Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 12 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 10. Juni 1921 85. Jahrgang. Nr. 12 Allgemeine eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint vierzehntäglich. AbonnementS'Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich JE - Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46 49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresie: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. ♦ Ehrfurcht. Von Rabbiner Dr. L ö w e n st a m m (Spandau). iJillJUU*— Wv >chenscha u. — Wünsche für die Tagung des Bayerischen Israelitischen Gerneindeverbandes. Von Auch Ein e r. — Gesamtorganisation. Von I. Freude n-thal (Lbckenwalde). — Zur Pharisäersrage. Von Dr. S. A s ch n e r (Berlin). — Feuilleton: Lösch' nicht -aus das heilige Feuer. Gedicht von S.Katz (Gelsenkirchen). — Frau Hanna Meier. s3. Forts.^ Von A n n a G v l >d f ch m i d t. B ü ch e r e i n l -a u f. Der Gemeindebote (Beilage Zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums): Berlin, Memel, Breslau, Budapest. — Von Nah und Fern. jkhrfurcht. Eine Betrachtung zum Wochenfeste. Von Rabbiner Dr. Löwenstamm (Spandau). oethe, dessen tiefinnerliche Religiosität Mar keinem positiven Glaubensbekenntnis gemäß ist, den man aber mit Unrecht den großen Heiden genannt hat, geht in der pädagogischen Provinz von Wilhelm Meisters Wanderjahren bei der Darstellung seiner religiösen Auffassung von der großen Wahrheit aus: „Eins bringt niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei." Und als diesen unvererblichen, selbst zu erwerbenden Angelpunkt des echten Menschentums bezeichnet er einzig die Ehrfurcht, die in dreifacher Art bei den verschiedenen historischen Religionen in die Erscheinung getreten sein soll: Ehrfurcht, vor dem, was über uns, Ehrfurcht vor dem, was uns gleich, Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist. Diese drei Ehrfurchten aber entwickeln sich aus der obersten: der vor sich selbst. Diese ganze Goethesche Auffassung berührt sich unbewußt sehr stark mit der Grundansicht des Judentums. Nirgends so wie hier ist das Urgesühl der Religion, die Basis aller Frömmigkeit die Ehrfurcht, von der das bekannte talmudische Wort gilt: „Alles kommt von Gott, nur nicht die Ehrfurcht." Auch unsere Weisen sind also, wie Goethe, im tiefsten der Ueberzvugung, daß der Grundbegriff des wahren Glaubens eine höchsteigene Schöpfung des Menschen ist. Ehrfurcht ist das charakteristische Merkmal jeher idealen Lebensansicht und aller gemütvollen Innerlichkeit. Aus ihr ergibt sich die ganze geistige und sittliche Daseinsformung. Darum: wer dir die Ehrfurcht rauben will, der ist dein Feind. Denn sie ist dein selbsterarbeiteter, unendlich wertvoller Besitz, mit ihr steht und fällt dein Menschentum. Sie bedeutet jenen höheren Sinn, der den Menschen über sich hinausweist und ihm eine heilige, sittliche Welt, eine-harmonische Ordnung des Alls ahnen läßt. Damit ffößt sie ihm Selbstbewußtsein und Vertrauen ein. Ehrfurcht heißt Kraft, Furcht, Schwäche. Die Zeit ist ja vorüber, da die Wissenschaft und die philosophische Spekulation die Furcht für die Wurzel alles religiösen Glaubens erklärte und ihm damit den Todesstoß gegeben zu haben wähnte. Alles im Menschen sträubt sich gegen die Ansicht, daß die Furcht die Götter geschaffen habe, und wenn schon die Götter, so doch ganz gewiß nicht Gott, das Urbild aller Sittlichkeit und Freiheit. Bielmehr lehrt uns die innere Erfahrung ’ die religionsgeschichtliche Durchdringung dieses Problems, daß die Religion aus ihrer Höhe nimmermehr das Ergebnis feiger, niedriger Angst ist vor den mächtigen Naturgewalten, sondern aus der Ehrfurcht vor der Gerechtigkeit der moralischen Weltordnung notwendig hervorgeht. Die Erweckung dieses religiösen Grundgefühls stellt das Judentum an den Anfang seiner Existenz. Das Thema der sinaitischen Offenbarung heißt: Erziehung zur Ehrfurcht. Alles kam zusammen, um die Erlösten des Herrn zu dieser ragenden Höhe umfassender Menschlichkeit hinanzufnhven: die wolkenerklimmende, einsam erhabene Majestät des Horeb- Sinai, die Vorbereitungen zu diesem wunderbaren, tiefsten Weltereignis, die Erschütterung der Natur im Einklang mit der seelischen Ergriffenheit des Volkes, der ehrsuchtgebietende kategorische Imperativ „du sollst", der den ganzen Dekalog durchzieht und mit seiner großartigen Prägnanz diesen gewaltigen Worten den Stempel der Unausweichlichkeit an die Stirn drückt. Vor allem aber läßt sich der ganze mächtige Sinn und Gehalt dieser göttlichen Kundgebung in die eine Forderung zusammenfassen: „Du sollst Ehrfurcht haben". Unter diesen Gesichtspunkt wird die Gesamtheit aller menschlichen Beziehungen gestellt und zu einer allertiefften Einheit verbunden. Höchst bedeutsam ist die kraftvolle Architektonik des Aufbaus, in diesen das ganze Menschendasein bestimmenden zehn Sätzen. Vom ersten Worte, dem „Ich" der göttlichen Allpersönlichkeit, werden wir über alle Stufen des individuellen und sozialen Lebens bis zum letzten Worte, „dem Nächsten", geführt. Das ist unendlich bezeichnend für die Grnndanfchauung des Judentums, das uns die höchsten Gedanken vermitteln will über die Welt- und Selbst- und Menschenbeurteilung unter der Idee Gottes. Diese Wahrheiten erscheinen hier unter dem Urbegvifs der Religion: das ist die Ehrfurcht. Ehrfurcht vor dem, was über uns ist, vor dem allsehenden Auge, dem allhörenden Ohr, vor dem Ideal aller Sittlichkeit, dem erlösenden Gott. Ehrfurcht vor dem, was uns gleich ist, vor dem Menscheubruder, vor allen seinen äußeren und inneren Lebensgütern, vor seinem materiellen und geistigen und sittlichen Besitz. Ehrfurcht vor dom, was in uns ist, vor uns selbst, vor unserer heiligen Menschenwürde, vor dem unendlichen Wert der Menschenseele, die nicht befleckt werden ' darf durch das leidenschaftliche Begehren, durch den schwarzen Neid, der die Ehrfurcht vor Gott und dem Nächsten aufhebt und die trübste Quelle ist,' auS der der Mensch das Gift des moralischen Selbstmords trinkt. „Ehrfurcht zu hegen, ist schwer" meint Goethe, und die Entwicklung des modernen Menschentums sieht wie eine Bestätigung dieses' Wortes aus. Wir sind seit dem Beginn der