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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1921-06-10 · Heft 12 (10.6.1921) · p. Seite 134

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
85 (1921)
Issue
Heft 12 (10.6.1921)
Date
1921-06-10
Page
Seite 134 (sequence 2)
Language
German
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134 Neuzeit eifrig an derArbeit, um uns dasFürchten äbzugewöhnen, und dieses Streben war erfolgreich durch die Erforschung der Naturgesetze, die die Welt im Innersten Zusammenhalten. Wir gingen aber zu weit und verlernten das Ehrfürchten. Und das ist uns zum Verhängnis geworden. Zwar gibt es eine Kulturrichtung, die die Heldenverehrung Pflegt und ihr zum Durchbruch verhelfen will. Aber diese aristokratische Anschauung. die den geistigen und sittlichen Fortschritt der Menschheit von wenigen großen Persönlichkeiten bedingt sieht, findet den stärksten Widerstand an jener, alles gleichmächenden Lebensordnung, die die Masse verherrlicht und der das Genie, wie der Verbrecher, nichts weiter als ein Produkt der Verhältnisse ist. Auf diesem Standpunkt gibt es keine Ehrfurcht, nur mißverstandene Freiheit und zügellose Willkür, bei der auch der niedrigste Alltagsmensch sich selbst das Maß seines Lebens und Schaffens, und alles Werturteils über die höchsten Angelegenheiten der Menschheit ist. und jeder das Recht zu haben glaubt, das Erhabene in den Staub zu ziehen. Das sehen die Vielzuvielen mit ihrem beschränkten geistigen Gesichtskreis nicht, daß sie am wenigsten der echten Autorität, ja auch nur des Gängelbandes zu entraten vermögen und daß nur die große Persönlichkeit sich den Luxus leisten könnte, auf das Ehrfürchten zu verzichten. Aber gerade die Helden des Menschengeschlechts, die oft einsam und unbegriffen ihres Daseins Kreise vollenden, kennen die Ehrfurcht, wie nur sie tiefe Demut und kindliche Bescheidenheit ihr eigen nennen. Eine Autorität lassen allerdings auch die kleinen Naturen gelten: das ist die eigene Autorität, der lächerliche Glaube an ihr enges Ich. Aus dieser ehrfurchtslosen Lebensrichtung ergibt sich aber die schier unglaubliche Zersetzung aller von Idealismus zeugenden Gefühle und Tätigkeiten, die notwendig mit einem Bankerott jener echten Kultur enden muß. die sich nicht begnügt mit dem Aufschwung der Zivilisation, der technischindustriellen Leistungskraft, sondern sich zum Ziel setzt, die Geister und Herzen zu einem Lebensbund wahrhaft sozialer, auf uneigennützigste Menschenliebe gegründeter Gemeinschaft zusammenzuschließen. Mit ganz besonders schweren Gefahren hat die Erziehungsarbeit bei der Ausschaltung der Ehrfurcht zu rechnen. Ein Kind ohne dieses stärkste religiös-sittliche Hauptmotiv heranzubilden, heißt die unbedingt notwendige Autorität des Erziehers, nicht zum wenigsten der Eltern, untergraben. Das bedeutet die Erziehung der Jugend zu Nützlichkeitsmenschen. die Versperrung des idealen Sinnes, des Weges nach auswärts, den Hinweis auf rein egoistische Lebensmotive. Denn nur das Ideal erweckt die Ehrfurcht, niemals aber der Nutzen und die Selbstsucht. Wir Jriden der Gegenwart haben auch bei diesem Problem unsere geistige und sittliche Eigenart immer mehr verwischt und setzen einen Vorzug darein, auch hier ja nicht gegen den Strom des Zeitgeistes zu schwimmen. Denn schließlich waren wir es doch einst, die der Welt zuerst den wahren Begriff der Ehrfurcht gegeben haben, zugleich mit dem ethischen Monotheismus, auf dessen Boden allein jene erwachsen und gedeihen kann. Aus ihr ging jene wunderbare Pietät hervor, die sich unvergleichlich durchsetzte in dem gegenseitigen Verhältnis von Eltern und Kindern, jene -unbedingte Anerkennung geistiger Größe, jener echte, konservative Sinn, der gleichsam angeboren ist, der die plötzlichen Uebergänge im Gemeinschaftsleben haßt, vielmehr im festen Vertrauen auf den Fortschritt und die Aufwärtsentwicklung der Menschheit, emsig schafft an der Verbreitung seiner weltbeglückenden Ideale, die im Zehnwort vom Sinai ihren erhabensten Ausdruck gesunden haben- Aus jüdischer Ehrfurcht wächst jüdische Treue und jüdische Dankbarkeit. Das sind die unvergänglichen Schätze, die wir einst gehütet und die uns behütet haben bei dem Ansturm einer ganzen feindlichen Welt. Nur mit der Erneuerung dieses höchsten Gedankens werden wir auch jetzt und in Zukunst siegen, weil wir dann auch eine heilige Scheu vor.der Zersplitterung, eine hellige Ehrfurcht vor der Einheit der Judenhert und des Judentums erstreben werden. Mit vollem Recht und Bewußtsein stellt daher das Judentum diesen umfassendsten religiösen Begriff nicht nur an den Beginn seines Daseins, sondern auch an den Anfang jedes neuen Jahres, dessen erste Tage es „ehrfurchtgebietende Tage" nennt. Damit gewinnen wir die sieghafte Ueberzeugung, daß wir von der Vorsehung berufen sind zur Verbreitung der Ehrfurcht vor dem einzigen Gott und vor den Heiligtümern der Seele auf Erden. Wochrnlchau. Berlin, 6. Juni. jeder rüstet sich Israel zur Feier jenes großen und denkwürdigen Tages, an dem es, zu einem freien Volke geworden, den Beginn seiner historischen Laufbahn mit einem heiligenEid auf die ihm am Sinai kundgegebene Verfassung einleitete. „Das ganze Volk insgesamt", lesen wir in der Heiligen Schrift, „sprach: Alles, was der Herr geredet, wollen wir tun." Das Schabuothsest, das uns au die unter lautlosem Schweigen der gewaltigen Naturmächte erfolgte Gesetzgebung am Sinai erinnert, erinnert uns auch an den nach langem Streit und Hader in Israels Lager eingekehrten Frieden, an den einheitlichen Willen, der das Volk beseelte, der Stimme Gottes und seines Dieners Mose zu folgen. In Aegypten, unter der Zuchtrute der Pharaonen, fand diese Stimme im Herzen der Geknechteten und Unterdrückten nicht immer den gewünschten Widerhall. Da gab es in Israel verschiedene Strömungen und Richtungen, deren Wortführer sich klüger als Moses dünkten und langmütiger als Gott sein wollten. Der Midrasch (Genesis rabba Kap. 1k) berichtet über das Gebühren der jüdischen Reichen und Privilegierten in Mizrajim, die sich als nationalägyptische Israeliten fühlten und jede Gemeinschaft mit ihren unter dem Sklavenjoch seufzenden Stammesgenossen zurückwiesen. Neben der großen Masse von Denkfaulen und Schwankenden, die heute Mose und Aaron und morgen' ihren Gegnern zujubelten, und den Bne Ephrajim, die die Erlösung durch eigene Kraft herbeisühren zu können glaubten, und ihr Wagnis, unbekümmert um das Los der anderen Stämme das Land der Knechtschaft allein und vor der festgesetzten Zeit zu verlassen, mit ihrem Untergang büßten, gab es unter den hebräischen Staatsknechten auch eine stattliche Anzahl von sogenannten ägyPtischenPatrioten, die, vonVerblendeten. Ehrgeizigen und Nörglern, wie Datan und Wiram, geleitet, das vonMose unternommensBesreiungswerkdurchallerlei Ränke zu durchkreuzen suchten. Zuerst wurde er von ihnen, wie einst Joseph von seinen Brüdern, als Träumer, als Phantast, verspottet. Dann bezeichneten sie seine Agitation als ein großes Unglück für das Volk, indem sie ihm und seinem Bruder Aaron zuriefen: „Der Ewige sehe auf euch und richtedaß ihr den Aegyptern ein Schwert in die Hand gebet, um uns zu töten (Exodus 8, 21). Schließlich schreckten sie auch davor nicht zurück, ihn öffentlich als Hochverräter anzuklagen, so daß eine Stimme vom Himmel, nach einem sinnigen Worte unserer Waisen, sich vernehmen ließ: „Wollte ich Israel nach seinen Handlungen beurteilen, würde seine Erlösung nie erfolgen." Erst am Sinai, den Israel ohne die vorangegangenen Wunder und Zeichen, die zu seiner Befreiung aus Aegypten geführt, nie erreicht hätte, vollzog sich das erste und vielleicht größte Wunder in der jüdischen Geschichte: die Einigung des Volkes auf Grund eines gemeinsamen Gesetzes. Alle Parteien und Richtungen, an denen es in Mizrajim ebensowenig wie in den späteren Exilen mangelte, hatten sich am Sinai freiwillig zur Entgegennahme eines Gesetzes entschlossen, das von nun an den Kitt bilden sollte, um

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