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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-06-10 · Heft 12 (10.6.1921) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 12 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
Seite 136 (sequence 4)
Language
German
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136 Dr. Walter Nathenau Wiederaufbauminister. Wie von uns schon in der letzten Nummer angekündigt, ist Dr. Walter Rathenau zum Wiederaufbaummister ernannt worden. In seiner Rede, die er äm Zweiten d. M. im Reichstag hielt, wies er zunächst darauf hin, daß es für ihn kein leichter Entschluß war, dieses Amt zu übernehmen. „Große wirtschaftliche Reformen", führte er aus, „versprechen erst dann Erfolg, wenn das Bewußtsein des Volkes sich auf diese Reformen im voraus eingestellt hat. Ich will mein Amt nach rein sachlichen Grundsätzen führen, nicht beeinflußt von wirtschaftlichen VoreinKnommenhei-ten. Ich bin eingetreten in ein Kabinett der Erfüllung. Wir müssen Wege finden, uns mit der Welt wieder zusammenzubringen." Der neue Minister für Wiederaufbau steht im. 54. Lebensjahre. Er wurde als Sohn des Begründers der Allgemeinen Elektricitäts- Gesellschaft am 29. September 1867 in Berlin geboren und hat in Berlin und Straßburg Physik und Chemie, Mathematik und Philosophie studiert, in München außerdem Maschinenbau. Nach Vollendung seiner Studien war er mehrere Jahre technischer Beamter einer Aluminiumgesellschaft in der - Schweiz, von 1893 bis 1899 leitete er die elektrotechnischen Werke, für die er große Anlagen in Deutschland, in Rußland und in Frankreich baute. Später trat er in die A. E. G. ein, 1902 wurde er Mitglied der Direktion der Berliner Handelsgesellschaft, 1907 bis 1908 bereiste er mit Staatssekretär Dernburg die deutschen Kolonien und verfaßte die amtlichen Schlußberichte über das Ergebnis beider Reisen. Seit mehreren Jahren ist Dr. Rathenau Präsident des Verwaltungsrates der A. E. G. Das sind die Stationen des äußeren Lebenslaufes eines Mannes, der zu den geistigsten des gegenwärtigen Deutschland gehört. Sein Ruf als Organisator ist weit verbreitet; bekannt ist, daß er bei Kriegsausbruch als erster und einziger die Wichtigkeit der Rohsto fff,rage für Kriegführung und Volksversvrgung erkannt und selbst die Organisation der Versorgung und Verteilung in die Hand genommen hat. Literarisch ist Dr. Rathenau durch einige vielbeachtete und vielgelesene Schriften — „Impressionen", „Reflexionen", „Zur Kritik der Zeit", „Zur Mechanik des Geistes" — hervor getreten. * Internierungslager Stargard. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands teilt uns folgendes mit: Wie bekannt, existiert seit ungefähr einem Vierteljahr ein Internierungslager für sogenannte „lästige Ausländer", in Stargard. Während in der ersten Zeit hauptsächlich Ausländer dort interniert wurden, die sich irgendwelcher krimineller Vergehen schuldig gemacht hatten, sind in letzter Zeit auch zahlreiche Ausländer interniert worden, die früher einmal wegen zeitweiliger Arbeitslosigkeit ausgewiesen wurden, ohne die Möglichkeit zu haben, der Ausweisung nachzukommen, da ihnen die Rückkehr in die Heimat wegen der bekannten Zustände im Osten Europas zurzeit nicht möglich war. Es handelt sich also hier nicht nur um kriminelle Elemente, sondern zum großen Teil um durchaus arbeitswillige und arbeitsfreudige Ausländer, die zum Teil inzwischen längst wieder Arbeit gefunden hatten und nun von ihrer Arbeitsstelle weg interniert wurden. Unter den so Internierten befindet sich eine größere Anzahl ostjüdischer Flüchtlinge und Arbeiter. Das Arbeitersürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands hat von Anfang an sehr energische Vorstellungen gegen diese Politik erhoben und die Zuständigen Stellen, insbesondere die Ministerien, wiederholt aus die Unzweckmäßigkeit dieser Praxis aufmerksam gemacht. Nun haben sich im Lager Stargard in der letzten Zeit die Verhältnisse ganz außerordentlich verschlechtert. Die Behandlung der Internierten von seiten der Wachmannschaften spricht allen menschlichen Empfindungen Hohn. Das Arbeit^rfürforgeanit hat die Fälle untersucht und festgestellt, daß zahlreiche Internierte unbarmherzig geschlagen und mißhandelt wurden.' Die Internierten werden mit den gemeinsten Ausdrücken beschimpft. Infolge der Mißhandlungen sowie der außerordentlich schlechten Unterbringung und der mangelhaften Verpflegung ist die Zahl der im Lazarett liegenden Kranken eine außerordentlich hohe. Der Verkehr der Internierten mit der Außenwelt unterliegt schweren Beschränkungen. Der Briefverkehr wird zensuriert. Die Klagen der Gefangenen werden nicht genügend beachtet. Vor einigen Tagen ist im Lager Stargard eine mit 80 Mann belegte Baracke abgebrannt. Da absolut keine Löschmittel zur Verfügung standen, die Wachmannschaften offenbar, entgegen ihrer Pflicht, nicht rechtzeitig einsprangen, brannte die ganze Baracke nieder. Mehrere Internierte erlitten Brandwunden, darunter einer sehr schwere. Die Kleider der Internierten, deren Wertsachen und ihre Papiere sind verbrannt. Da die Baracke verschlossen war, sprangen die Internierten zum Fenster heraus. Sie wurden daraufhin von den Wachmannschaften beschimpft und zum Teil mit Kolbenschlägen mißhandelt. Am folgenden Tage beim Appell wurde den Internierten angedroht, daß sie, falls nochmals eine Baracke in Brand geraten würde, nicht mehr herausspringen dürsten, sie sollten ruhig verbrennen. Das Arbeiterfürsorgeamt hat sofort an Ort und Stelle die Vorkommnisse nachgeprüft und dann beim Ministerium schärfsten Einspruch -erhoben!. Das Ministerium des Innern teilt uns mit, daß es sofort eine strenge Untersuchung der Vorfälle eingeleitet hat. Ein höherer Beamter des Ministeriums ist nach Stargard entsandt worden. Es muß anerkannt werden, daß das Ministerium demnach schnell eingreift. Wir erwarten nunmehr die unverzügliche Abstellung dieser unglaublichen Mißstände. * Das Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten (Hilfsverein der Deutschen Juden) hat mit dem Wiederaufbau seines ganzen Emigrationsapparates s begonnen. * Die Schutzkornitees an den Grenzen werden von ihm neu eingesetzt. So ist in den letzten Tagen an der Westgrenze in Bentheim ein Schutzkomitee des Hilfsvermns der Deutschen Juden gebildet worden, dem die Herren Ivan und Egon Neter vor.stehen werden. Das Schutzkomitee wird von den Grenzbehörden wie von dem Landrat in Bentheim dahin unterstützt, daß die jüdischen Emigranten vor Ausbeutung und Benachteiligung geschützt werden können. Der Hilfsverein der Deutschen Juden beabsichtigt auch, alle bisher zersplitterten Kräfte, die sich der jüdischen Emigrantenfürsorge in Deutschland annehmen, zu vereinigen und so die jüdische Emigrantenfürsorge in Deutschland einheitlich zu regeln. Das Reichswanderungsamt bringt den Bestrebungen des Hilfsvereins volles Verständnis entgegen. Es hat das „Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenheiten (Hilfsverein der Deutschen Juden) bevollmächtigt, feinem Namen den Zusatz hinzuzufügen „Vom Reichswanderungsamt anerkannte, gemeinnützige Auskunftsstelle für jüdische Durchwanderung und Auswanderung". Als eine solche amtlich anerkannte, gemeinnützige Organisation wird es dem Hilfsverein möglich sein, seine Arbeit in enger Fühlung mit dem deutschen Reichswanderungsamt durchzuführen. * Die Religiom des Kindes. Im Rechts,ausschnß -des Reichstags wurde dieser Tage zur Grundlage der Verhandlung -ein, Antrag der Deutschen Volkspartei gemacht, der sich mit der religiösen Erziehung der Kinoer beschäftigt. Danach soll in erster Linie über die religiösie Erziehung eines Kindes die freie, jederzeit widerrufliche, mich durch den Tod eines Ehegatten von Rechts wegen gelöste Einigung der Eltern bestimmen, -soweit sie die Verfügungsgewalt über die Kinder besitzen. Besteht eine solche Einigung nicht oder nicht mehr, so sollen auch für die religiöse Erziehung die Vorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches über das Recht und die Pflicht, für die Person des Kindes zu sorgen, maßgebend sein. Es kann jedoch Währeno Bestehens der Ehe von keinem Eheteil ohne die Zustimmung des anderen bestimmt werden,

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