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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-06-10 · Heft 12 (10.6.1921) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 12 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
Seite 142 (sequence 10)
Language
German
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142 Ich schäme mich auf einmal vor ihm, «der ehe ich meine Dummheit wieder gutmachen kann, kommt das Mädchen ins Zimmer und meldet Besuch. „Die kommt mir gerade recht," murr-ö ich vor mich hin, beim Aufstehen denke ich darWer nach, wie ich Worte und Mene einrichte, daß der Gast nichts merke von der bei uns so seltenen ehelichen Verstimmung. Ach, der Pelz! Der leidige Pelz! Und fünf Minuten später habe ich ihn und unseren Ehezwist und alles -vergessen und sehe meinen Gast so fassungslos, so ganz seinen Worten hingegeben an, daß -er zufrieden ist mit der Wirkung seiner Neuigkeit. „Ich soll nur um Gotteswillen nichts weiter sagen. Aus Verleumdung steht Zuchthaus jetzt im Kriege, und es ist doch sicher alles n«r -Gerücht. Gott, es wird ja so viel geredet-" Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können. Am anderen Tag hörte ich das „Gerücht" schon -wieder. Am nächsten sprach man im Schlächterladen davon, im Kränzchen, überall, ganz offen, keiner sprach mehr von „Diskretion" Eine Millionenpleite! Nicht nur das, — man sprach von Unregelmäßigkeiten, die mit dem Strafgesetz kollidierten. Herr Rudi unauffindbar, irgendwo ins neutrale Ausland geflüchtet! Also, dem kannte der Krach nicht überraschend gekommen-, seine „Abreise" mußte lange vorbereitet sein. Man kommt heutzutage nicht von heute aus morgen über die Grenze. Man sprach von verfehlten Spekulationen. Das Wort Spielschulden tauchte auf. Ein anderer wußte von einem Verhältnis, das Millionen verschluckt habe. Was? nichts? gar nichts mehr? Besitzen? nein! Außer ungeheuren!, unübersehbaren Schulden und Verwickelungennichts! Das kleine Vermögen der zweiten Frau? auch mit fort! Alles fort! und hinter -allem noch der Staatsanwalt! Großer Gott! Wie trägt es der Alte? Was sagt die Stiefmutter? Was Louis Maiers? Amalie, die sich einst so zäh, so mißtrauisch des Neffen Alleinherrschaft widersetzte? Man zuckt die Achseln. Man flüstert von Mund zu Mund. Die jüdische Köchin von Lonis Maiers, die schon zehn Jahve da ist, hat erzählt-. Die Damen sind aus -einmal herzlich jovial zu der dummen Person, die sich willig von jedem -ausfragen läßt. Frau Amalie soll buchstäblich rasen und ihren Mann herunt-erputzen wie einen -dummen Jungen, daß er „so dumm gewesen sei, sich übertölpeln und hin-auSsetzen zu lassen." Jeder Satz, den sie spreche, biegäuue mit dem Wort: „dein sauberer Herr Neffe". Schon in der Nachahmung klang das „dein" unendlich verächtlich und bitter betont. Nein, das glaubte ich einfach nicht. Die Vornehmheit und Innigkeit dieser Ehe war sprichwörtlich in der Stadt und die Zärtlichkeit der kinderlosen Frau für den Neffen schön beinahe Affenliebe, — so konnte die doch wohl jetzt nicht sein. Und Jakob Maier — das wußte nun wieder der Barbier — hatte seinem Sohne laut geflucht und dann einen schweren Schlagansall gehabt. Du lieber Gott, so ist die Welt! Sie tut immer noch -das ihrige hinzu, daß es noch schlimmer, noch dramatischer werde. Gott sei Dank, der Schlaganfall erwies sich nur als eine schwere Ohnmacht. Und der Fluch? Was Jakob Maier, der alte Ehrenmann, mit sich in seinem Innern abzumachen hatte, als er erfuhr, daß sein einziger Sohn, sein Stolz und Glück, zum Betrüger geworden war, das — hat die Welt nicht erfahren. So mit Bühnenefsekten, mit Vaterfluch und Schlaganfall, arbeitet die Wirklichkeit gar nicht. Im Gegenteil, man wundert sich oft, wenn man die Menschen, die ein großes Unglück getroffen hat, -wiedersieht, daß sie äußerlich noch dieselben sind. Sie leben weiter, sie essen und trinken weiter und sorgen weiter um Kleinigkeiten. Kein Gebet scheint mir berechtigter als das, der Himmel möge uns nicht so viel Ungemach schicken, wie wir tragen können. Als ich Maiers gegen Abend zum erstenmal wieder auf der Straße begegnete, sah er freilich -noch viel gebrechlicher, wie nach schwerer Krankheit,, aus, und die kraftvolle, große Frau zog ihn -mehr, als daß sie ihn führte, aber sonst sah man den beiden nichts an. Vor mir her ging der Viehhändler Levi, beide Hände in den Taschen. Ich hörte ihn leise vor sich hin Pfeifen. . Als er an dem Ehepaar vorbeikam, zog er die eine Hand heraus und rückte im Weitergeh-en lose an seinem Hut. Ich glaube, er Pfiff dabei weiter. Der alte Maier sah ihn gar nicht; Frau Hanna sah ich den unhöflichen Gruß genau so erwidern wie damals seine übertriebene Referenz vor der Synagoge, zerstreut, kühl, -als sei sie das so und nicht anders -gewohnt, oder, als schaue sie über all so etwas hinweg. Als ich jetzt bei den beiden vorbeikam, neigte ich mich tief und ehrerbietig. Es war -der Respekt vor dem Unglück. Ich kam nach Hause und sah wohl ganz blaß aus in meiner Erregtheit. Mein guter Mann küßte mich. „Warte nur noch bis zum Januar. Dann kann ich dir -die Boa vielleicht kaufen," sagte er so recht freundlich. Und da siel ich ihm um den Hals und weinte und schämte mich, daß er mir zutvaute, es sei vor Freude. Nein, vor Reue war es, und der Mann hatte n-ichts dagegen ansrichten können, daß ich es -mir ernst und feierlich verschwor, jetzt, in Kriegszeiten eine neue Pelzboa zu nehmen. Er schüttelte den Kopf und sagte: „Lehtt mich einer die Frauen kennen. Und wenn man noch so lange verheiratet -ist, sie bleiben einem ein Rätsel." (Fortsetzung folgt.) Mcherrintsur. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher-findet irr keinem Falle statt. Jephthas Tochter. Kulturbilder aus der Frühzeit des jüdischen Volkes von Vincenz Z a P letal, O. P. Paderborn-. Verlag von Ferdinand Schöningh. Der BornJudas. Legenden, Märchen und Erzählungen. Gesammelt von M. I. -bin Gorion. Vierter Band. Weisheit und Torheit. Leipzig, im Jniselverlag. -Helene Hanna Eohn. Frauen fragen in Palästina. 1921. Jüdischer Verlag, Berlin. A. B. C. desLebens von Otto Nathan. Energetos-Ritte-Verlag. Berlin W 62, Kleiststraße 23. Haga d ct >h s che l P e s 's a ch Mit 26 Bildern nach Radierungen von Joseph B u dk-o. Geb. 25 M. R. Löwit Verlag, Wien I, Fleischmarkt 1. M i t..te i l u n g en v o m De u t sch-J s rael i t i sche n Gern ei nd eünn d. He raus gegeben vom Ausschuß des Deutsch- Israelitischen Gerneindebundes!. Nr. 94, März 1921. Karl Kautskh. Nasse und Judentum Zweite, durchgesehene und vermehrte Auflage. Stuttgart. Verlag von I. H. M. Dietz Nachf. G. m. b. H. K. C. Blätter. Monatsschrift der im Kartell-Convent vereinigten Korporationen. 11. Jah-rg. März/April 1921. 3. u. 4. Heft. Geschäftsbericht der Hirsch, Kupfer- und Messing werke Aktiengesellschaft in Berlin (Zweigniederlassungen in Halberstadt und Messingwerk bei Eberswalde). Fünfzehntes Geschäftsjahr 1920. Scholem Alejchern Menachem Mendel. Aus dem Jüdischen übertragen von S i e g f r i e d S ch m i tz. 1921. N. Löwit, Verlag'. Wien und Leipzig. Mitteilungen auf Grund neuer Forschungen über die Religionen von Rabbiner Dr. Leopold Lucas (Glogau). — Die Thesen. Kommissionsverlag der Zeitungszentrale (Z. Z.) Akt.-Ges., Berlin SW. 19,' Jerusalemer Str. 5/6. 1. Heft 1920. B. Lok er. Moskau und Zionismus, Jiddisch. Der moralische Bankerott um die linke Poale Zion. Wien 1921. Herausgegeben vom Verbandsbureau des jüdisch-sozialistischenArbeilerverbandesPoaleZivn. E i n st e i n. Einblick in seine Gedankenwelt. Gemeinverständliche Betrachtungen über' die Relativitütsiheorie und ein neues Weltsystem Entwickelt aus Gesprächen mit Einstein. Bon Alexander Moszkowski. 7. bis 15. Tausend. 1921. Hossmann u. Campe (Hamburg), F. Fontäne u. Co. (Berlin).

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