Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 85 (1921)
- Issue
- Heft 11 (27.5.1921)
- Date
- 1921-05-27
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 wir mit ganzen Worten an: Papa, Mama, auf, ab . . . Von Anfang an sind die Kinder mit Freude beim Sprechenlernen. Mit Liebe und Freude sollen die Kinder in der Anstalt umgeben werden. Eine Kinderkasse, zu der vor allem Herr Dobrin, Herr Auerbach, Frau Salomon und unser verehrter Hausarzt, Herr Sanitätsrat Dr. Euphrat, stifteten, gibt uns die Möglichkeit, Ausflüge, Kinobesuche zu machen oder den Kindern Obst usw. zu verabreichen. Herr Dr. Reich wies auf die Notwendigkeit einer guten Schreibmaschine hin, um für die Schule selber Lesebücher Herstellen zu können. Er dankte den Spendern zu Ehanukah, die es möglich g-emucht haben, daß wir eine Bescherung wie einst im Frieden gehabt haben. Vor allem dankte er Frau Gin s b erg, Herrn A. Höxter, Herrn R. Reich, Herrn und Frau Dobrin, und einem unbekannten Onkel ans Amerika, welche jedem einzelnen Kinde ein Geschenk gemacht hatten, und betonte die Mitarbeit der Kollegen und der ehemaligen Schüler der Anstalt. Diese werden im September Zugunsten der Anstalt ein Wohltätigkeitssest veranst alten. Die Revisoren, Herr Frankel und Herr R a t h e n a u, stellen fest, daß -die Kasse in Ordnung, ist, und erteilen Entlastung. Herr Kommissionsrat Fried Länder gibt genaue Auskunft über die Kassenver'hMwisse ,und begründet den Voranschlag, der für das kommende Jahr 2 9 4 6 5 2 Mark beiträgt, d. h. also fast 306 000 Mark. Dieser Betrag, muß aufgebracht werden, und wir hoffen, daß trotz aller Nöte 'die Wohltätigkeit unserer Glaubensgenossen für diese einzigartige Anstalt nicht erlahmen wird. Er dankte Frau Direktor Reich für ihre aufopfernde Tätigkeit. Nach Wieder- resp. Neuwahl des Vorstandes sprach Herr Font heim dem Vorstande den Dank der Atitglreder der Vereins aus. Mji-t einem Dank an di>e Familie Reich und das Lehrerkollegium der Anstalt zu Weihensee und dem Wunsche, daß Herr Geheimrat Boas bald wieder seinen Platz emnehmen solle, schloß Herr Ginsberg die Versammlung. 22 Berlin, 24. Mai. Am 1. d. M. fand in Essen (Ruhr) eine Versammlung der Vertreter folgender Gemeinden von 'Rheinland- Westfalen statt: Barmen, Bochum, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Elberfeld, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamborn, Herne, Mühlheim (Ruhr), Oberhausen, Recklinghausen, Steele. Auf Grund besonderer Einladung wohnten der Versammlung in Vertretung des Hilfsvereins der Deutschen Inden Herr Dr. Nathan ben Nathan und in Vertretung des Arbeitersürsorgeamtes Berlin Herr Dr. Senator bei. Die Versammlung hat einstimmig den folgenden Beschluß gefaßt: „Der Hilssverein der Deutschen Juden hat sich bereit erklärt, die deutsche Zentralstelle Mr ostjüdische Aus- und Durchiwanderer zu bilden. Die heute versammelten Vertreter der Mehrzahl der rhein>isch-westsälischen Gemeinden begrüßen diese Bereitwilligkeit lebhaft und halten es für 'geboten, daß alle rheinischwestfälischen Gemeinden mrudeftens 2 Prozent des Kultussteuerzolls sofort dem Hilssverein überweisen mit der Auflage, die durch die Durchführung besonders in Anspruch genommenen Gemeinden aus den dem Verein überwiesenen Mitteln zu unterstützen." A. C. Berlin - Charlottenburg, 24. Mai. In einer Versammlung der Bezirksgruppe Eharlottenburg des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der Jüdischen Gemeinde" sprach Professor Dr. Türk über „Konfessionelle oder weltliche Schule". Im Kampf zwischen Zionismus und Orthodoxie einerseits und Liberalismus anderseits sei die Schulfrage die wichtigste. Die Zionisten verlangen nicht nur die jüdische Volksschule, sie wollen das gesamte Erziehungswesen, d. h. auch Kindergärten, höhere Schulen und Hochschulen konfessionalisieren und hebräisteren; die Weltgeschichte müsse von: jüdischen Standpunkt (?) «gelehrt werden. Die Orthodoxen erblicken in der Einrichtung von jüdischen Schulen die einzige Möglichkeit zur Durchführung der Sabbatruhe. Für Hebräisch sind 8 Pflichtnnd 2 wahlfreie Stunden vorgesehen. Sogar die liberalen jüdischen Lehrer fordern die jüdische Volksschule, allerdings nur so lange, als es auch sonst konfessionelle Volksschulen gibt. Als hauptsächlichste Gründe für die Einführung der jüdischen Schule werden der Antisemitismus der Lehrer und das schlechte Verhältnis zwischen den jüdischen und christlichen Kindern ins Feld geführt. Professor Türk hält diese Zustände nur für eine Folge der Revolution und daher für vorübergehend; er ist nicht davon überzeugt, daß mit der Einführung der jüdischen Schule nun eine Gewähr dafür geschaffen sei, .daß unsere Kinder mit echt jüdischem Geist erfüllt werben, und daß sie, die in der Schule die Möglichkeit haben würden, den Sabbat zu heiligen. dies auch im späteren Leben in der von den Orthodoxen gewünschten Weise tun würden. Gemeinsame Erziehung mit den andersgläubigen Kindern sei schon deshalb erso-rderlich weil die Gegensätze durch nichts eher ausgeglichen werden -können, als durch frühzeitiges gegenseitiges Kennenlernen und Verstehenlernen. Wo sich dies nicht ermöglichen lasse, da könnten die Kinder dann schon dazu erzogen werden, sich gegen antisemitische Anfeindungen zu wehren. Wer in Deutschland leben wolle, wolle seine Kinder auch in deutsche Schulen schicken. Die Unterstützung national-jüdischer Wünsche und die völlige Absonderung der Juden von der Mitwelt (Das wollen weder die Zionisten, noch die Orthodoxen. Die Redaktion.) sei Wasser ans die Mühle der Antisemiten; die Zahl der Austritte würde erschreckend zunehmen, wenn die Zionisten und die Orthodoxen die Mehrheit in der Gemeindevertretung erhalten würden. Gegen die Einführung der jüdischen Volksschule h'aben sich die liberale Fraktion der Repräsentantenverfammlung und die Arbeitsgemeinschaft der jüdisch-liberalen Jugendvereine ausgesprochen. — Im Anschluß hieran behandelte Frau Martha Henschke das Thema „Frauenarbeit und jüdische Gemeinde". Trotz aller sonstigen Fortschritte sei die Frau noch nicht zur Gemeindevertretung zugelassen. Die jüdische Frau solle aber auch, wenn ihr dies durch Aushebung des Gesetzes von 1847 erst gelungen sei, vor allem dafür sorgen, daß ihr Haus ein wirklich jüdisches sei; dazu müsse sie im allgemeinen ihr jüdisches Wissen erweitern, sie solle sich aber auch weiter gemeinnützig betätigen und dazu helfen, daß der Idealismus wieder zu seinem Rechte komme. Der Liberale Verein müsse dazu beitragen, daß das Gesetz von 1847 möglichst bald aufgehoben werde. — An dritter Stelle sprach Dr. Salomonski über „Aufbau und Abwehr". Nachdem die Jüdische Gemeinde durch die Kriegs- und Nachkriegsjahre heruntergewirtschastet sei, müssen die Liberalen für den Wiederaufbau sorgen-; die anderen seien dazu nicht so geeignet, da die Jüdifchnationalen politische Ziele verfolgten und die Orthodoxen zwischen diesen und den Liberalen hin und her schwanken. Wenn uns die augenblickliche Situation nicht günstig zu sein scheine, so sei es in großen Dingen oft schon etwas wert, das Gute gewollt zu haben. Das liberale Judentum wolle modernes, religiöses Leben erwecken, es wolle aber nicht nur Neuerungen einführen und das abschaffen, was feinen inneren Wert verloren habe, sondern auch das erhalten, was heute noch wertvoll fei. Außer auf religiösem Gebiet könne sich der Liberalismus auch sonst fördernd betätigen. Das jüdische Bildungswesen müsse durch Vereinheitlichung der Rabbinerfeminare verbessert werden, das Gesetz von 1847 müsse aufgehoben werden, zahlreiche soziale Aufgaben harren ihrer Lösung. M. F. Tilfit, 20. Mai. Ein Jüdischer Liederabend wie er im neu und sehr edel erstandenen Kasinosaal in Tilsit — zu meiner Gymnasiastenzeit durften Juden im Kasino kaum Mitglieder werden '— ein zahlreiches Publikum erfreute, wäre noch vor etwa 15 Jahren in der Provinzialhauptstadt des preußischen Litauens, Tilsit, eine Unmöglichkeit gewesen. Jetzt schreibt in der „Tilsiter Allgemeinen Zeitung" einer der angesehensten Musikkritiker Ostpreußens über diesen von dem Berliner Baritonisten Leo Gollanin mit künstlerischer Unterstützung von D. Ginz - > b e r g (Königsberg) veranstalteten jüdischen Liederabend: „Das Programm, das mit zwei prächtigen P e s s a ch - Liedern eröffnet worden war und das auch sonst noch manche edle Perle barg, gab einen anschaulichen Durchschnitt durch diese jüdische musikalische Kunst; so wurden besonders die ernsten Lieder zu einer ergreifenden Gabe, wie z. B. „A h e i m", dann ganz besonders das unendlich stimmungsstarke „Die Marnrne un dos Kind" und das gebetartige „E i l i, Eil i", in dem sich ein starkes seelisches Empfinden offenbart. Von den fünf humorvollen Liedern mußte das „B a l - a g o l e" und das K i n d e r l i e d wiederholt werden, so stürmisch war der Beifall." — Der Musikkritiker F. K. Eschmann erwähnt noch, daß eine ganze Anzahl dieser Lieder von dem hervorragenden russischen Komponisten P. L j w o w bearbeitet sind und schließt: „Trotz des Frühlingswetters war dieses Konzert sehr gut besucht, das seine Vorzüge gleichermaßen in den eigenartigschönen Darbietungen (um wieviel schöner sind sie als die jetzt oft halb verblödeten, angeblich, „pikanten" Kabarettcouplets!) wie in der großen Kunst des Sängers hatte, und deshalb ist sicherlich (zumal ja Hakenkreuzler nicht anwesend waren) niemand ohne hohe Befriedigung von hinnen gegangen. Die letzte Darbietung war ein chassidisches Tanzlied, das rhythmisch so feurig wiedergegeben