Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 11 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229482-3229493--76266-3288844- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 wuvdedaß der Beifall kein Ende nahm und sich zwei Zugaben eroberte. — Lyök (Ostpr.), im Mjai. Nachdem der Magistrat auf eine Interpellation der Stadtverordnetenversammlung wegen der dort besonders starken antisemitischen Hetze erwidert hatte, daß er der starken antisemitischen Hetze machtlos gegenüberstehe, erschien in der „Ly ck e r Z e j t un g" folgende Bekanntmachung: „Die von gewissen Kreisen betriebene Hetze gegen unsere jüdischen Mitbürger hat seit einiger Zeit eine Form angenommen, die entschieden verurteilt werden muß. Die städtischen Körperschaften haben beschlossen, gegen den Unfug mit allen vorhandenen Mitteln einzuschreiten. Wir warnen hierdurch zunächst vor der Fortsetzung des verhetzenden Treibens und bitten die Bürgerschaft im Andenken an die große Zeit der Volksabstimmung, in der auch die israelitischen Einwohner Masurens treu zum Vaterlande standen und den glänzenden Sieg des Deutschtums mit errangen, den Burgfrieden zu wahren. Sollte das Treiben gegen die Juden trotz dieser Warnung fortgesetzt werden, so werden wir mit empfindlichen Strafen, besonders gegen die Zettelankleber und Ausstreuer, einschreiten. Von der Einsicht der Bürgerschaft erwarten wir indes, daß zu solchen Bestrafungen kein Anlaß mehr gegeben wird. Die Polizeiverwaltung." M. Hamburg, im Mai. Herr Dr. Joseph, Go l dschm idt, der seit 32 Jahren als Direktor der Talmud-Thora-Realschule tätig war, trat am 1. April in den Ruhestand. Unter der Leitung des weit über Hamburg anerkannten Pädagogen hat sich die Schule bedeutend entwickelt und zählt heute mit zu den bewährtesten Schulanstalten Hamburgs. Zur Abschiedsfeier und zugleich Amtseinführung seines Nachfolgers Dr. I. C a r l e b a ch hatten sich außer den Vertretern der Behörden, Schulrat Professor Dr. Brück und Professor Dr. Meyer, die Mitglieder des Gemeindeverbandes, Repräsentanten und Vertreter anderer Institutionen eingefunden. Oberrabbiner Dr. Spitzer widmete im Namen des Schulvorstandes dem scheidenden Direktor Worte der Anerkennung für seine segensreiche Tätigkeit, Den Dank der Oberschnlbehörde sprach Professor Dr. Meyer aus, der die Tätigkeit Dr. Goldschmidts um den Ausbau der Schule würdigte. Nachdem dann noch Vertreter des Lehrerkollegiums und des Elternrats Ansprachen gehalten, dankte Herr Dr. Goldschmidt in bewegten Worten für die ihm erwiesenen Ehrungen. Herr Gemeindevertreter JakobAlexander nahm dann das Wort, um mit dem Dank des Schulvorstandes auch den Dank und die Anerkennung des Gemeindevorstandes auszusprechen. Als sichtbares Zeichen dieser Gefühle enthüllte er dann das vom Schulvorstand gestiftete Oelbild des Herrn Dr. Goldschmidt, das im Sitzungssaal des Vorstandes seinen Platz erhalten soll. Nun fand durch Herrn I. Alexander die Amtseinführung des Herrn Dr. Carlebach statt, dem er herzliche Worte der Begrüßung in seinem neuen Wirkungskreise widmete. Herr Dr. Carlebach entwickelte dann seine Auffassung über die Aufgaben des Jugendbildners. Mit dem Gesang „Lobet Gott" hatte die Feier ihr Ende. Dem Wunsche des scheidenden Direktors nachkommend, fand noch vor seinem Rücktritt die Enthüllung der Gedenktafel statt, die die Namen von fünf Lehrern und hundertzwanzig ehemaligen Schülern trägt, die den Heldentod für das Vaterland erlitten haben. — Bochrrrn, 20. Mai. Die israelitische Gemeinidie Bochum hat im Weltkriege 30 ihrer Söhne verloren, davon sind 26 gefallen, vier werden vermißt seit der ersten Kriegszeit, sie find den Toten zuzuzählen. Zum Andenken an diese Helden ist im Eingang der Synagoge an der Westseite eine Tafel eingelassen worden, die ihre Nanten der Nachwelt erhalten soll. Nach den Plänen der Architekten Robert und Kirchmeher hat der Bildhauer T e h l e n in Essen ein Kunstwerk geschaffen, das in seiner schlichten Schönheit eine stumme und doch beredte Sprache redet. Die Weihe des schönen Gedenkzeichens fand am 8. d. M. in überaus eindrucksvoller Weise statt. Nach einem in die rechte Stimmung versetzenden Orgelpräludium und einem von Herrn H. Busch meisterhaft vorgetragenen ergreifenden Cellosoli mit Orgelbegleitung richtete der Vorsitzende des Synagogenvorstandes, Kommerzienrat Schüler, an alle Gäste, insbesondere an die Vertreter des Kreiskriegerverbandes, dessen Fahnen im Halbkreis den Lorbeerhain umgaben, aus dem die goldenen Lettern hervorleuchteten, ein herrliches Begrüßungswort. Dem Anreger des schönen Gedankens, den Stiftern und Förderern entbot er tiefgefühlten Dank. Nach einem abermaligen Soli des Herrn Busch fang der wohlgeschulte Synagogenchor die wehmutvolltrostreiche Weise: „Wie sie so sanft ruhn." Die nun folgende Weiherede des Rabbiners Dr. David, ein rhetorisches Meisterstück, knüpfte an an das Klagelied Davids um Jonathan: „Wie sind die Helden so gefallen im Streite", um die Berechtigung der Klage um -die Söhne der Gemeinde, die im Kriege gefallen, herzuleiten, „denn sie kehrten nicht wieder". Die stolze Jugendkraft, die ernste Pflichterfüllung -der Männer ist der Trauer wert. Aber es sei nicht in ihrem Geiste, sich nur der Klage hinzugeben, das wäre nicht die rechte Liebe zu ihnen. Die Hochgemuten glaubten den Sinn des Lebens und ihres Sterbens darin zu finden, dem geliebten Vaterlande den Sieg zu erringen. Das Vaterland hat den Sieg nicht errungen, vergeblich war der vierjährige Heldenkampf unseres Volkes, und gerade in diesen Tagen werden wir inne, was es heißt: „Wehe den Besiegten." Der Weg, der hinausführe aus Schmerz und Bitternis, sei der Weg ins Gotteshaus, die Stätte, wo man mit anderem Maßstab als im Getriebe der Welt urteile, wo man emporblicke aus Vergänglichem zu Unvergänglichem, aus Irdischem zu Ewigem. Keine würdigere Stätte konnte darum gefunden werden für die Gedenktafel, als das Gotteshaus. „Ihr lebt, ihr Helden, so lange es Menschen gibt, die die Kraft haben, an Seelengröße zu glauben, ihr lebt im Stolz der Alten, in der Bewunderung der Jugend, lebt im Gedenken ferner Geschlechter, die wissen, daß in euch der Geist lebendig war, der aus menschlichen Leiden zu göttlich Großem führt; durch euch wird erfüllt werden das Wort: „Der Gerechte durch seine Treue wird er leben." Stimmungsvollen Nachhall fand die Rede durch den vom Synagogenchor vorgetragenen „Chor zur Seelenfeier". Mit dem Kaddischgebet, dem Chor „Lochen somach libbi" und einem wundervollen Postludium fand die ergreifende Feier einen feierlichen, trostreichen Ausklang. — Bruchsal, 20. Mai. Interessante Zahlen über die Leistungen der Jüdischen Gemeinde in Bruchsal während des Weltkrieges bringt ein im Aufträge der Stadt Bruchsal herausgegebenes Werk über „Bruchsal im Weltkriege 1914/192 0", das in einem Sonderkapitel die Israelitische Gemeinde behandelt. Hier heißt es: „Aus der Religionsgemeinde, welche im ganzen etwa 650 Seelen zählt, haben 158 Männer, also fast 25 Prozent, als Krieger sich betätigt und von ihnen sind viele verwundet und 17, also mehr als 12 Prozent, Opfer des Krieges geworden. Viele haben Auszeichnungen erhalten und neun wurden zu Offizieren und einer zum Oberstabsarzt befördert, während vor dem Kriege keinem in Baden dienenden Israeliten diese Ehre zuteil geworden war. Alle Kriegswohlfahrtseinrichtungen und -sammlungen in unserer Stadt erfreuten sich der regen Förderung der hiesigen Juden durch ansehnliche Beträge, und mehr als einer linter ihnen hat, wo er dazu berufen wurde, feine Kraft freudig und erfolgreich dem allgemeinen Besten gewidmet. Der Israelitische Wohltätigkeitsverein und der Israelitische Frauenverein, der Israelitische Krankenverein und der Israelitische Armenverein stellten vereint auch hiesigen Lazaretten Gaben zur Verfügung und sandten so manches Liebespaket an unsere Feldgrauen. Der Israelitische Frauenverein insbesondere hat ein öffentliches Synagogenkonzert veranstaltet, dessen Gesamterlös (ohne Abzug der Kosten) der hiesigen Ferienkinderfürsorge zugute kam, und er hat ferner in der Zeit der Stofsnot unter Darbietung von Material, Arbeitsräumen und Hilfskräften den minderbemittelten Frauen Gelegenheit geboten, ihre und der Ihrigen Kleidung allwöchentlich an einem Abend auszubessern, während er und viele seiner Mitglieder sich den gemeinsamen Aufgaben unserer hiesigen Frauenvereine gern zur Verfügung stellten und an ihnen sich beteiligten." Es ist bedauerlich, daß nicht alle deutschen Gemeinden derartige Kriegsgedenkbücher herausgeben. Dann würde mit Leichtigkeit sich Herausstellen, daß die jüdischen Mitglieder „mehr als ihre Pflicht" während des Krieges fite das Vaterland getan haben. Von Aah und Mn. — Eine Nachrichtenkorrespo.ndenz erführt, daß dem Präsidenten der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, Dr. Walter Rathenau, vom Reichskanzler der Posten des W i e d e r a u f b a u ministers angeboten worden ist, und daß Rathenau wahrscheinlich diesem Rufe folgen werde. — Eine äußerst seltene Auszeichnung ist dem Ehrenmitglied und ersten Vorsitzenden des Borlin-Wilmersdorfer Vereins vom Roten Kreuz, Herrn Stadtrat a. D. und Handelsrichter Gimkiewicz, verliehen worden. Anläßlich seines 70. Geburtstages ist ihm wegen seiner hohen Verdienste um die Volkswohlfahrt