Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 13 (24.6.1921)
- Date
- 1921-06-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SS. Jahrgang. Nr. 13 Allgemeine Berlin, 24. Juni 1921 eitung desAudentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbinet Dt. Ludwig Pbilippfon Verlaa: Rudolf Mosse, Berlin» Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adreffe: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Einstein. Von M. A. — Wochenschau. — Ein J) llijtJll .ufikalischer Beitrag zu Adolf Jellineks IM. Geburtstag (26. Juni 1921). Von Musikdirektor A. Friedrnann (Berlin). — Jüdische Elemente im italienischen Parlament smit Bildj. Von Professor Dr. Ermannv Lo-evinson (Rom). — Ein seit mehr als ein Jahrhundert ersehntes Buch. Bon Dr. I >a inp e I (Schwedt a. d. O.). — liebet: das Fruchtbarkeitskraut im Glauben der Hebräer. Don F. Liebermann. — Aus der Mappe eines Literaturvereins (Erinnerungen und Auszeichnungen). Von Leon Scheinhaus (Memel). — F,-e urlleton: Lied des Nehemias. Von S. Asch ne r. — Frau Hanna Maier. [5. FortsVon Ann a Go l d s ch m i >d t. — Lite t aris ch e Mitteilungen. — Sprechsaa l. Der Gemeindedote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Charlottenburg, Königsberg i. Pr.. Stettin, Hamburg, Stuttgart, Jaffa. — Von Nah und Fern. filtert Lmltrtn. dürfte die zahlreichen Leser Dieser Zeitschrift interelfteren, etwas über den Werdegang und die Persönlichfeit dieses großen Naturforschers der Gegenwart zu hören. Ohne Zweifel bildet dieser „lebende Köpern ikus" eine Umkehr in der Entwicklung der Wissenschaft. Einstein ist im März 1879 in Ulm geboren, verbrachte die ersten Jugendjahre in München, wohin die Eltern den Ausenthalt verlegt hatten. Dort besuchte er das Luitpold-Gymnasium und zeigte besondere Vorliebe für das klassische Altertum und die Musik. Wie der junge Schüler die erste Bekanntschaft mit der elementaren Mathematik macht, die ihm mit der Gewalt einer Offenbarung cntgegentritt, erzählt uns Alexander Moszkowsti ausführlich in seinem Buche „E i n st e i n, Einblicke in seine Gedankenwelt"^. Einen in München lebenden Oheim, den Ingenieur Jakob Einstein, befragte der Knabe eines Tages nach etwas Besonderem. Er hatte den Ausdruck „Algebra" gehört und vermutete, daß jener ihm darüber würde Aufschluß geben können. Onkel Jakob teilte ihm den Bescheid: „Algebra ist die Kunst der F a u l h e i t s r e ch n u n g. Was mau nicht kennt, das nennt man x, behandelt es so, als ob es bekannt wäre, schreibt den Zusammenhang hin und bestimmt dieses x dann hinterher." Das genügte vollkommen. Der Knabe bekam ein Buch mit algebraischen Aufgaben, die er nach jener zwar nicht erschöpfenden, aber doch ganz zweckdienlichen Lehre ganz allein löste. Onkel Jakob verkündete ihm bei anderer Gelegenheit den Wortinhalt des Pythagoreischen Lehrsatzes, ohne Angabe irgendeines Beweises. Der Neffe begriff den Zusammenhang, empfand die Notwendigkeit der Begründung und machte sich ganz selbständig daran, das Fehlende zu entwickeln. Das war nun freilich nicht das Objekt einer Faulheitsrechnung mit einem aufspürbaren x, vielmehr galt es hier, eine geometrische Fähigkeit zu entfalten, die auf so früher Entwicklungsstufe nur bei sehr wenigen augetroffen wird. Der Knabe verbohrte sich drei Wochen lang mit angestrengtem Nachdenken in seinen Pythagoras, geriet auf Betrachtungen der ähnlichen Dreiecke (indem er vom Scheitelpunkt der rechtwinkligen Figur die Senkrechte auf die Hypotenuse fällte) und h Verlag von Hosfmann u. Campe, Hanrburg, und F. Fontane ». Co., Berlin, 1921. stieß dadurch auf die sehnsüchtig erhoffte Bewahrheitung des Satzes! Und wenn es sich auch um uralt Bekanntes handelte, für ihn war es die erste Entdeckerfreude. Der Beweis, den er gesunden hatte, bewies den erwachenden Scharfsinm des jungen Grüblers. Vom Jahre 1894 an finden wir die Familie Einstein in Italien; nach weiterem Besuch der schweizerischen Kantonschule Aarau und dort erreichter Maturität öffneten sich dem jungen Gelehrten die Pforten des Polytechnikums in Zürich. Hier studierte er vom 17. bis 21. Lebensjahre, durchaus befriedigt in dem Gedanken, dereinst selber einmal als Lehrer wirken zu können. Nach fünfjährigem Aufenthalt in der Schweiz erwarb Einstein 1901 das Bürgerrecht der Stadt Zürich. Sieben Jahre lang wirkte er sodann als technischer Experte, d. h. als Vorprüfer für Patentgesuche, und in dieser Stellung hatte er reichlich Gelegenheit, sich aus dem Gebiete der Technik zu tummeln. In dieser Zeit der Praxis erschien eine Reihe grundlegender Abhandlungen und Schriften, von denen die bedeutsamste „Zur Elektrodynamik bewegter Körper" die gvundstürzende und grundlegende Theorie der speziellen Relativität in sich trug. Nach zweijähriger Professur am Polytechnikum in Zürich und kürzerem Aufenthalt in Prag wurde er 1914 Mitglied des Lehrkörpers der Berliner Universität. Seit dieser Zeit ist sein Name als Gelehrter weltberühmt. Zum erstenmal taucht derselbe als bedeutsam in einem Vortrage auf, den der eminente Physiker und Mathematiker Henri P o i n - care am 13. Oktober 1910 in der „Urania" in Berlin hielt. Während Herr Poincare hier noch bekannte, daß es ihm die größte Anstrengung verursache, sich in Einsteins neuer Mechanik zurechtzufinden, schrieb er bald daraus, nachdem er mit fliegender Fahne in Einsteins Lager übergegangen! war: „Herr Einstein ist einer der originalsten Geister, die ich jemals gekannt habe; trotz seiner Jugend nimmt er bereits einen höchst ehrenvollen Rang ein unter den ersten Gelehrten seiner Zeit. Was wir vornehmlich an ihm zu bewundern haben, ist die Leichtigkeit, mit der er sich auf neue Konzeptionen einstellt, um alle Folgerungen! aus ihnen zu gewinnen. Er heftet sich nicht an die klassischen Prinzipien, erblickt vielmehr in Gegenwart eines physikalischen Problems alle denkbaren Möglichkeiten. In seinem Geist übersetzt sich das Problem unmittelbar zur Voraussicht neuer Phänomene, die eines Tages durch die experimentelle Evfahrung bewahrheitet werden können . . . Die Zukunft wird mehr und mehr erweisen, welchen Wert Herr Einstein darstellt, und die Hochschule, die es verstehen wird, ihn an sich zu fesseln, kann sicher sein, .daß sie aus der Verbindung mit dem jungen, Meister Ehre gewinnen wird." (Aus einem Schreiben zur Berufung Einsteins zum Züricher Professorat.) Was sagen unsere strammen Deutschvölkischen zu solchem Zeugnisse? . . . Albert Einstein hat in seiner frühesten Jugend neben dem j üd is chen zugleich katholischen Religionsunterricht erhalten und wohl so in beiden Lehren nicht das Trennende, sondern die glaubensstärkenden Gemeinsamkeiten empfunden. Daß der