Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- Seite 144 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229495--76287-3288867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-: 144 „schüchterne, zögernde, ungesellige" 8= bis 9 jährige Alnabe mit dem Spitznamen „Biedermeier" aud> schon. dorr. Antisemitismus kennen lernte, soll hier nebenbei gesagt werden, fällt doch diese seine Jugendzeit in die Hochflut des Judenhasses anfangs der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. -- Es ist natürlich schwierig und kaum möglich, die strengluissenschaftlichen Begriffe, die mit dem Leben dieses Forschers verknüpft sind (Relativität, Gravitation ustv.), in einer kurzen, leichtfaß'lichen Formet zu präzisieren. Bielleicht liegt in der eingangs erwähnten ehrenden Bezeichnung „l e!b e n d e r K o P e r n i'k u s" ein Hinweis, das; seine Forschungen ltnb Entdeckungen letzten Eudes in einem neuen Weltsystem ausmüuden. — Wie uns Bdoszkowski in dem genannten- Buche erzählt, brachte die totale Sonnen-ftnsternis vom 29. Mai 1919 einen Praktischen Beweis für die Wahrheit der Einsteinschen Forschungen. „Nie zuvor war Aehuliches erlebt worden. Eine Hochflut des Erstaunens wogte über die Kontinente; Tausende von Menschen, die sich sonst ihr lebelang niemals um Llchtschwingungen und Gravitation gekümmert hatten, wurden von dieser Woge ergrissen. und emporgetragen, wenn auch nicht zum Begreifen, so doch zu dem Wunsthe -nach Erkenntnis. Und alle verstanden doch so viel, daß hier aus der Gedankenarbeit eines stillen Gelehrten eine Heilsbotschaft für die Erforschung des Weltalls ergangen war. . . Ta war m, Mann, der nach den Sternen gegriffen hatte; in dessen Lehre mußte man sich vertiefen, um die irdische Plage zu vergessen. Es war seit undenklicher Zeit das erstemal, daß ein Akkord durch die Welt zog, die gemeinsame Einstellung auf etwas, das wie Musik oder Religion außerhalb des politischen, sozialen und materiellen Interesses lag." - Einst vor 1900 Jahren lebte in der babylonischen Stadt N a h a r d e a eitler der größten jüdischen Gelehrten aller Zeiten, ll)i a r S a m u e l, der nicht allein Kenner der Rechtswissenschaft. sondern auch Meister auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, Arzneiuu-d Sternkunde war. Er betrieb letztere mit solchem Eher, daß er von sich sagen konnte: „Die B a h neu d e s H i m m e l s sind m i r e b e u s v g il t b e - k a n n twiedi e St r a ß e n v o n R a h a r d e a." Liest man von den lvnnderbaren, scheinbar unmöglichen Beobachtungen, Messungen und Forschungen Einsteins am Himmelsraum, so denkt man an jenes Wort dieses alten, auch jüdischen Gelehrten und Forschers. . IV!. A. Wochenschau. B e r l i n , 20. Juni. 192!. 11 der Morgen-Ausgabe vom 11. Juni brachte das „Ber- A liner Tageblatt" einen längeren Artikel des Bize- Präsidenten der Münchener Handelskammer, Kommerzienrat Sigmund Frünkel, über die Herrschaft des Herrn v. Pvehner in München, der nach den Ereignissen der letzten Tage Besondere Bedeutung beanspruchen darf. In diesem Artikel wird festgestellt, daß in der Hauptstadt Bayerns seit Monaten förmliche Orgien auf dem Gebiet wüstester konfessioneller Hetze gefeiert werden, daß die reaktionären Blätter Beschimpfungen der Reichsregierung bringen, die „jedweden auf dem Gebiete der erbittertsten und gehässigsten Parteipolemik jemals erreichten Rekord" übersteigen. All diesen Dingen sehe der Polizeipräsident Poehner duldend zu; erst kürzlich habe er ein die Bolksleidenschaften wild aufpeitschendes Plakat mit seinem Zensurstempel versehen, dessen Folge gewesen sei, daß eine Andacht in der Heilig-Geist-Kirche in München durch den höhnischen Zwischenruf unterbrochen wurde: „Wie kann denn Jesus uns helfen, nachdem er selbst ein Jude war!" Zusammensassend kommt der Verfasser zu dem Ergebnis: „Wer diese beklagenswerten Zwischenfälle und Vorkommnisse der jüngsten Tage objektiv überblickt, dein drängt sich unwillkürlich die Erkenntnis aus, daß diese Verschärfung und Zuspitzung aller Klassen- und religiösen Gegensätze natnrnotwendig zu gewaltsamen Explosionen führen muß und daß die Verantwortung hierfür ausschließlich die bayerische Staatsregierung zu tragen haben wird, weil sie sich' nicht rechtzeitig gegen die antisemitischen Quertreibereien in der Polizeidirektivu München aufrasfeu tonnte, die diese Hetze toleriert, wenn nicht gar begünstigt und fördert. Gewiß ist man in Bayern an seltsame Zickzackkurven und Widersprüche in der inneren Politik gewöhnt, aber auf die Dauer kann inan nicht gleichzeitig zwei Herren dienen. Man kann nicht gleichzeitig, wie dies der bayerische Ministerpräsident zu Beginn der gegenwärtigen Landtagsperiode tu seinem Reg lern ngsprograuun verkündete, „die Sammlung aller anfbauendeu Kräfte und den Schutz und die Berteidignng aller Positiven Weltanschauungen" der Bevölkerung verheißen und gleichzeitig durch die Polizeidirektion München eine wüste Plakatagitation sanktionieren, die auf die wildeste konfessionelle Verhetzung hinausläuft. Uiib man kann weiterhin nicht jedwede linksradikale Volksversammlung durch einen Trupp Omi «Polizeimarmschaften überwachen, den Satz jedweder dort gehaltenen Rede daraufhin prüfen, ob er zu keinem Einschreiten wegen „staatsgefährlicher Umtriebe" Anlaß gibt, und gleichzeitig verschränkten Armes passiv zuschanen, wenn in Heller Boltmondnacht die i s r a e l i t i s ch e n G v t t e s h ä u s e r v o n o b e n b i s u n ten besudelt, oder w e u U d u r ch denk s ch - v v l k i s ch e R a d a u h e l d e n Wissens ch a s t l i ch e B e r - s a m m l u n g e n g e f p r e n g t, mehrheitssozialistische Abgeordnete ans dem friedlichen Nachhauseweg überfallen und mißhandelt werden. Und man kann endlich nicht bayerische Ordnungszelle im Reiche prästieren und in seinen offiziellen Kundgebungen' von Reichstreue und Reichseinheitsbekenntnis in pathetischen Worten überfließen, wenn unter den Auspizien der Pressezensur der Münchener Polizeidirektion die Mitglieder der gegenwärtigen Reichsregierung als eine jüdische Ausbeuterdynastie Abraham Josef Walter Rathen.au und eine Rotte von Zuchthäuslern und Verbrechern und die Reichstags- Mehrheit als „eine Bande parlamentarischer Zuhälter des Buttenhausener Jndenstümmlings" in dem führenden Blatte der deutschvölkischen Bewegung dreimal wöchentlich stigmatisiert werden. Derartige Widersprüche und Unstimmigkeiten müssen zu gewaltsamen Entladungen und Erschütterungen der Bolkspsyche und zur systematischen Untergrabung jedweder Staatsantorität führen. Schreiber dieses hat einstens in gefahrvollster Stunde, am Palmsonntag 1919, als in München die Räterepublik ausgerufen wurde, den Herren Mühsam, Wadler, Neurath und Toller in einem offenen Briefe prophezeit, daß der von ihnen eingeschlagene Weg unfehlbar in ein Meer von Blut und Tränen münden müsse. Die Entwicklung hat ihm leider recht gegeben. Er nimmt daher keinen Anstand, henke den leitenden Männern der bayerischen Regierung mit gleicher Offenheit vorauszusagen, daß der jetzt von einem anderen Extrem ans angeschlagene, unter der stillschweigenden Billigung der Münchener Polizeidirettion beschrittene deutschvölkische Irrweg uns in-ein neues Ehaos von Zerstörung und Verwüstung unfehlbar führen must." Zum Schluß bemerkt der Verfasser: „Tie Entwicklung der Tinge in den jüngsten paar Wochen schreit jetzt aber nach endgültiger Lösung und Klärung dieser innerpolu tischen. letzten Endes über »das kulturelle Milieu Bayerns entscheidenden Krise. Mil homöopathischen Mittelchen mw Drohungen, ivie sie gingst der „Bayerische Staatsauzeiger" an die Adresse jener Ra-dauaurisemiten verabreichte, ist jetzt nicht mehr geholfen. Auch Herr Dr. Sch weh er wird die Frage, ob die in der letzten Woche in 'München - angebrachten Plakate „noch hart an die Grenze des Zulässigen streifen", nicht mehr bejahen können; sie haben diese Grenze wo ln auch nach seiner ehrlichen Ueberzengung längst überschrillen. Das Wort habenjetzt die politischen Führer der bayerischen 'Mehrheits- Parteien. Die Führer werden demnächst im bayerischen Landtag Stellung dazu zu nehmen haben, ob dem wahnwitzigen Treiben der Hakeukrenzpolitiker durch eine Reform an Haupt und Gliedern in der Polizeidwektion München endlich Einhalt getan wird oder ob der stellenlose Kellner, der vorigen Donnerstag in der Heilig-Geist-Kirche in München während cer Herz-Jesn-Andacht durch antisemitische Zurufe den Gottesdienst störte, fortan in Bayern Schule machen soll." *