Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229494--76277-3288856- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
141 machen können/ Danach! Waren sie -die peinlichsten Erfüller des Gesetzes und Vertreter der Bildung. Ihnen gegenüber stehen die „Stillen im Lande", die den wahren Glauben wahren. Und dennoch ist dieses landesübliche Bild nur das Zerrbild. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß lange vor den letzten englischen Würdigungen sich schon in der deutschen Wissenschaft ein richtigeres Bild erzeugt Hatte, das den von geschichtlichem Ingenium erfüllten Forschungen von Wellhausen, Schürer, Bousset, Bertholet seine Farben verdankt. Im „Handbuch zum Neuen Testament" I, 2, wo Paul Wendland „Die hellenistisch-römische Kultur" (Tübingen 1907) bearbeitet hat, stellt sich denn auch die Frage klarer und richtiger so dar (S. 103 f.): Nach dem Makkabäerkrieg war der religiöse Gedanke zurückgedrängt worden. Da wird eS denn die geschichtliche Aufgabe der Pharisäer, das religiöse Erbe zu sichern, um so mehr, alsdie weltlichgesonnene, die Religion mißbrauchende Dynastie dazu nicht geeignet war. Die Pharisäer traten als „religiöse Erzieher" aus. Sie führten in den Tagen der Jdumäischen Bastarde und der Römerherrschast die Religion von Welt und Politik zurück zu ihrem geistigen Urquell, der sie seit dem Exil bestimmt hatte. Vom Staate sich zurückziehend, baute man das Gemeindeleben aus, und erst, als die römische Tyrannei zusehends krasser wurde, gab mau der stabten nationalen Strömung wieder nach. Ausdrücklich betont Wendland, daß der Pharisäer Erziehungsarbeit das Volkstum ausprägt und chnen eine geistige Herrenstellung von unerschütterlicher Geltung sichert. Ihnen gegenüber stehen die hellenistisch gesinnten Herodäer und ein weltlicher Aufklärung ergebener Adel (die Sadduzäer). Das vertiefte Glaubensleben der „Stillen!im Lande" wird gerade durch die dem Innenleben zugewandte Kultur der Pharisäer erregt und tief beeinflußt. Und schon Wellhausen bemerkt, daß religiöse Pedanterie und Disziplin gerade der Innenwelt volle Freiheit ließen, daß also das „Gesetz" durchaus keinen Hemmschuh des tieferen Lebens bedeutete. Kultus und Religion waren schon damals zweierlei, und die Pharisäer sind an diesem Unterschied nicht achtlos vorübergegangen. Und daß der literarische und philosophische Hellenismus im wesentlichen aus Aegypten und' die sonstige Diaspora beschränkt blieb, während sich im Heiligen Lande der Uebergang zum talmudischen Schrifttum vollzieht, das die reinjüdlische Kultur in die Zukunft hinübergevettet, ist nicht das geringste Verdienst des Pharisäismus. — An diesen Tatsachen gemessen, wir>d die ganze verhängnisvolle Verzerrung offenbar, die das, wie Staerk meint, „einseitige" Neue Testament sich zuschulden kommen ließ. Wir aber wollen uns trotz aller „großen Täuschungen" unsere Pharisäer und ihre mächtige geschichtliche Rettungsarbelt nicht mehr länger verekeln lassen. Die Wahrheit ist am Tag und soll nicht mehr von Torheit, Verkennung und falschem Dünkel verfinstert werden. Lölch' nicht aus das heil'ge sseurr! (Zum Feste der Gesetzgebung.) nab', aus Judas Stamm entsprossen, suchst du einen sichern Port, wähle dir zu Weggenossen Gottes^ Lehr' und Gottes Wort. Folge dem, was sie dir melden, und du wirst nicht irregehn; wirst den Ahnen gleich, — den Helden, — siegreich jeden Kamps bestehn. — Lösch' nicht aus das heil'ge Feuer, das dir tief im Herzen ruht. Was einst deinen Vätern teuer, hüt' es als dein Erb' und Gut. Lerne jedem Frevel wehren; mach' dir edles Tun zur Pflicht. Knie vor heiligen Altären, nur vor Mammonsgötzen nicht. Wenn die Stürme dich umtoben, halte ohne Furcht und Scheu deinen Blick zum Licht erhoben, und bleib.dir nur selber treu. Stolz sollst du den Rainen tragen, den ein Gott zur Ehr' dir gab. Wollen Buben frech es wagen, ihn zu schmähen, — duld's nicht, Knab'! Beug' dich nicht nach Art der Knechte vor dem Gnadensonnenschein. Setz' im Kampf für deine Rechte stolz und kühn dein Leben ein. Darfst in Furcht nicht feig' erblassen, wenn dich Hasses Glut umloht, wenn die Wut der Pöbelmassen deinen stillen Herd bedroht. Kannst du dir ein Glück nicht zimmern, < beuge dich dem Schicksal nicht. Baue auf der Hoffnung Trümmern neue Tempel dir voll Licht. Diene dort als Priester weiter dir und Israel zum Ruhm, und erkämpf dir, frommer Streiter, reines, edles Menschentum. Gelsenkirchen. S. Katz. Frau Hanna Maier. (3. Forts.) Von Anna Gold sch midi. ch denke nach, Männe, sage ich ernsthaft. „Weißt du, es wird doch schon recht kalt jetzt. Seit zwei Jahren sagst du nun: „sowie der Krieg vorbei ist". Noch einen Winter kann ich mich aber nicht ohne Boa behelfen. Du mußt mir nun eine kaufen. — Eine Nerzboa vielleicht-" Ich sehe, daß -er -ganz leise erschrickt. Mich berührt es so unangenehm, dieser kleinliche Schreck. „Was kostet denn so ein Ding?" fragte er ein wenig beklommen». „2000 Mark vielleicht," antworte ich, und er reißt die Augen ganz erschreckt auf und lehnt sich wie zu einem Entschluß weit zurück. „Kind, das geht nicht," sagt -er sanft, aber sehr bestimmt. „Du weißt, was jetzt der Haushalt kostet. Du hast doch auch eben erst ein ueues Kostüm bekommen." Und da stoße ich, weinend vor Bitterkeit, heraus: „Andere haben ganze Nerzmäntel, und bei mir soll es nicht einmal zu einer schmalen Boa reichen!" Ganz recht hat sie gehabt, denke ich bei mir, ich hätte ihn auch genommen, den alten Maier. Und dabei sehe ich verstohlen unter meinem vorgehaltenen Taschentuch nach meinem.Mann hin, der aufgesprungen ist und mit großen Schnitten im Zimmer aus und ab geht. Das tut er immer, wenn er erregt ist. Er antwortet mir gar nicht, aber sein zu Boden gesenktes Gesicht sieht ganz vergrämt aus vor Enttäuschung. Ich weiß, was er jetzt denkt: So sind die Frauen! Selbst die meine! In solcher Zeit weinen sie um einen Pelzkragen!"