufmerksam, wie ungeheuer unklug eine Politik sei, die dell fremden Mächten Gelegenheit gebe, sich später gegen die deutsche Einwanderung unter Berufung ans diejelligen Nkaßnah-men zu wehren, die heute Deutschlaild etloa gegen die vstjüdischen Arbeiter anlveilden lvürde. Es zeugt von großer politischer Kurzsichtigkeit, auch vom jüdischen Standpunkt ans, den Antisemitismus dadllrch bekämpfen zu wollen, ^aß man die -Ostjllden über die Grenze zurücktreibeu Null, lvährend nur eine vernünftige sozialpolitische Behandlung der Frage, loie sie das Arbeitersür sorge amt bisher im Einverskändllis mit der Regierling betriebeil hat, geeignet ist, dem Antisemitismus leine Waffen aus der Hand zi> winden. Dr. Nathan verurteilte scharf die sowohl vour deutschen als auch vom jüdischell Standpunkte als töricht zli bezeichnende Stellung jenes geringen Teiles des delltschen Judentilms, der sich um Dr. N n n m a n n gruppiert. Anl Schluß seiner Ausführungen forderte er die Alnvesenden aus, die Aufrechterhaltmlg des von:' Arbeiterfürsorgeamt gekeitetell Wertes sowohl im Interesse der ostjüdischen Flüchtlinge wie auch im deuticheu Jllteresse mit allen Kräften zu mlterstützeil. Er machte darauf auiflnerksalll, daß die Alnerikauer, die Millionen für das Hilsswerk zur Entlastung der delltschen Jlldenheit gegeben haben, tim weitere Ullterstützung von der stärkeren finanziellen Beteiligung der delltscheil Inden abhängig machen. Tie Sekretäre des Arbeiterfürsorgeamts. Dr. Werner, Senator, und Alfred Berger, gaben in kurzen, sachlichen 'A-nsführlmgell eingehendes Material über Uinzailg unb Art des Hilsslverkes für die Ostjllden in Deutschland, die Entwicklung der Ein- und Auswanderung und der ganzeil Frage in den letzten Jahren. Sie berichteten ferner über die gutell Erfahrungen, die man mit jüdischen Arbeitern gemacht habe, wld über die Stettmlg, die die deutschen Gewerkschaften denjüdischen Arbeitern gegenübereinn-ehmen. Jin Anschluß an diese Allsführungen führte Dr. Berthold Ha a se (Eentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens) alls, daß die deutschen Juden ein lebhaftes und dringendes Interesse daran haben, die Arbeit des Arbeitersürsorgealuts allfrechtzilerhalten, das Positive, Praktische Arbeit leistet mld eine -wirksame Waffe im Kampf gegen den Antisem-itismlls ist. Als Mitglieddes PräsidillNls des Arbeiterfürsorgeamtes und als bevollmächtigter Vertreter des Vorstandes des Eeutralvereius deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens brachte Tr. Haufe dann folgende Resolution ein: „Die ain 6. Juni 1921 versammelten Borskällde nu-d Vertreter der jüdischen Organisationen Delltschlands mld der Jüdischell Gemeinde zu Berlin haben, voll den Berichten Kenntnis genommen, die ihnen über das Hilfswerk des Arbeiterfürsorgeamts für die ostjüdischen Flüchtlinge erstattet worden sind. Sie halten den Weiterbestand einer geregelten Flüchtlings-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.