Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
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135 Israel fite alle Zeiten als ein „Stet echad" zu gestalten. Ueber die Wanderung Israels von Aegypten nach dem Sinai berichtet die Heilige Schrift mit den Worten: sie brachen auf, f i e lagerten; das besagt, bemerkt der Midrasch, daß sie noch immer in Streitigkeiten lebten. Als sie aber am Sinai angelangt waren, da wird erzählt: „Und Israel lagerte dem Berge gegenüber" (Jalkut Schimoni Jitro). Am Sinai eben legten sich die Streitigkeiten, verstummte der durch - die Leiden genährte Hader. Da gab es nur ein Israel, dereint und geeinigt durch den von ihm so spontan geleisteten Eid auf die Heilighaltung der ihm offenbarten Thora; da gab es nur ein Volk, einig in seinen Gefühlen und Empfindungen, in seinen Hoffnungen und Erwartungen. Man streitet noch gegenwärtig darüber, ob Israel, das : durch so viele Länder zog und so viele Völker überdauerte, als; ein Volk oder als eine religiöse Gemeinschaft zu betrachten sei, während doch seine ganze Geschichte, seit der Gesetzgebung am . Sinai bis auf den heutigen Tag, dafür Zeugnis ablegt, daß . es beide Elemente, das nationale sowohl wie das religiöse, in sich schließt: daß eine jüdische Religion, losgelöst von allen nationalen Erinnerungen und Hoffnungen, ebenso undenkbar; sei wie ein jüdisches Volkstum, das seiner alten Verfassung, den Grundgesetzen der Thora, untreu wäre. Wir halten darum ' diesen Streit für zwecklos, verfehlt und auch verderblich; denn er führt nicht allein zu immer neuen Verwirrungen und Uneinigkeiten in unserer Mitte, sondern auch zur Verunglimpfung deS israelitischen Namens in der nichtjüdifchen Welt und, was am meisten zu beklagen ist, zur Schwächung des Judentums sowohl nach der nationalen wie insbesondere nach der religiösen Seite. Für uns ist die Thora, die Moses uns geboten, keine Täuschung, weder eine große noch eine kleine; für uns ist sie die Heilige Schrift, zugleich auch das Grundbuch unserer Geschichte, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Heilige Schrift, der wir am Schabuothfeste unsere besondere Aufmerksamkeit zuwenden, spiegelt nicht allein in ihren Berichten über Geschehnisse der Vergangenheit die Ereignisse der Gegenwart wider, so daß wir unwillkürlich an das Wort des Kohelet denken: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne", sondern sie entrollt unserem spähenden Auge auch herrliche Bilder der Zukunft, erfüllt unser Herz immer von neuem mit jenen alten, von den Propheten uns verkündigten Hoffnungen und zeigt uns den Weg, der zu deren Verwirklichung führt: die Rückkehr zum Geiste der Thora, die besonders in Zeiten der Leiden und Be>drängnisse zu Frieden und Eintracht aufruft, die allein Israels Kraft und Stärke bilden. Wir halten es für überflüssig und unter unserer Würde, immer von neuem unsere Liebe und Treue zu unserem deutschen Vaterlande zu beteuern. Es gibt keinen deutschen Juden, auch unter den Zionisten nicht, der nicht an Deutschlands Geschick den innigsten Anteil nimmt und nicht bereit wäre, nach seiner Kraft und seinem Vermögen an dem Wiederaufbau des zusammengebrochenen Vaterlandes mitzuwirken. Wer das nicht glaubt, mit dem ist nicht zu diskutieren, und wer das Gegenteil behauptet, der versündigt sich gegen die Wahrheit. Allein wir halten es ebenso für unsere Pflicht zu betonen, daß unsere Liebe und Treue zu unserem deutschen Vaterlande, dessen hingebungsvolle, pflichtvewußte Bürger wir sind, uns nicht zurückhalten kann und nicht zurückhalten darf, uns auch als überzeugungstreue und opferwillige Juden zu betätigen, daß uns, als einem unlösbaren Teil der Weltjudenheit, die sowohl sittliche wie religiöse Pflicht obliegt, zur Lösung einer Ausgabe beizutragen, welche die Geschichte nun zum dritten Male an Israel stellt: Palästina zu einer nationaljüdischen Heimstätte von neuem aufzubauen. Die Geschichte kümmert sich wenig um Parteigezänke und einseitige Auffassung und Auslegung der Heiligen Schrift und der , Verheißungen unserer Propheten; sie geht ihre eigenen Wege und schreitet stillschweigend hinweg über diejenigen, die ihren Laus aufhalten zu können, ihr Richtung und Ziel vorzeichnen zu dürfen glauben. Wir dürfen nicht vergessen, daß auf unsere Stellungnahme zur Palästinafrage in ihrem gegenwärtigen Stadium, wie insbesondere auf unser Verhalten zu der unabweisbaren Forderung, die nötigen Mittel zumWiederausbau Palästinas herbeizuschaffen, gegenwärtig die Augen der ganzen zivilisierten Menschheit gerichtet sind. So schrieb erst kürzlich Hermann Mulert (Kiel) in der „Christlichen Welt" (Nr. 16, 1921): „Auf dem bisher von Mohammedanern beherrschten Boden wird sich voraussichtlich die Entscheidung darüber vollziehen, ob die Religion, aus der die unsere dereinst erwachsen ist, noch einmal einen anderen Charakter tragen wird als den der Diaspora: ob jüdisches Volkstum und jüdischer Glaube noch einmal die Vorherrschaft in einem Lande, in ihrem Heimatlande haben werden. Gelingt es den Zionisten unter englischer Gunst nicht, ein jüdisches Gemeinwesen in Palästina aufzurichten, dann wird man auch für die Zukunft den Juden schwerlich Zutrauen, daß sie dergleichen vermögen, ja, daß unter ihnen der Wille dazu verbreitet genug sei." Hüten wir uns, daß nicht auch die Geschichte uns einmal vor ihren Richterftuhl zur Rechenschaft ziehe, und denken wir, trotz allen Hindernissen, die dem Wiederaufbau Palästinas noch im Wege stehen, im Hinblick auf die trostlose Lage, in der ein großer Teil der Weltjudenheit sich jetzt befindet, an ein Wort von August Stvindberg: „Trübsal gibt Geduld; Geduld gibt Erfahrung; Erfahrung gibt Hoffnung, aber die Hoffnung läßt nicht zuschanden werden." A. K. * Die politische Aussprache im Reichstage, die vier Tage dauerte, ist nicht ohne die übliche Judendelbatte zu Ende geführt worden. Bei der Abstimmung über die Regierungserklärung bemerkte der Abg, v. Graefe (Deutschuational): Die von Herrn v. Braun geübte Kritik am Reichskanzler war durchaus gerechtfertigt. Die Scheu vor diplomatischen Niederlagen soll die Haltung des Kabinetts bestimmt haben! Dieses Kabinetts, das seine Entstehung der größten diplomatischen Niederlage verdankt. Das gange deutsche Volk von Dan bis Berseba war sich darin einig, daß das Ultimatum unannehmbar sei, und dann kam dieses Kabinett nnd machte Kotau. .Herr Wirth braucht wahrhaftig keine diplomatischen Niederlagen mehr zu scheuen. Unser Kampf richtet sich gegen das System, nicht gegen Personen. Wissen Sie nicht, daß in unseren: Parteiprogramm steht: Wie wenden wir uns gegen die seit der Revolution immer mehr hervortretende Vorherrschaft des Judentums? (Lärm links.) So lange haben Sie ruhig zugehört; sobald das Wort Jude fällt, werden Sie wild. I n diefeui Mi n i st e r i u m ist doch eine Vorherrschaft d e s Judentums äußerlich wenigstens unbestreitbar, das hat nichts gemein rnit der menschlichen Wertung der Herren. (Lärm links.) Wir versagen das Vertrauen einer Regierung, die sich zur Unterzeichnung des Ultimatums extra gebildet hat. Wir versagen dieser Negierung jedes Vertrauen, weil wir von ihr nach ihrer Zusammensetzung sowohl inbetresf der Parteien als auch inbetreff der Persönlichkeiten keine für das deuische Volk befriedigende Haltung ermarten können. Abg. Müller-Franken (Soz.): Die Rede des Abg. v. Graefe hat der Regierung in den Augen des neutralen Auslandes nur genützt. Jedenfalls ist es besser, als wenn er auch nur ein Prozent Vertrauen der Regierung ausgesprochen hatte. (Beifall links.) Wenn Herr v. Graefe die Judensvage angeschnitten hat, so erinnere ich nur an den bekannten Brief des Parteivorsttzenden Hergt. der die jüdischen Parteinritglieder auffordert, besonders durch finanzielle Opfer ihre Stellung in 'der Partei zu wahren. Wenn man diesen Brief nachliest und bedenkt, was Herr v. Graefe hier gesagt hat, so kommt man zu der Ue'berzeugung, wenn man den ganzen Mühlendamm aufbiete, so werde man keinen Juden auftreiben, der frecher auftritt als Herr v. Graefe. Die Ausführungen des Abg. Müller bürsten schwerlich ans Widerspruch stoßen. *>