Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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SS. Jabvgatig. Nt-12 Der Demrtndebme. io-3u,,i 1921 Vetlage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". Sorrksponden?m und Machrichtrn. LrutschlanL. Die Führertagung des Jugendverbandes. Zu der Führertagung des Jugendverbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, die, wie bereits mitgeteilt, am 15. und 16. Mai 1921 in der Stadthalle zu Kassel abgehalten wurde, waren etwa 200 von den einzelnen Landesverbänden entsandte Führer erschienen. An bnden Tagen wurde nur in den Morgenstunden von 8 bis 1 Uhr gearbeitet; der Rest des Tages wurde zu gemeinschaftlichen zwanglosen Spaziergängen auf der in herrlichster Blütenpracht prangenden WiHelmshöhe benutzt, wo die empfangenen' Eindrücke lebhaft weiterverarbeitet wurden. Auffallend war die große Jugend der meisten Anwesenden, die zum Teil in Wandertracht nach Kassel gezogen waren und in gastfreien Häusern untergebracht wurden. Die Verhandlungen des ersten Tages wurden durch Dr. Gustav Löffler mit einem Referat über das Thema eingeleitet: „Wie ist der jüngeren jüdischen Generation -ein innerer Halt - zu geben? Menschliches Denken', auch in seinen stärksten AuNoirkungen, ist nicht ausreichend, um den Jugendlichen in heiliger Not hilfreich zu sein. Halt gibt es nur' in der bewußten Hingabe an die geoffenbarte jüdische Religion, die als die bedeutsamste Kraftquelle für den jungjüdischen Menschen immer mehr in Frage kommt und allein geeignet ist, das immer stärker werdende Kokettieren mit neu- bzw. urckristlichen Gedankenzu bannen." Mit erstaunlichem intellektuellen Rüstzeug suchte der sugentliche Kurt Neu an den Gedankengängen zu rütteln, und machte sich zum Dolmetscher derer, „die den Weg zum Transzendenten aus dem Diesseitigen gehen". Abcr auch er wandte sich gegen die eisige Gletscherwelt der Begriffe, mit denen inan die Jugend abzuspeisen versucht, die ihrem Gott freudig dienen wolle. Ihm entgegnete Rabbiner Dr. Cohn (Bonn): Das Krisenhafte der heutigen Zeit sei als ein Erbteil des rationalistischen 19. Jahrhunderts zu betrachten, das zusammengestürzt ist, wie überhaupt in gewissem Sinne das Judentum die Krisis in Permanenz sei, da die Juden eigentlich stets im Zustand seelischer Spannung und der Krisen gewiesen seien. Die heu-ti-ge Krise sei eine religiöse. Ein wahrhaftiges jung.jüdisches Erzichungsprogramm lasse sich auf nationaljüdischer Grundlage allein nicht ausbauen. Zurück zur Religion!, das sei die einzige rettende Lösung. Von 'den jüngeren Führern trat als Zweifler Fritz Schwarzschild auf, der -insbesondere die Forderung erörterte, daß jeder an seiner Stelle eine göttliche Ausgalbe erfüllen müsse. Cora Berliner verlangte Duldsamkeit gegenüber denen, die ihren Gott erst suchen müssen. „Ich fand Gott, indem ich den Mitmenschen liebte und durch die Tat meine Liebe zu beweisen suchte." Nach Bemerkungen von Wolfheim (Erfurt) und einem glänzenden Schlußwort Löfflers wurde die Erörterung geschlossen, die u. a. das interessante Ergebnis zeitigte, daß selbst die orthodoxen Mitglieder der Versammlung einem Vorschlag der Verbandsleitung zustimmten, daß eine Konferenz zwischen einigen Rabbinern und jugendlichen Führung einberufen werde, die den Versuch machen solle, in kleinen Gemeinschaften einen Gottesdienst dem Empfinden ^der Jugend entsprechend zu gestalten. Die gehobene Stimmung des ersten Tages wirkte offensichtlich am zweiten Tage nach, obschon man sich hier mit den Problemen des Tages beschäftigte. Die Stellungnahme des Verbandes zur Palästinafrage wurde nach Reden von Rosenthal (Hörde), Alfred Apfel, Karl Löwenstein (Aachen), David Krombach, Heinrich Rindskopf, Tschorniki Mainz), Dr. Emil Cohn (Bonn), in nachstehender Entschließung niedergelegt: „Die Führertagung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschland betrachtet die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina als eine historische Tatsache, die parteimäßiger Behandlung entrückt bleiben muß. Sie hofft, daß vielen in ihren Heimatländern entwurzelten Glaubensgenossen in Palästina eine auf der Religion der Väter aufgebaute Heimstätte erstehen wird, aus der belebende religiöse und geistige Impulse dem Judentum und der ganzen Welt Zuströmen. Die Führertagung verlangt, daß die erforderlichen Mittel in einer Weise gesammelt, verwaltet und ver- > wandt werden, die es den deutschen Juden jeder Richtung ermöglicht, sich freudig an einem großzügigen einheitlichen! Sammelwerk zu beteiligen. In dieser Voraussetzung richtet sie die Mitglieder der Jugendvereine und darüber hinaus an die deutschen Juden den Appell, sich an den Sammlungen und an dem Aufbau Palästinas opferbereit zu beteiligen." Die Entschließung wurde einstimmig angenommen, was ungeheuren Jubel hervorrief und dem Verbandssührer Dr. Apfel, auf dessen unermüdliche Bemühungen diese Stellungnahme in hervorragendem Maße zurückzusühren ist, zahlreiche Glückwünsche eintrug. In der nachfolgenden Ostjuden-Debatte erging die einstimmige Aufforderung an die Leitung, alle Verbandvereine aufzusordern, ihre Satzungen so einzurichten, daß Ostjuden in die Vereine eintreten können. Es wurde ausdrücklich und übereinstimmend betont, daß der Verband eine durchaus warmherzige Einstellung auf den ostjüdischen Menschen, der als Bruder zu 'betrachten sei, verklänge. Heber die bekannten Beschlüsse des Centralvereius deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens referierte Dr. Cora Berliner, die bedauerte, daß ■ man in diesem Fall von seiten des Centralveroms. ganz unnötig die Kluft Zwischen den Generationen erweitert habe. Sie machte dem Centralvereinsvorstand insbesondere den Vorwurf, daß er „Gewaltpolitik schlimmster Sorte" getrieben habe, indem er die Machtfülle, die man dem Centralverein als Abwehrorganisation gern gegeben habe, gemißbraucht habe zur geistigen Vergewaltigung der ernst mit den Problemen kämpfenden Jugend. Jetzt, wo es gelte, die Reihen zu schließen, wo sich Ungezählte zu brüderlicher Zusammenarbeit zusauunenschließen wollten, reiße dieser Beschluß künstlich wieder Abgründe auf, was tief bedauerlich fei. Unter stürmischer Zustimmung der Versammlung erklärte die Rednerin es als Pflicht des Verbandes, solche Dinge in der Öffentlichkeit auszudecken, um ihre Wiederholung zu vermeiden. Sie erwartet mit Bestimmtheit, daß die so. dringend notwendige Abwehrarbeit auch von der Jugend anerkannt und unterstützt werde. Hoffentlich gelinge es, den Centralverein von seinen Beschlüssen abzubringen. Lehrer Steinhardt (Magdeburg) fordert den Zusammenschluß der deutschen Juden zu einer Einheitsfront, die der neuen Gesamtorganisation ein anderes Gepräge geben soll, als es bei der bisherigen Zerklüftung möglich sei. Krombach (Essen) gibt der Hoffnung Ausdruck, daß es gelinge, den Centralverein von seinen Beschlüssen und von dem jetzt bedauerlicherweise beschrittenenWeg wieder abznbringen. Verheißungsvolle Ansätze hierzu seien vorhanden. Er appelliere an die Jugend, die Wwehrarbeit nicht gering einzuschätzen. Dr. A p f c I empfahl folgende Richtlinien für die weitere Entwicklung: Der Centralverein hebt in einer baldigen Hauptversammlung seine Beschlüsse auf, sämtliche Vorstandsmitglieder unterziehien sich einer Neuwahl; der Centralverein zieht sich ganz auf die Politische Abwehrarbeit Zurück und enthält sich aller Eingriffe in die innere jüdische Politik, dann sei gewiß jeder gern bereit, den Centralverein zu unterstützen. Die organisatorische Form, in der diejenigen Juden, die des Parteihaders satt seien, sich answirken könnten, werde sicherlich bald gefunden werden, und zwar möglicherweise in einem „Bund der deutschen Juden", zu dessen Gründung von zahlreichen Glaubensgenossen aus allen Lagern aufgefor'dert werde. Der Kampf gegen die Mehrheitsbeschlüsse des Centralvereius werden lediglich vom Gesichtspunkte der Einheitsfront der Juden geführt. In dem gleichen Augenblick, wo der Centralverein -sich auf sein ureigenstes Aufgabengebiet beschränke und die unnötige Brüskierung zahlreicher Glaubensgenossen zurücknehme, werde er der erste sein, der sich wieder freudig an die Seite des Centralvereius stellt. Sollte aber der Centralverein seine aus überwundener Ideologie aufgebaute Kampfstellung weiter einnehmen, werde er ebenso schonungslos in der Oefientlichkeit die Dinge beim rechten Namennennen wie bisher, wobei er die Gewißheit habe, daß der Jugendverband hinter ihm stehe, da er sein hohes Ideal, die Herstellung einer Einheitsfront, nicht sabotieren lassenkönne. Als einziger restloser Verteidiger des Centralvereius stand R o s e n t h a l (Hörde) aus, dem ausdrücklich', trotz angenomm enen