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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-06-10 · Heft 12 (10.6.1921) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 12 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
Seite 137 (sequence 5)
Language
German
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137 daß das Kind in einem anderen als dem zur Zeit der Eheschließung gerneinsamen Bekenntnis erzogen, un-o 'daß das Bekenntnis des Kindes geändert werden soll. * Die Hauptversammlung des Allgemeinen Rabbiner verbandes in Deutschland. Am Mittwoch, den 18. Mai, fand in Frankfurt a>. M. nach fünfjähriger Panse eine Hauptversammlung des Allgemeinen Rabbiner- Verbandes in Deutschland statt. In den gastlich zur Verfügung gestellten Räumen der Frankfurt-Loge fanden sich gegen 100 Rabbiner aus ganz Deutschland zur gemeinsamen Aussprache zusammen. Schmerzlich vermißt wurden die Rabbiner aus dem oberschlesischen Jndustriebezirk, die durch die politischen Ereignisse an der Reise verhindert waren. Nobel (Frankfurt a. M.), der seit Guttmanns Tod die Geschäfte führt, begrüßte die Erschienenen mit einer warmherzigen Ansprache. Er führte aus, die Tagung seiein Bekenntnis zur Macht des Geistes gegenüber aller Schwere und Stumpfheit des Stoffes und zu den verborgenen Kräften der Erlösung, die aus dem Geistigen, und zwar aus ihm allein fließen. Sie sei ein Bekenntnis zur Einheit des Judentums gegenüber allem Zerklüftenden und Zerspaltenden, das der Kampf des Tages mit sich bringt. Danach überbrachten die Vertreter des Vorstandes der israelitischen Gemeinde und der beiden Frankfurter Logen den Versammelten die Willkommensgrüße ihrer Körperschaften. Den Auftakt zur Tagung gab sodann Baeck (Berlin) mit einem Referat über „Die religiösen Strömungen der Gegenwart". Er führte aus: Die Weltgeschichte hat ihren Rhythmus, ihre Zeiten des Aufstieges und des Niederganges, aber es ist schwer, eine Zeit, in der man selber lebt, zu deuten, zu wissen, ob sie in' Sonnenuntergang oder in Sonnenaufgang ist. Daß in der Gegenwart sich Neues vorbereitet, darauf scheint manches hinzuweism. Sie will nicht zurück zu einem Früheren, sondern will eine Zukunft. Sie ist eine Zeit der Bewegung, die über sich hinaus will. Und jede Zeit, die eine Zukunft sucht, ist eine Zeit der Religion. Die Kräfte der Hoffnung, die ln einer Zeit wirken, werden, daran erkennbar, wie sie die Vergangenheit schildert. In der Geschichte, die sie schreibt, stellt jede Zeit sich selber dar. So können wir die religiösen Richtungen und die religiöse Sehnsucht unserer Zeit in ihren Werken der Religionsgeschichte erfassen. Zwei Typen findet unsere moderne Religionsgeschichte im Leben der Religion: den mystischen und den prophetischen. Der eine ist der, der nur nach dem Heile der Seele und ihrer Erlösung verlangt, der andere der, der für Gott wirken, Gott zur Geltung bringen will. Der eine der religiös-egoistische, der andere der religiös-ethische Typus. Auch die beiden bestimmenden Richtungen der Gegenwart stehen darin vor uns. Die eine ist die, welche das Erlebnis der Religion sucht, das Irrationale und das- KultisäMestshietifche, diese Richtung, die vor alleni in Deutschland ihren Weg gefunden hat. Die andere ist die sozial-radikale, die von der Schweiz ausgeht, die die Welt gestalten und erneuern will. Das Judentum steht als Religion einer kleinen Minorität in der Gefahr, daß es sich in der Abwehr den herrschenden Richtungen anzupassen versucht, in der Gefahr der religiösen Mimikry. So sollte das Judentum in der Zeit, wo der Ruf „Zurück zu Kant!" besonders auch im deutschen Protestantismus laut wurde, selbst auch kantianisch sein und es stand davor, daß es sich als bloßer religiöser Moralismus erschien. Und ebenso ist heute die Gefahr da, daß es sich zu sehr der bloßen Mystik annähern will. Wie sehr wir .uns auch dieser Gefahr bewußt sein müssen, so kann uns der Blick auf die beiden religiösen Richtungen unserer Zeit doch den Blick für uns selber schärfen. An anderen lernt man sich selber kennen. Unsere Zeit hat uns gelehrt, das Umgestaltende und das Irrationale unserer Religion deutlicher zu sehen. Beides ist nicht immer genug erkannt worden. Unsere Propheten sind nicht bloße Ethiker gewesen und ihre messianischen Verkündigungen nicht bloßes sentimentales Zukunftsbild; sie waren Männer des Neubruches, Revolutionierende und sie waren Männer des zu-Ende-Denkens. Und sie sind auch nicht bloß Männer der gebietenden Klarheit gewesen, sondern Menschen, die das..Wheimnis ergriff und überwältigte. Dieses letztere besonders muß gegenüber der Rationalisierung des Judentums betont werden. Das Judentum hat beides: sein Rationales und sein Irrationales, es hat sein Gebot und sein Geheimnis, seinen Weg und seine Tiefe, es hat sein Ethisches und sein Mystisches. Und das Eigentümliche des Judentums ist gerade die Spannung zwischen den beiden, die Einheit, die aus dem Gegensatz hervorkommt. In dieser Paradoxie lebt das Judentum. Hier ist Gott der transzendente, und doch der immanente, der Gott der Ferne, und doch -der Gott der Nähe, der erhabene Gott, und doch der, dessen Odem in uns ist, hier ist die Gottesidee, und doch der persönliche Gott. Hier ist der Mensch geschaffen, und soll doch ein Schöpfer sein. Er gehört zur Welt und ist doch über der Welt. Hier ist sein' Leben göttlich durch seine Bedeutung, und doch gottlos ohne sein Tun. Es ist alles, >und ist doch an sich nichts. In dieser Paradoxie, in der Wahrheit, die über dem Gegensatz ist, liegt das Eigene des Judentums. Das Eigene des Judentums gilt es zu finden. Damit gelangen wir zu uns selbst. Die Versammlung lauschte ergriffen den tiefen und fesselnden Ausführungen des Redners and dankte ihm mit rauschendem Beifall. Es folgte ein Referat von S e l i g m a n n (Frankfurt a. M.) über „Aus- ■ gäbe und Stellung des Rabbiners in der Gemeinde" und von Lazarus (Frankfurt a. M.) über „Wirtschaftliche Fragen des Rabbinerstandes. Seligmann untersuchte in historischer Darstellung das Entstehen des neuzeitlichen Rabbinerstandes, wie er sich seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts allmählich aus dem alten Rabbinertum entwickelte und sich vor große neue Ausgaben gestellt sah. Aus dein Richter in Zivilsachen und dem Jeschiba-Lehrer wurde unter dem Einfluß staatlicher Gesetzgebung der geistliche Seelsorger, Lehrer und Prediger seiner Gemeinde. Den neuen Ausgaben entsprach und entspricht vor allem in Preußen die S t e l l u n g des Rabbiners in keiner Weise. Den Kampf um die gesetzliche oder in der Gemeindeverfassung verankerte Stellung des Rabbiners betrachtet der Rabbinerverband als ein Gebot moralischer Selbstachtung und als eine Notwendigkeit irn Interesse des jüdischen Gemeindelebens. Es ist zu fordern: Der Rabbiner ist als beratendes Mitglied zu allen Sitzungen des Gemeindevorstandes u.n d d er Gemeindevertretung h i n z u z u z i e h e n. Lazarus hatte in einem Rundschreiben an sämtliche Mitglieder des Rabbinerverbandes Auskunft über ihre Einkommensverhältnisse erbeten und gibt nunmehr das Ergebnis der auf Grund zahlreicher Antworten ausgearbeiteten Statistik in großen Zügen bekannt. Es stellt sich dabei heraus, daß unglaublicherweise noch immer eine Anzahl von Gemeinden den gegenwärtigen Teuerungsverhältnissen in keiner Art Rechnung getragen hat. Einzelne zahlen geradezu einen Hungersold. Hingegen haben wenigstens 38 Gemeinden ein Verständnis für die Erfordernisse der Zeit insofern bewiesen, als sie für die Gehaltszahlung an ihre Rabbiner die neue staatliche Besoldungsreform zugrunde gelegt haben. Aber auch hier ist es leider nur ' wenig mehr als ein Drittel der Gemeindeverwaltungen, die die volle Einweisung in die gehörige Gehaltsgruppe vorgenommen haben. Nach Behandlung einiger Einzelheiten stellt der Berichterstatter den Antrag, daß der Vorstand des Nabbinerverbandes unverzüglich und nachdrücklichst bei den Gemeinden seiner Mitglieder deren Einreihung in die gehörige Gehaltsgruppe der staatlichen Besoldungsordnung zu fordern und die Durchführung dieses Verlangens mit allen geeigneten Mitteln zu betreiben habe. In entsprechender Weise soll auch für die im Ruhestand befindlichen Kollegen, wie für die Hinterbliebenen der verstorbenen Mitglieder eingetreten werden. — An beide Referate schloß sich eine gemeinsame Aussprache, in deren Verlauf dem Lazarusschen Antrag einstimmig zngestimmt und ferner beschlossen wurde, die Forderung zu erheben, daß der Rabbiner Mitglied des Vorstandes sein müsse. Die Versammlung horte sodann Rosen th a l (Köln) und Gold mann (Leipzig) an. die sich als Referent und Korreferent zu der Palästinafrage äußerten. Die sich daran anschließende Debatte behandelte die gesamte Not der Judenheit -und der jüdischen Einrichtungen. Es ergibt sich eine Einmütigkeit in dem Wunsche, die Palästinakolonisation zu fördern, zugleich aber wurden Bedenken dahin geltend gemacht, daß es nicht angehe, ein Werk zu fördern, wenn nicht die Gewähr gegeben sei, daß es in religiösem Sinn getan wird, und daß ferner die Not der jüdischen Anstalten in Deutschland Sammlungen für sie selbst notwendig mache. Die Willensmeinung, der Versammlung fand in folgender Entschließung Ausdruck, die einstimmig zur Annahme kam: „Der Rabbinerverband in Deutschland, der zürn ersten Male seit Beendigung des Weltkrieges versammelt ist, hat folgenden Beschluß gefaßt: Durch den Krieg und seine Folgeerscheinung sind bei der Schicksalswende des Vaterlandes die religiösen, kulturellen und charitativen Schöpfungen des deutschen Judentums schwer in Mitleidenschaft gezogen, zum Teil in ihrem

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